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Die Lust am Entsagen

Fasten: Was im Körper passiert

München - Fasten hat eine lange Tradition – und heute entdecken es viele neu. Doch woher kommt die Lust am Entsagen und was passiert dabei im Körper?

Im Mittelalter war Fastenzeit kein Zuckerschlecken: Wer sich’s mit dem Herrgott nicht verscherzen wollte, musste strenge Regeln einhalten: 40 Tage sollten die Menschen auf das wenige verzichten, was ihr oft kärgliches Dasein erträglicher machte: Das Fleisch warmblütiger Tiere, Eier, ja sogar Butter und Milch waren bis Ostern verboten. Nur sonntags nicht. Da war Fastenpause. Hungrige Christen erklärten damals kurzerhand den Biber zum Fisch. Und in manchem Kloster wurde Bier zur Ersatznahrung.

Für moderne Katholiken kommen solche Schummeleien nicht infrage. Dafür fällt ihr Opfer meist bescheidener aus: kein Alkohol, nichts Süßes – oder einfach weniger Fernsehen. Der neuen Fastengemeinde geht es meist weniger um Buße und Umkehr. Man will Kilos, Stress und Schlacken loswerden – oder sich selbst finden. Fasten liegt im Trend. Wie schon seit Jahrtausenden.

Doch was entfacht die Lust am Entsagen – und das weltweit? Eine Antwort könnte ein Blick in den fastenden Körper liefern. Was darin abläuft, verstehen Forscher immer besser. Fehlt der Nachschub, reagiert der Organismus rasch. „Der Körper setzt sich zur Wehr, er fürchtet um sein Überleben“, sagt Prof. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin, das zur Technischen Universität München gehört. Man reagiert mit einer hormonellen Umstellung. Die Folge: Der Organismus wechselt in den Mangelbetrieb. „Fasten erfordert eine gewaltige Anpassung des Stoffwechsels“, sagt Hauner. Nun wird nicht mehr auf-, sondern abgebaut.

Fasten: Was im Körper passiert

Zuerst plündert der Körper den Zucker, den er für kurze Engpässe als Glycogen in der Leber speichert. Nach 24 Stunden ohne Nachschub ist auch der alle. Die inneren Organe und das Gehirn verlangen aber nach Energie. Die holt sich der Körper jetzt aus Notreserven – nicht nur aus lästigen Speckröllchen. Auch etwas von dem Eiweiß aus Muskeln und sogar der Organe wird abgebaut. „Alle Organe büßen beim Fasten etwas an Größe ein“, erklärt Hauner. Nach nur einer Fastenwoche nur wenig. Wer aber lange und extrem fastet, riskiert sogar einen gefährlichen Abbau des Herzmuskels.

In der Fasten-Not braucht der Körper weniger Energie – nicht nur, weil die Verdauung frei hat. Auch das Herz schlägt langsamer, der Blutdruck sinkt. Fastende haben darum manchmal Kreislaufprobleme und frieren schnell. Auch der Muskelabbau lässt den Energiebedarf sinken: „Um 20 bis 25 Prozent“, sagt Hauner.

Nur bei einem Organ wird nicht gespart: Das Hirn muss nicht hungern – ein Erbe unserer Vorfahren. Ein träger Geist macht schlecht Beute – die Hunger beenden würde. Doch das Gehirn ist wählerisch, verlangt Traubenzucker als Treibstoff. „Das Gehirn fängt an zu schreien: Wo ist mein Zucker?“, erklärt Prof. Dieter Melchart, Direktor des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) am Klinikum rechts der Isar in München. Weil Menschen aber Jahrtausende lang mit Hunger klarkommen mussten, hat ihr Körper eine Lösung gefunden. Das Gehirn stellt auf einen weiteren Treibstoff um, auf sogenannte Ketonkörper, die beim Abbau von Fettsäuren in der Leber entstehen. Sie führen übrigens auch zu dem üblen Mundgeruch, den viele Fastende kennen.

