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Dialogrunde im Presseclub München zum Thema "Wenn Brustkrebs fortschreitet - Die vergessene Seite einer viel beachteten Erkrankung"

Fortgeschrittener Brustkrebs

"Den Tagen mehr Leben geben"

"Wenn Brustkrebs fortschreitet - Die vergessene Seite einer viel beachteten Erkrankung" - so hieß die Veranstaltung, die Ende 2015 in München von Pfizer Oncology in Zusammenarbeit mit Brustkrebs Deutschland e.V., Mamma Mia! - Das Brustkrebsmagazin und der Ärzte Zeitung stattfand.

Wolfgang van den Bergh betonte die Wichtigkeit der Sensibilität und forderte mehr Aufmerksamkeit für das Thema.

Im Zuge der Veranstaltung informierten sich etwa 35 Teilnehmer während zwei Vorträgen und einer anschließenden Diskussionsrunde über die Brisanz von fortgeschrittenem Brustkrebs. Unter der Moderation von Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der Ärzte Zeitung, wurden Ängste und Bedürfnisse der Patientinnen, aber auch bürokratische Hindernisse, das soziale Umfeld und mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit thematisiert. Die Veranstaltung war das Pilot-Projekt, eine Zusammenarbeit von Pfizer, Brustkrebs Deutschland e.V., Mamma Mia! - Das Brustkrebsmagazin und der Ärzte Zeitung. Für 2016 ist die Dialogrunde auch in anderen Bundesländern geplant.

Die vergessene Seite einer viel beachteten Krankheit

Bestmögliche Lebensqualität bei fortgeschrittener Brustkrebserkrankung beibehalten: Dieses Thema stand bei der Dialogrunde im Presseclub München ganz oben auf der Agenda. 

Die häufigste Krebsart bei Frauen ist Brustkrebs. In den meisten Fällen wird er in einem frühen Stadium erkannt und erfolgreich behandelt. Wenig bekannt dagegen ist, dass jede dritte bis vierte Frau im Laufe der Zeit einen Rückfall erleidet und eine Form des fortgeschrittenen Brustkrebs entwickelt. Manchmal geschieht dies erst nach 15 Jahren. In diesem Stadium ist die Erkrankung in den meisten Fällen nicht mehr heilbar. Es liegt auf der Hand, dass diese Patientinnen mit anderen Sorgen konfrontiert sind, als Frauen, die in einem frühen Stadium guten Heilungschancen entgegen sehen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird den Fragen und Ängsten der Betroffenen bislang nur wenig Beachtung geschenkt: Wie reagiert ihr soziales Umfeld und unterstützt sie dabei? Wo bekommen sie die Informationen über adäquate Therapieformen her? Wie geht es im Job weiter? Möglichst lange möglichst gut mit der Erkrankung zu leben, steht bei all diesen Fragen im Vordergrund.

"Brustkrebs ist die moderne Geissel der Frau"

Individuellere Therapiemöglichkeiten für Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs zu schaffen, daran appellierte Bernhard Seidenath am Montag in München.

Das Thema Krebs sei in der Gesundheitspolitik ein ganz Wichtiges. Dies betonte Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion im Bayerischen Landtag, in seinem Grußwort. Es müsse öffentliche Sensibilität für den Bereich des fortgeschrittenen Brustkrebses geschaffen und eine höhere Aufmerksamkeit dafür erzielt werden, so Seidenath. Er informierte darüber, dass in den letzten Jahren Krebs-Neuerkrankungen angestiegen seien. "Brustkrebs flächendeckend durch Mammographie erkennen und frühzeitig handeln können: Das ist enorm wichtig. Brustkrebs ist die moderne Geißel der Frau." Neuartige Behandlungsmethoden und personalisierte Medizin würden helfen, speziell die Situation der Patientinnen mit fortgeschrittener Erkrankung nachhaltig zu verbessern. Dazu zähle auch, moderne, zielgerichtete Medikamente zu entwickeln und so individuellere Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Dies könne ein Beitrag sein, Patientinnen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen: "Wir wollen den Jahren mehr Leben geben, nicht nur dem Leben mehr Jahre."

"Die Angst zu sterben wird zum täglichen Begleiter"

Eine Therapie müsse bei einer metastasierten Brustkrebsform lange und gut wirken, so Haidinger, damit die Erkrankung nicht voranschreite und das Vertrauen in die Therapieform nicht erschüttert werde.

Renate Haidinger, 1. Vorsitzende des Brustkrebs Deutschland e.V., machte darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, Frauen mit metastasiertem Brustkrebs mehr Gehör zu verschaffen. "Das Thema Brustkrebs geht uns alle an, weil wir alle irgendwann einmal betroffen sein können. Es kann die Mutter, die Schwester, eine Freundin oder die eigene Tochter treffen." Renate Haidinger gründete 2003 den deutschlandweit agierenden Verein Brustkrebs Deutschland e.V., dem sie bis heute vorsitzt. Aus ihrer Erfahrung sei es für Betroffene wichtig zu wissen, was konkret getan werden kann: "Die Diagnose kommt meist unerwartet und verändert sehr viel im Leben der Patientin sowie in ihrem Umfeld. Dann ist ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zum behandelnden Arzt von großer Wichtigkeit, um Therapiemöglichkeiten kennenzulernen." Viele Jahre nach dem scheinbar besiegten Krebs die Diagnose über den Rückfall zu bekommen, sei ein schwerer Schlag: "Vor allem aufgrund der noch geringen Heilungschancen. Aufgeben ist dennoch keine Option." 

Was brauchen die Patientinnen wirklich?

Die Überlebensaussichten, so betont Harbeck, würden besser, auch bei fortgeschrittenem Brustkrebs. Doch es dauere Zeit. Eine Behandlung im multidisziplinären Team sei von Nöten.

