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Botulinum ist ein Ausscheidungsprodukt des Bakteriums Clostridium Botulinum und das stärkste uns bekannte Gift.

Faltenfrei auf Zeit

Ein Gift macht Karriere: 1980 setzte der US-Augenarzt Alan Scott erstmals Botulinum, auch bekannt unter dem Namen Botox, in seiner Praxis ein.

Die Bakterien-Ausscheidungen unterbinden die Reizübertragung von Nervenzellen auf den Muskel und entspannen ihn dadurch.

Der Augenarzt behandelte damit das Schielen, wofür Botox 1989 auch seine erste Zulassung als Medikament bekam. Der Durchbruch für die Schönheitsbranche kam zufällig, als eine kanadische Ärztin feststellte, dass die Stirnfalten ihrer davon durchaus begeisterten Patientinnen nach der Behandlung verschwunden waren. 2002 wurden Botulinum- Präparate als Mittel gegen Stirnfalten zugelassen, seit 2006 sind sie auch in Deutschland genehmigt. Heute ist es weltweit das am meisten eingesetzte Medikament gegen Falten. Doch es ist eine Wirkung auf Zeit: Der Wirkstoff wird vor Ort von Enzymen abgebaut. Nach gut vier Monaten beginnt der Muskel erneut zu zucken – und die Haut darüber legt sich wieder in Falten: Botox produziert treue Stammkunden.

Dr. Keywan Taghetchian glättet in seiner Klinik Smoothline behutsam die Falten der Kunden

Er nennt sich ganz bewusst Schönheitsmediziner – nicht Chirurg. Denn Dr. Keywan Taghetchian arbeitet nicht mit dem Skalpell: Sein Werkzeug sind Spritzen. Smoothline heißt die Praxis in München, der er als medizinischer Leiter vorsteht, und sein Ziel ist es, Menschenentspannterund frischeraussehenzulassen: „Wir wollen das Altern der Haut herauszögern und die Jugendlichkeit unserer Kunden behalten.“ Zwei Methoden stehen dem Team aus vier Männern und einer Frau dabei hauptsächlich zur Verfügung: Mit gezielten Injektionen von Botulinum gönnt er den Muskeln im Gesicht einen Schönheitsschlaf, deren Bewegung Falten z. B. auf der Stirn oder rund um die Augen verursachen. Wenn die Muskeln sich weniger stark zusammenziehen können, bleibt die Haut darüber glatt. Tief eingegrabene Runzeln verschwinden nicht ganz. Sie können mit sogenannten Fillern, z. B. aus Hyaluronsäure aufgefüllt werden. Das ist auch die Methode gegen Furchen, die sich nicht aufgrund von Muskelbewegungen, sondern wegen des Volumenverlusts von Gewebe unter der Haut bilden, wie die häufig recht tiefen Linien von Nasen zum Mundwinkel, den sogenannten Nasolabialfalten. Auch wenn Botulinum hochverdünnt eingesetzt wird, muss es sehr sparsam dosiert werden, sodass die Mimik erhalten bleibt.

Bilder von eingefrorenen Gesichtern, wie von Hollywoodstars Nicole Kidman, die glattgebügelt nur noch Grimassen schneiden kann, wirken auf deutsche Kunden abschreckend. Dr. Taghetchian: „Meine Kunden wollen natürlich aussehen, so als kämen sie gerade erholt aus dem Urlaub.“

Dass ein Arzt nachgeholfen hat, soll nicht sichtbar sein. Das Konzept von Smoothline, sich ganz auf die Behandlung von Falten zu konzentrieren, stammt aus der Schweiz, wo die Firma Marktführer ist: Jeder soll zeitnah einen Termin bekommen. In einem Beratungsgespräch klären der Arzt und der Kunde das Ziel der Behandlung. Werden Schlauchbootlippen oder eingefrorene Gesichter gewünscht, verweigert sich der Arzt, ebenso wie den Botoxpartys: „Das entspricht nicht unserer Philosophie.“ Die Stirn sorgenvoll in Falten legen, ist mit Botox zwar nicht immer gleich gut möglich – wie Dr. Taghetchian aus eigener Erfahrung weiß: „Aber das Lachen und Schmunzeln wollen wir immer erhalten.“ Wichtig ist ihm, die Sicherheit der Behandlung zu maximieren: „Als Nebenwirkungen kommen selten Kopfschmerzen, Rötungen oder kleine Blutergüsse vor.

Die Behandlung ist sehr sicher. Doch es ist nicht risikolos und gehört daher in die Hände von ausgebildeten Ärzten.“ Botulinum erreicht seine Wirksamkeit nach zwei bis drei Tagen, ein bis zwei Wochen nach der Behandlung kommt der Patient zu einer Kontrolluntersuchung vorbei, um zu überprüfen, ob alles wunschgemäß verlaufen ist. In seltenen Fällen wird nachbehandelt. Kritiker fürchten, dass die Muskeln auf Dauer erschlaffen können. Dafür gibt es bisher jedoch keine Anzeichen.

MEHR INFOS

Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin- Therapie bildet Ärzte aus und hilft bei der Arztsuche: www. dgbt.de

Gesichtsfalten und die Kosten der Behandlung

Falte Behandlung Preis
Sorgenfalten Botulinumtoxin 300 Euro inkl. Gl
Zornesfalten (Glabella) Botulinumtoxin 250 Euro
Häschenfalten Botulinumtoxin mit Stirn ca. 300 Euro
Krähenfüße Botulinumtoxin 250 Euro
Nasolabialfalte beidseits Filler: Hyaluronsäure 400 Euro
Mundwinkel Hyaluronsäure 400 Euro
Kinnquerfalten Botulinumtoxin circa 100 Euro
Erdbeer-Kinn, Pflastersteinrelief Botulinumtoxin z.T. im Preis inkl.
Halsquerfalten meist Operation nötig je nach Umfang der OP
Truthahnhals Botox circa 550 Euro

Botolinumtoxin – das Wurstgift

Botulinum ist ein Ausscheidungsprodukt des Bakteriums Clostridium Botulinum und das stärkste uns bekannte Gift. Schon wenige Nanogramm reichen, um einen Menschen zu töten. Wurstgift heißt es, weil es zum ersten Mal 1817 vom schwäbischen Landarzt Justinus Kerner in verdorbener Wurst nachgewiesen wurde. Die Substanz blockiert die Reizübertragung zwischen Nerven und Muskeln. Der Wirkstoff ist in 85 Ländern bei rund 25 verschiedenen Krankheitsbildern als Medikament zugelassen. In Deutschland z. B. wird er gegen chronische Migräne, bei der Behandlung der Reizblase und in der Nervenheilkunde zur Therapie schwerer neurologischer Bewegungsstörungen eingesetzt. Auch übermäßige Schweißbildung wird mit Botulinum behandelt. Alle Chargen des Gifts mussten bisher im Tierversuch getestet werden, wobei jährlich Tausende Mäuse starben. Als erster Hersteller darf nun die Firma Allergan einen Test ohne Tierversuche durchführen.

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