Für den Körper bedeutet eine so gewaltige Umstellung vor allem: Stress. „Darum fühlen sich Fastende am Anfang oft unwohl, sind nervös oder sogar aggressiv.“ Doch meist verschwinden die Gefühle schnell – zumindest, wenn man freiwillig auf das Essen verzichtet. Erzwungener Verzicht indes führt zu Dauerstress. Er setzt eine hormonelle Kettenreaktion in Gang, bei der viel Cortisol gebildet wird. Das Hormon hält den Stresspegel hoch. Denn der Hungernde soll handeln, ehe seine Kräfte schwinden.

Der Göttinger Neurobiologe Prof. Gerald Hüther hat beim Tierexperiment mit fastenden Ratten erhöhte Mengen des Stresshormons gefunden. Auch im Urin eher widerwillig fastender Menschen war der Cortisolspiegel deutlich höher als bei einer Vergleichsgruppe, die mit Freude Verzicht übte. Eine positive Einstellung kann den Stress offenbar unterdrücken.

„Es ist so, als ob es stiller wird in mir"

Irgendwann lässt das Hungergefühl nach und weicht innerer Gelassenheit. „Ab dem Nachmittag stellte sich eine ganz besondere Stimmung in mir ein“, beschreibt „Morgentau“ im Forum der Internetplattform Heilfastenkur.de. „Es ist so, als ob es stiller wird in mir. Ich mache nicht mehr vier Dinge gleichzeitig.“

Woher die gute Laune kommt, hat Neurobiologe Hüther an Ratten studiert. Er fand heraus: Beim Fasten wird im Gehirn mehr vom Stimmungsaufheller Serotonin gebildet. Er wirkt auch länger. Weil beim Fasten weniger Serotonin-„Staubsauger“ zugange sind, also Eiweiße, die die Moleküle „wie kleine Staubsauger“ zurück in die Zellen saugen. Fasten wirkt damit ähnlich wie Medikamente gegen Depressionen: Diese blockieren die Serotonin-Staubsauger.

Vielleicht ist es die Wirkung, die Fasten zum weltweiten Publikumserfolg macht. „Gefastet wird in fast allen Kulturen, meist als Vorbereitung auf rituelle Handlungen“, sagt Hüther. Schamanen und Priester versetzen sich damit in transzendentale Zustände.

Nicht wenige gestresste Menschen bereiten sich intensiv auf die Fastentage vor, nehmen sich sogar extra Urlaub. Sie fahren zum Fastenwandern in die Toskana, zur Fastenkur in eine Klinik am Bodensee oder ziehen sich zum Suppenfasten in die Stille eines Klosters zurück.

Auch das Münchner KoKoNat bietet Kurse für Fastenwillige, aber ambulant. „Da sehen wir Patienten, die gar nicht mehr aufhören wollen“, sagt Prof. Melchart und lacht. Einen so begeisterten Faster gibt es nämlich auch unter seinen Kollegen: „Ich muss ihn jedes Mal zum Aufhören zwingen.“ Aber nach 40 Tagen sollte selbst für Fastenprofis Schluss sein.

Denn der Körper kann sich nur eine Zeit lang mit dem Fasten arrangieren – dann wird es gefährlich. Ernährungsmediziner Hauner hält darum wenig von strengen Fastenkuren. Die Fastenden erhofften sich zu viel davon. Der klare Kopf, von dem viele berichten? „Ein Mythos“, meint Hauner. „Wenn Sie zum Fasten in ein Kloster oder eine Klinik gehen, dann kommen Sie raus aus dem Tagesstress und müssen sich um nichts kümmern. Da ist es doch kein Wunder, dass das ein Wohlgefühl erzeugt.“

Nimmt man beim Fasten wirklich ab?

Viele Faster hoffen, schnell Gewicht zu verlieren, wenn sie ein, zwei Wochen lang nur Gemüsebrühe essen. Tatsächlich zeigt die Waage danach oft ein paar Kilo weniger. Doch viele halten sich allenfalls an den Aufbautagen, den ersten Tagen danach, beim Essen zurück. Danach schlagen sie wieder zu. Dann sind nicht nur die Fettdepots schnell wieder gefüllt – es kommen sogar welche hinzu. Dabei braucht der Körper erst mal weniger Energie. Die Folge: der „Jojo-Effekt“.