Prof. Dr. med. Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums der Universität München, präsentierte die medizinische Seite einer fortgeschrittenen Brustkrebserkrankung. Etwa 75.000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs - er tritt am häufigsten bei Frauen ab einem Alter von etwa 50-60 Jahren auf. „Doch auch jüngere Frauen sind betroffen.“ So ist der Brustkrebs die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren. Bei etwa einer von zehn Betroffenen hat der Krebs bereits zur Erstdiagnose in andere Teile des Körpers gestreut. "Fernmetastasen bilden sich meist im Knochen, der Lunge, der Leber oder im Kopf. Die durchschnittliche Überlebenszeit beträgt ab diesem Zeitpunkt zwei Jahre", so Harbeck. Patientinnen mit metastasierter Brustkrebserkrankung (MBC) würden sich mehr Aufmerksamkeit wünschen, betonte die Professorin. "Sechs von zehn Betroffenen denken, dass metastasiertem Brustkrebs zu wenig Beachtung geschenkt wird." Die Therapieziele seien klar definiert und umfassen Lebensverlängerung, Verlängerung der progressionsfreien Zeit, Linderung tumorbedingter Beschwerden, den langfristigen Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit und einer guten Lebensqualität. Dazu müsse die individuell passende Therapie herausgefunden und schnellstmöglich begonnen werden. "Patientinnen haben in erster Linie Angst vor dem Fortschreiten der Krankheit und dem Verlust der Kontrolle über ein selbstständig geführtes Leben." Je schneller die passende Therapie begonnen werde, desto besser könne man den Verlauf steuern. Dabei spiele auch die Kostenübernahme durch die Krankenkassen eine große Rolle.

Lebensqualität erhalten

An der anschließenden Diskussion beteiligte sich Andrea von Grolman, die selbst an metastasiertem Brustkrebs erkrankt ist. „Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich nicht vor zehn Jahren erkrankt bin. Heute sind die Therapiemöglichkeiten viel besser." 2013 ist sie operiert worden und berichtete auch von der Perspektive, die ihr damals gegeben wurde: "Der Gedanke: Ja, ich habe Metastasen, aber mir kann geholfen werden. Das war unglaublich wichtig." Von Grolman bekommt seither eine Therapie, die das Wachstum der Metastasen hemmt. "Die Therapie könnte bei mir nicht besser laufen", sagt von Grolman. Daran werde auch wieder deutlich, wie wichtig es sei, für Patientinnen die richtige Therapieform zu finden.

"Die Betroffenen müssen auch selbst handeln"

Dr. med. Daniel Kalanovic, Eva Schumacher-Wulf und Andrea von Grolman (v.l.)

Eine Betroffene meldete sich dazu aus dem Publikum zu Wort. Sie selbst erkrankte mit 27 Jahren an Brustkrebs, mit 29 dann die Diagnose: Metastasierter Krebs. "Hoffnung ist das Wichtigste. Es kommen auf einmal zu der Erkrankung so viele Aspekte, die man beachten muss. Welche rechtlichen Fragen muss man im Job beachten? Wird man seinen Partner verlieren? Wie wird das Umfeld auf die Nachricht reagieren? Gerade dann ist es wichtig, die Patientinnen zu unterstützen - in allen Lebensfragen." Es sei auch mittlerweile öffentlich bekannt, dass es Brustkrebszentren in Deutschland gebe, so Eva Schumacher-Wulf, Chefredakteurin von Mamma Mia! - Das Brustkrebsmagazin. Sie erkrankte mit 34 Jahren an Brustkrebs. Was metastasierte Patientinnen anginge, müssten diese noch stärker abgeholt und auf ihrem Weg begleitet werden. Das Thema der Erhaltung der Lebensqualität müsse zentralisiert werden. Dabei sei aber auch die Eigeninitiative der Patientinnen sehr wichtig: "Die Betroffenen müssen auch selbst handeln und dürfen nicht darauf warten, dass ihnen der Arzt etwas empfiehlt."

Interdisziplinären Ansatz vorantreiben

Prof. Dr. med. Nadia Harbeck, Renate Haidinger und Dr. med. Johannes Ettl (v.l.)

Dr. med. Daniel Kalanovic, medizinischer Direktor von Pfizer Oncology, sprach sich für den großen Handlungsbedarf im Bereich des metastasierten Brustkrebses aus: "Diese interdisziplinäre Aufgabe ist sehr ernst zu nehmen." Harbeck pflichtete ihm bei. Es gebe in Deutschland über 200 zertifizierte Brustkrebszentren. Das sei eine gute Versorgungslandschaft. Daneben seien vor allem die Entwicklung und der Zugang zu neuen innovativen Therapien, z.B. durch Teilnahme an klinischen Studien und die rasche Überführung von deren Ergebnissen in den klinischen Alltag notwendig. Dass der interdisziplinäre Ansatz zum fortgeschrittenen Brustkrebs weiterverfolgt werden müsse, das unterstrich auch Dr. med. Johannes Ettl, Leiter der gynäko-onkologischen Tagesklinik TU München Klinikum rechts der Isar. "Mit der Diagnose kommt die Angst, dass das lebenswerte Leben jetzt vorbei ist. Patientinnen wollen möglichst lange leben, aber sie wollen auch möglichst gut leben."

Ein Lichtblick zum Ende der Veranstaltung

Die Betroffene, die sich aus dem Publikum zu Wort meldete, ist heute 33 Jahre alt und aktuell ohne Metastasen. Vielleicht gibt ihr Erlebnis auch anderen Betroffenen die Hoffnung auf ein weiterhin lebenswertes Leben. Denn darauf kommt es am Ende an.

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