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Jerome Boateng.

Vorsicht, Cortison!

Boateng-Arzt warnt vor „Vielspritzerei“

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In vielen Orthopädie-Praxen dient Kortison als eine Art Allheilmittel gegen Gelenkschmerzen. Doch davor hat der renommierte Münchner Orthopäde und Promi-Arzt Professor Dr. Andreas B. Imhoff jetzt in einem Gespräch mit der tz zum Münchner Chirurgenkongress gewarnt.

Dr. Andreas B. Imhoff.

In vielen Orthopädie-Praxen dient Kortison als eine Art Allheilmittel gegen Gelenkschmerzen. Manche Patienten fordern es sogar selbst ein – noch bevor sie der Arzt untersucht hat. Ihr Kalkül: Man holt sich schnell eine Spritze ab – dann lassen die Beschwerden schon bald nach. Doch diese vermeintliche Besserung ist oft teuer erkauft. Davor hat der renommierte Münchner Orthopäde und Promi-Arzt Professor Dr. Andreas B. Imhoff jetzt in einem Gespräch mit der tz zum Münchner Chirurgenkongress gewarnt. „Injektionen mit kortisonhaltigen Präparaten bergen erhebliche Risiken, die leider oft unterschätzt werden. Bei Gelenkschmerzen wird häufig zu früh und auch zu oft gespritzt“, kritisiert der Chefarzt der Abteilung für Sportorthopädie am Uniklinikum rechts der Isar. Imhoff gilt als einer der erfahrensten Schulter- und Kniespezialisten. Der 63-Jährige hat unter anderem Fußball-Stars wie Bastian Schweinsteiger und Jerome Boateng operiert.

„Viele Patienten wissen gar nicht, welche Nebenwirkungen Kortison haben kann – nach dem Motto: Hauptsache, es hilft erstmal“, erläutert Imhoff. Und in der Tat: Häufig verspüren die Patienten bereits nach Stunden eine Linderung ihrer Beschwerden – zumindest vo­rübergehend. Dabei wird die Wirkung häufig noch durch ein lokales Betäubungsmittel verstärkt, das dem Kortison beigemischt wird. Sozusagen für eine doppelte Schmerzunterdrückung.

„Kortison ist eigentlich ein Hormon, das vom Körper selbst gebildet wird, und zwar in der Nebenniere“, erläutert Imhoff. Doch wegen seiner entzündungshemmenden Eigenschaften wurde es bereits vor Jahrzehnten im Labor zu künstlich herstellbaren Arzneimittel-Substanzen weiterentwickelt. Heute gilt Kortison in der medizinischen Praxis als Überbegriff für eine ganze Wirkstoffgruppe aus der Kategorie der Entzündungshemmer.

Für Gelenkinjektionen werden meist sogenannte kristalline Corticoide verwendet – bestimmte Kortisonformen, die sich langsam abbauen und dadurch eine gewisse Vorrats- bzw. Depotwirkung an der Entzündungsstelle entfalten. Das große Problem dabei: Die Medikamente merzen zwar die akute Entzündung und damit die Schmerzen auch, die Ursachen beseitigen sie aber nicht. Im Gegenteil: „Kortison kann Knochen, Knorpel, Muskeln und Sehnen massiv schädigen. Zudem erhöht es das Infektionsrisiko“, weiß Imhoff.

Grundsätzlich birgt jede Spritze ins Gelenk eine gewisse Gefahr. Denn mit der Nadel können Keime hineintransportiert werden, die hartnäckige Infektionen auslösen und im schlimmsten Fall das gesamte Gelenk zerstören können. Kortison verstärkt das Infektionsrisiko zusätzlich, weil es die Durchblutung vermindert und – vereinfacht ausgedrückt – das Immunsystem schwächt.

„Eigentlich dürfte man Kortison nur sehr selektiv, also bei bestimmten Befunden verwenden – beispielsweise bei entzündlichen Erkrankungen wie rheumatischer Arthritis“, sagt Imhoff. „In vielen Praxen und Kliniken gibt es diese enge Abgrenzung aber nicht. Da wird Kortison auch bei einem Tennisellenbogen, einer gereizten Achillessehne oder diffusem Schulterschmerz verwendet, ohne zuvor alternative Behandlungsmöglichkeiten wie Physiotherapie auszuschöpfen.“

Diese „gefährliche Vielspritzerei“ ist nach Meinung des langjährigen Chefarzts auch wirtschaftlichen Gründen geschuldet. Imhoff: „Der Fehler liegt in unserem Gesundheitssystem. Spritzen werden vergleichsweise attraktiv vergütet. Sie sind gerade für viele niedergelassene Kollegen attraktiver als zeitaufwändige Untersuchungen und Beratungsgespräche.“

Ein niedergelassener Orthopäde kann für einen gesetzlich Versicherten eine Grundpauschale von gerade mal circa 20 Euro pro Quartal veranschlagen – egal wie häufig sich der Patient in der Praxis vorstellt. Allerdings kann der Arzt darauf aufbauend weitere Einzelleistungen in Rechnung stellen. „Aus wirtschaftlicher Sicht ist er praktisch gezwungen, Zusatzleistungen zu erbringen“, kommentiert Imhoff.

Ärzte-Gipfel in München

München ist nicht nur Deutschlands Fußball-Metropole, sondern auch Medizin-Hauptstadt – zumindest vom 21. bis 24. März. Dann steigt in der Messe der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. „Wir rechnen mit 6000 Teilnehmern“, sagte Präsident Prof. Dr. Tim Pohlemann der tz. Der Top-Chirurg und weitere renommierte Ärzte werden auch bei einer Patientenveranstaltung im Pressehaus Bayerstraße am Mittwoch, 15. März, ab 18 Uhr über neueste Therapien und Techniken im OP informieren. Es geht u.a. um Gelenkersatz und um Schulterverletzungen. Wer dabei sein will, kann unter Telefon 01378-806638 anrufen, wir verlosen 110 mal zwei Eintrittskarten. Bitte das Lösungswort „Patientag“ nennen. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. 50 Cent/Anruf aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise abweichend.

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