Dass man mit Diäten – und eine solche ist auch das Fasten – nicht abnimmt, davon ist der Lübecker Hirnforscher und Autor Prof. Achim Peters überzeugt – aus anderen Gründen. Für ihn ist chronischer Stress die Hauptursache von Übergewicht. Das gestresste Gehirn fordere mehr Traubenzucker – und lässt einen kräftig zugreifen. Seine Theorie, nicht unumstritten, beschreibt er in seinem Bestseller „Das egoistische Gehirn“. Ab Montag liegt die Fortsetzung in den Läden: „Mythos Übergewicht – Warum dicke Menschen länger leben“, so der provokante Titel.

Der Jojo-Effekt ist nicht unausweichlich, meint indes Naturheilkundler Melchart. Wer sich schon beim Fasten viel bewegt, verhindert, dass der Energiebedarf so stark abfällt. Zudem nehme man danach den Geschmack vieler Lebensmittel intensiver wahr, weiß Melchart. Er fastet selbst hin und wieder. Für die gleiche Süße brauche man dann weniger Zucker. Hinzu kommt: Die Erfahrung, sich selbst kontrollieren zu können, sei wichtig. Im Prinzip wüssten die meisten ja, wie man sich gesund ernährt. Es fehle nicht an Wissen, sondern an Motivation. Die könne der Erfolg beim Fasten liefern.

Zudem sei nicht das Fasten, sondern der ständige Überfluss ein Problem für den Körper, glaubt Melchart. Mit dem seien Menschen erst seit wenigen Jahrzehnten konfrontiert. Dabei haben sich ihre Gene in vielen Jahrtausenden des Darbens auf Hungerphasen eingestellt. „Früher war Bewegung garantiert, Ernährung dagegen nicht“, sagt Melchart. „Heute ist es umgekehrt.“

Doch so schnell verändern sich die Gene nicht. Weil ein Sättigungsmechanismus nie nötig war, der vor Übergewicht schütze, habe sich auch keiner entwickelt. Durch das ständige Überangebot habe man aber nie gelernt, seinen Sättigungstrieb einzustellen. Fasten sei eine Gelegenheit dazu. Bei den Kursen des KoKoNat lernen die Teilnehmer darum schon beim Fasten, wie sie sich hinterher gesünder ernähren können. Und sie finden die nötige Ruhe, um sich zu überlegen, was in ihrem Leben gut läuft – und was sie ändern sollten.

Vorsicht: Nicht jeder sollte fasten!

Dennoch: Die Belastung einer Fastenkur ist nicht für jeden gut. Bei vielen chronischen Erkrankungen ist Fasten tabu. Krebspatienten sollten unbedingt darauf verzichten, auch Herzkranke. Sinkt der Kaliumspiegel zu stark, könne es Störungen des Herzrhythmus geben, warnt Hauner. Gichtpatienten sollten wissen, dass Fasten einen Gichtanfall auslösen kann. Denn dabei steigt der Harnsäurespiegel im Blut.

Aufs Fasten verzichten sollte auch, wer an einer Erkrankung der Nieren oder Leber leidet. Denn die Ausscheidungsorgane leisten beim Hungern Schwerstarbeit. Um sie zu unterstützen, sollte man viel trinken. Dass man dabei – wie oft behauptet – zusätzlich „Schlacken“ ausleiten oder Krankheiten heilen könne, ist umstritten (siehe Randspalte). Überhaupt sollte jeder, der länger als eine Woche fastet, von einem Arzt betreut werden.

Wer abnehmen möchte, sollte besser ganz aufs Fasten verzichten, meint Hauner. Eine radikale Wende durch eine Fastenkur scheitert oft an der Macht der Gewohnheit, so seine Erfahrung. Er setzt darum auf kleine Schritte. Sein Tipp: „ein bisschen Askese“. Auf Alkohol verzichten oder auf Snacks zwischendurch. „Das ist nicht gefährlich – und man erreicht meist mehr.“

von Andrea Eppner

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