Ab wann wird aus Essen Sucht? Ein Ernährungsexperte steht im Interview Rede und Antwort.

Interview mit einem Experten

Fettsucht: Wenn aus Lust Frust wird

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Über Magersucht spricht man. Doch die Fettsucht wird oftmals unter den Teppich gekehrt. Dabei gibt es immer mehr Menschen, die krankhaft dick sind – und unter „Fressattacken“ leiden. Was tun? Ein Gespräch mit Prof. Thomas Hüttl: über Gründe und Hilfe.

Professor Thomas Hüttl.

Fettsucht oder Adipositas – heute wird bei starkem Übergewicht eher dieser Begriff gebraucht – hat nicht die eine Ursache, sie hängt vielmehr von mehreren Faktoren ab. „Diese sind sowohl biologischer, psychosozialer als auch umweltbedingter Natur“, sagt Prof. Thomas Hüttl von der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen. Entscheidend sei dabei vor allem die familiäre Disposition, sprich genetische Ursachen. Zudem spiele der Lebensstil eine Rolle: Wer sich zu wenig bewegt und falsch ernährt, der wird schneller dick.

In einzelnen Fällen lägen auch Stoffwechselerkrankungen vor, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, Nebennierenfehlfunktion oder auch schwere Essstörungen (Stichwort „Night-Eating“ oder „Binge-Eating“). Auch zahlreiche Medikamente, unter anderem Antidepressiva, cortisonhaltige Medikamente, Herz-Medikamente wie Betablocker und Anti-Baby-Pillen, haben einen negativen Einfluss auf das Körpergewicht.

Wann gilt man als „fettsüchtig“?

Fettsüchtigkeit im Sinne von Adipositas ist einheitlich definiert: Als normalgewichtig gilt man demnach bis zu einem BMI unter 25 Kilogramm pro Quadratmeter, danach beginnt das Übergewicht.

Der BMI, der Body-Mass-Index, ist der Körper-Massen-Index, also das Verhältnis zwischen Körpergewicht zur Körpergröße (im Quadrat). Ein gutes Maß: „Es macht einen Unterschied, ob ich 100 Kilogramm wiege bei einer Körpergröße von 190 Zentimetern – oder bei einer von gerade mal 160“, sagt Prof. Hüttl.

In Zahlen ausgedrückt: Eine 1,70 Meter große Frau gilt bis zu einem Körpergewicht von 72 Kilogramm als normalgewichtig – ein Mann mit 1,87 Metern bis zu 87 Kilogramm.

Die Adipositas beginnt bei einem BMI von 30 Kilogramm pro Quadratmeter – entsprechend bei 87 Kilogramm im Fall einer 1,70 Meter großen Frau oder bei 105 Kilogramm im Fall eines 1,87 Meter großen Mannes.

Als krankhaft und behandlungsbedürftig gilt die „Morbide Adipositas“ – die auch mit einer deutlich verkürzten Lebenserwartung einhergeht. Konkret: ab einem BMI von 40 Kilogramm pro Quadratmeter. Doch schon ab 35 Kilogramm pro Quadratmeter kann es kritisch werden, warnt Prof. Hüttl. Etwa dann, „wenn Begleiterkrankungen, die mit der Adipositas zusammenhängen, auftreten – zum Beispiel Diabetes mellitus Typ 2“. In Gewicht ausgedrückt müsste eine 1,70 Meter große Frau 116 Kilogramm wiegen, um einen BMI von 40 Kilogramm pro Quadratmeter zu erreichen; ein 1,87 Meter großer Mann 140 Kilogramm.

Was, wenn jemand ungezügelt zunimmt?

„Wenn hier hormonelle Ursachen ausgeschlossen sind, sollte hier stark nach psychosozialen Faktoren geschaut werden“, sagt Prof. Hüttl. Als „fettsüchtig“ möge aber auch der Umstand gesehen werden, dass es der Mehrzahl der stark Übergewichtigen nicht gelingen würde, ihr Gewicht durch eine Lebensstiländerung nachhaltig und vor allem erheblich zu reduzieren. „Hier kommt es nahezu regelhaft zum sogenannten ,Jo-Jo-Effekt’ mit schnellem Erreichen des Ausgangsgewichts und nachfolgend meist Überschreiten desselben“, erklärt Prof. Hüttl.

Ist Fettsucht eine echte „Sucht“?

Aktuell geht man wissenschaftlich davon aus, dass Fettleibigkeit insbesondere auch im Kopf und weniger im Körper entsteht. Mittlerweile konnte experimentell nachgewiesen werden, dass ein erlangter Übergewichtszustand intensiv durch sogenannte neuroendokrine Antworten quasi „verteidigt“ wird; neuroendokrine Zellen gehören zu unserem Nervensystem und schütten dessen Botenstoffe oder Hormone aus. „Dies wirkt jedem Versuch einer Änderung der Energiebalance entgegen“, sagt Prof. Hüttl. Ergo: Der erreichte Gewichtsüberschuss wird beibehalten. „Möglicherweise war das vor tausenden Jahren von Vorteil – man denke an biblische Katastrophen wie Hungersnöte, Überschwemmungen, Kriege.“

Was kann man gegen Fettsucht tun?

