„Dickmacher Nummer eins“

Wie gefährlich ist Zucker? Die Wahrheit über Süßes

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München - Großbritannien plant eine Steuer auf süße Getränke. Wie gefährlich ist Zucker wirklich? Ein Experten-Interview.

Dietrich Garlichs ist Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Wir sprachen mit ihm über Zucker und den Sinn einer Steuer auf süße Getränke.

Warum mögen wir Zucker so gerne?

Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer Deutsche Diabetes Gesellschaft 

Dietrich Garlichs: Geschmack wird geprägt, je nach dem, was Sie in der Kindheit essen. Wenn Sie aufwachsen mit Schokoriegeln und anderen stark gesüßten Produkten statt mit natürlichen Lebensmitteln, gewöhnen Sie sich dran und essen auch als Erwachsener gern viel Süßes. Das ist das Gleiche mit Salz. Wenn man den Salzgehalt im Brot ganz langsam vermindert, wie Argentinien das gemacht hat, merkt man das gar nicht. Lässt man das Salz plötzlich weg, schmeckt man das natürlich. Es gibt auch eine evolutionsbiologische Erklärung, die besagt, süße Früchte seien nicht giftig, deshalb hätten wir einen Hang dazu.

Was macht Zucker mit unserem Körper?

Garlichs: Das Wesentliche ist, und das ist auch der Hintergrund für die Softdrink-Steuer, dass Sie heute mit den vielen gesüßten Lebensmitteln einfach zu viele Kalorien zu sich nehmen. Wir essen doppelt so viel Zucker, Fett und Salz wie uns gut täte. Das ganze Fertigessen zum Beispiel ist hochkalorisch. Mehr als die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig, das bedeutet ein hohes Risiko für alle möglichen Krankheiten von Diabetes über Herzinfarkt, Schlaganfall bis hin zu verschiedenen Krebsarten.

Macht uns Zucker auch abhängig?

Garlichs: Die Debatte gibt es, aber da gibt es noch keine Erkenntnisse.

Gibt es guten Zucker und bösen Zucker?

Garlichs: Das kann man am Beispiel von Frucht oder Fruchtsaft gut demonstrieren. Die ganze Frucht ist gesünder als der Saft, obwohl der Zuckergehalt gleich ist. Der Grund ist, dass in der ganzen Frucht auch Ballaststoffe und andere wertvolle Stoffe enthalten sind, die dem Saft fehlen. Und von der Frucht ist man weniger als man Saft trinkt.

Kann zu viel Fruchtsaft also schaden?

Garlichs: Ja. Die Frucht an sich ist immer zu bevorzugen. Zu viel Fruchtsaft kann auch bedeuten: zu viel Zucker.

Finden Sie eine Zuckersteuer gut?

Garlichs: Ja. Die Entscheidung der Briten ist nicht nur mutig, sie ist auch richtig und weitsichtig. Alle Bemühungen der letzten Jahrzehnte, den Leuten mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, seid vernünftig, esst ausgewogen, nicht zu kalorienreich, haben nichts gebracht. Das ist auch verständlich, weil wir heute an jeder Ecke 24 Stunden am Tag von Essensangeboten, Fast Food und Snacks umgeben sind. Dagegen kommen wir gar nicht an.

Aber was bringt es, wenn die Produkte teurer sind?

Garlichs: Ein Preissignal hat zwei Auswirkungen. Es ist ein Anreiz für die Produzenten, ihre Rezepturen zu verändern, wenn sie aus der Steuer rauskommen, indem sie weniger Fett, Salz oder eben Zucker dazugeben. Und die Verbraucher können sich auch überlegen, ob sie den Muffin mit viel Zucker nehmen oder den mit weniger – was dann auch noch preislich belohnt wird. Mit der Alkopop-Steuer verschwanden die Alkopops. Und die Tabaksteuer ist bei weitem das wichtigste Instrument, die Raucherquote bei Jugendlichen zu halbieren. Alle anderen Maßnahmen waren nicht so wirksam.

Wird gesunde Ernährung durch eine Steuer nicht zu einer Frage des Geldbeutels?

Garlichs: Eine gesunde Ernährung darf kein Statussymbol für Besserverdienende sein. Wir brauchen die Entwicklung gesünderer Produkte für die Breite der Gesellschaft. Die Lebensmittelwirtschaft kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie ihre Produktrezepturen verbessert.

Macht der Zucker, den wir Deutschen über süße Getränke zu uns nehmen, wirklich so viel aus?

Garlichs: Softdrinks sind weltweit die Dickmacher Nummer eins. Über die süßen Getränke nehmen wir sehr viel Zucker zu uns – einfach deshalb, weil wir große Mengen davon trinken. Dazu kommt, dass der Zuckergehalt von Coca-Cola zum Beispiel enorm ist.

Es gibt die These, Zucker sei ein Gift wie Alkohol oder Nikotin. Stimmen Sie zu?

Garlichs: Nein, das ist übertrieben. Zucker ist für die Ernährung wichtig – aber in vernünftigen Mengen. Die Weltgesundheitsorganisation hat vor kurzem die empfohlenen Mengen benannt. Bei einem Erwachsenen wären das etwa 25 Gramm oder sechs Teelöffel Zucker pro Tag.

Was sind die größten Zucker-Fallen?

Garlichs: Die Lebensmittel, bei denen man gar nicht vermutet, dass Zucker drin ist. Bei Bonbons oder Schokolade ist das offensichtlich. Aber bei Brot, Lachs oder Ketchup nicht. Diese Lebensmittel sind besonders tückisch. Keiner liest die lange Liste hinten auf dem Lebensmittel! Wir bräuchten deshalb eine klare Kennzeichnung wie die Ampel.

Wie würde dieses Ampel-System funktionieren?

Garlichs: Grün bedeutet, dass eine geringe Menge an Zucker im Produkt enthalten ist. Gelb steht für einen mittleren Gehalt und empfiehlt den Genuss in Maßen. Rot weist auf einen hohen Anteil hin und mahnt zu einem sparsamen Verzehr.

Es gibt viele Getränke mit dem Zusatz „light“ oder „zero“. Machen die weniger dick?

Garlichs: Das Erstaunliche ist, dass die „light“-Getränke keinen Vorteil beim Abnehmen bringen. Das zeigt sich in vielen Untersuchungen. Man weiß noch nicht genau, woran das liegt.

Wie sollen Eltern den Zucker-Konsum ihrer Kinder regeln?

Garlichs: Das ist natürlich schwierig, wenn die Kinder an allen Ecken und Enden von Werbung für zuckerhaltige Produkte und Getränke umgeben sind. Wir glauben, dass klare Regelungen in Kindergärten und Schulen ein wichtiger Schritt wären.

Wie könnte das funktionieren?

Garlichs: Gesüßte Getränke werden gar nicht erst angeboten – und in allen Kindergärten und Schulen steht Wasser kostenlos zur Verfügung. An Schulen, wo das bereits so gehandhabt wird, hat man festgestellt, dass die Gewichtsentwicklung der Kinder viel gesünder ist. Es sollten auch Qualitätsstandards für das Essen gelten. Es gibt immer mehr Ganztagsschulen, in denen die Kinder essen – da gibt es leider noch keine verbindlichen Vorgaben zum Beispiel nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Das wäre eine wichtige Hilfe für die Eltern, die Ernährung ihrer Kinder zu verbessern.

Wenn Kinder also nicht von klein auf an süßen Geschmack gewöhnt werden, sind sie später nicht so scharf darauf?

Garlichs: Genau, dann haben sie gar nicht so sehr das Verlangen nach Süßigkeiten und süßen Getränken.

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