Am wichtigsten ist es, gar nicht erst extrem übergewichtig zu werden. „Sobald man feststellt, dass man ein Gewichtsproblem hat, sollte man versuchen, seine Lebensweise zu überdenken“, sagt Prof. Hüttl. Professionelle Hilfe gibt es bei Therapeuten, Ärzten oder auch in Selbsthilfegruppen wie „Weight Watchers“. Um sein Körpergewicht moderat zu senken und dauerhaft zu stabilisieren, kommt es auf drei Punkte an: Bewegung. Ernährung. Essverhalten.

Bei der Bewegung gilt: „Jeder von uns muss akzeptieren, dass der Mensch ein ,Bewegungstier’ ist – und man durchschnittlich 8000 Schritte am Tag benötigt, um bei halbwegs normaler Ernährung sein Gewicht stabil halten zu können“, sagt Prof. Hüttl. Ein Schrittzähler könne helfen.

In puncto Ernährung gilt: „Hier macht meistens professionelle Hilfe Sinn – ein Schokoladenpudding nach dem Abendessen kann ähnlich glücklich machen wie eine Tafel Schokolade. Aber: Die Energiedifferenz ist enorm.“ Man betrachte nur mal die Kartoffel, die mit null Prozent Fettgehalt aus dem Acker kommt, doch je nach Zubereitung – gekocht, angebraten, als Pommes Frites oder als Chips – einen Fettgehalt von bis zu 70 Prozent aufweisen kann. Das sei vielen nicht bewusst.

In Sachen Essverhalten gilt: „Hier kann man versuchen, selbst anhand von Essprotokollen zu analysieren, warum man was benötigt“, rät Prof. Hüttl. Liegt vielleicht starker beruflicher oder privater Stress vor, benötigt man zum Beispiel häufig die sogenannte „Nervennahrung“. Oder man muss sich vor dem Gespräch mit dem Vorgesetzten etwas gönnen – bzw. hinterher die bittere Pille versüßen. All das sollte dokumentiert werden.

Wann wird eine Operation nötig?

„Nötig wird ein Eingriff dann, wenn seitens des Betroffenen ein entsprechender Leidensdruck vorliegt – und einige Kriterien erfüllt sind“, sagt Prof. Hüttl. Grundsätzlich operiere man die „Morbide Adipositas“ (siehe weiter vorne). „Hier wird aber keinesfalls jeder ,einfach so’ operiert.“ Eine wesentliche Voraussetzung sei, dass man im Vorfeld etwa sechs bis zwölf Monate lang versucht habe mit Hilfe professioneller Ärzte und Therapeuten die Erkrankung in den Griff zu bekommen. „Betrüblich ist – und das wissen auch die meisten Patienten –, dass selbst durch standardisierte, medizinisch begleitete Programme sich das Gewicht nur um sieben bis zehn Kilogramm reduzieren lässt“, sagt Prof. Hüttl. „Bei uns in der Klinik liegt der Durchschnitts-BMI für OPs jedes Jahr bei über 50 Kilogramm pro Quadratmeter.“ Diese Patienten könnten etwa kaum noch länger gehen oder Treppen steigen; Fahrradfahren scheitere oft am Satteldruck oder an Gleichgewichtsproblemen.

Gilt man je als „geheilt“?

„Nein, die Adipositas wird derzeit als unheilbare, chronische Erkrankung angesehen“, sagt Prof. Hüttl. Er gebe seinen Patienten stets die sogenannte „4-D-Regel“ (Der dicke Dicke wird zum dünnen Dicken) mit. Will heißen: Im Kopf wird die Gewichtsreduktion nicht akzeptiert. „Der menschliche Organismus hat nicht gelernt, mit Gewichtsabnahmen umzugehen, er ,denkt’ immer, wir sind in einer Hungersnot und arbeitet somit gegen unser Ziel.“ Die Risiken für einen Rückfall, insbesondere nach operativen Eingriffen, lägen insbesondere im psychosozialen Bereich: Essen ist Lust, Essen kann Ersatzbefriedigung sein. Die Mehrzahl von uns wurde von Klein auf mit Nahrung belohnt; Säuglinge und Kleinkinder bekommen den Schnuller oder etwas Süßes, damit sie zum Schreien aufhören. „Wichtig ist also, dass im Rahmen einer Gewichtsabnahme parallel auch andere Umweltfaktoren, die auf den ersten Blick nichts mit dem Essen zu tun haben, angegangen werden“, rät Prof. Hüttl.

Wichtige Anlaufstellen für Betroffene:

Betroffene sollten sich Hilfe holen – zum Beispiel hier:

„Therapienetz Essstörung“ hat ihre Zentrale in der Münchner Sonnenstraße 2; (Online: www.therapienetz-essstörung.de)

Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner

(zertifizierte Schwerpunktpraxen nach Postleitzahlen geordnet findet man online unter: www.bdem.de)

Weight Watchers

(nach Postleitzahlen geordnet findet man online unter:

www.weightwatchers.de)

Optifast-Zentrum in München im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder (online unter: www.zep-muenchen.de)

Für extrem Übergewichtige gibt es Hilfe am Lehrstuhl für Ernährungsmedizin der TU München (online unter: www.mri.tum.de/ ernaehrungsmedizin)

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