Die Starre durchbrechen

Freezing: Was Kranken mit Parkinson jetzt hilft

München - "Wie eingefroren" sein - diesen Zustand kennen Parkinson-Patienten. Freezing nennen Ärzte diesen Zustand. Ein Münchner Neurologe hilft Patienten mit sogenannten Cues weiter.

Wenn Parkinson-Patienten gefragt werden, was sie mit am meisten belastet, lautet die Antwort oft: „Wenn mir Arme und Beine nicht gehorchen.“ Wenn sie z. B. vor der geöffneten S-Bahn-Tür stehen, aber nicht hineingehen können – weil sie „wie eingefroren“ sind.

Freezing nennen Ärzte diesen Zustand. Parkinson oder Schüttellähmung ist eine Erkrankung des Gehirns. Etwa zwei Prozent aller Menschen erkranken daran, allein in München gibt es also etwa 20.000 betroffene Patienten.

Aufgrund einer Störung im Eiweißstoffwechsel bestimmter Nervenzellen gehen im Gehirn nach und nach die Zellen zugrunde, die für die Herstellung des Botenstoffes Dopamin nötig sind. Der Befehl der Neuronen an die Beine, jetzt in die S-Bahn einzusteigen, kommt einfach nicht bei den Füßen an!

Der Münchner Neurologe Dr. Urban Fietzek von der Schwabinger Schön Klinik hilft Patienten aus dem Freezing mit Hinweisreizen, sog. Cues, heraus. In der tz erklärt er, wie die Methode funktioniert.

Warum verlernen Parkinson-Kranke das Laufen?

Dr. Urban Fietzek : Das hat nichts mit Lernen zu tun. Es hängt damit zusammen, dass sich die Neuronen im Gehirn im Gegensatz zu anderen Zellen des Körpers nicht erneuern können. Die Nervenzellen, die wir bei der Geburt bekommen, müssen für das ganze Leben reichen. Bei der Parkinsonkrankheit gehen die Dopamin-Zellen vorzeitig verloren. Diese sind u.a. dafür verantwortlich, dass wir mit großen Schritten rhythmisch und gleichmäßig gehen können. Die ca 400 Muskeln unseres Körpers, die wir einsetzen, wenn wir aktiv sind, können wir nicht alle willentlich steuern. Dennoch funktioniert die Koordination dieser ganzen Muskeln beim Essen oder beim Gehen und alle Muskeln harmonieren hervorragend, ohne dass man sich darüber Gedanken machen muss. Diese Hintergrundharmonie verarmt bei Parkinson-Patienten. Die Muskeln versteifen schneller, der Gang wirkt mechanischer und langsamer, die Schritte kleiner bis zum Trippeln und die Arme schwingen nicht mehr mit. Manchen Patienten gelingt es nicht mehr, den Gang zu beginnen, sie kommen trotz allem Wollen nicht mehr vom Fleck und laufen sogar Gefahr, umzufallen. Dieses Kleben Bleiben der Füsse auf der Stellen nennen wir Freezing. Leider erfahren bis zu 80 Prozent aller Parkinson-Kranken diese Gangstörung im Laufe der Erkrankung.

Was hilft den Patienten in solche einer Situation?

Fietzek : Wenn Parkinson-Patienten Schwierigkeiten haben, in Tritt oder in Gang zu kommen, obwohl sie gut auf Medikamente eingestellt sind, dann können Hinweisreize helfen. Das können optische oder akustische Reize sein. Wir arbeiten z. B. mit einem Gehstock mit rotem Plastikhebel oder mit rhythmischer Musik. Wir haben in einer Studie an unserer Klinik gezeigt, dass die Patienten von einem Anti-Freezing-Training profitieren, das ihnen im Zeitraum von zwei Wochen beibringt, Hinweisreize sinnvoll einzusetzen. Steht der Patient in einer Freezing-Situation fest, stellt er den Stock vor seine Füße, dann kann er darüber steigen und weiter gehen. Noch besser ist, er klopft mit einem Wanderstock rhythmisch auf den Boden und vermeidet durch diesen Rhythmus das Auftreten von Freezing von vorneherein. Das ist wirklich sehr eindrucksvoll.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Training gekommen?

 Fietzek:Die Beschreibung, dass Hinweisreize Parkinsonpatienten aus dem Freezing heraushelfen ist lange bekannt.. Wenn z. B. ein Begleiter seinen Fuß vor den Fuß eines Parkinson-Patienten stellt, dann konnte dieser darüber steigen und weiter gehen. Aber wir wussten bislang nicht, ob ein systematisches Hinweisreiz-Training den Patienten sicher helfen kann. Nun haben wir wissenschaftlich belegt, dass unserer Ansatz - das Münchner Anti-Freezing-Training - den Patienten nutzt. Mit dem Training bekommen die Patienten ein „Werkzeug“ an die Hand, mit dem sie sich aus einer misslichen Situation befreien können, bzw diese Situation von vornerein reduzieren können. Allerdings muss diese Technik im Alltag genutzt und angewandt werden, sonst geht der positive Effekt des Trainings wieder verloren.

Bevor wir diese Studie machen konnten, mussten wir feststellen, dass es kein gültiges Untersuchungsinstrument gibt, um diese Gangstörung klinisch korrekt zu beurteilen. Wir haben also zuerst eine Skala entwickelt, mit der wir die Gangstörung beurteilen können. Dann haben wir gezeigt, dass wir mit unserer Skala Medikamenten Effekte messen können. Als dritten Schritt haben wir dann die oben genannte Studie gemacht, mit der wir unseren Trainingsansatz untersucht haben. So konnten wir nachweisen, dass die Patienten tatsächlich profitieren.

Wenn Patienten so ein Training machen wollen, an wen soll er sich wenden?

Fietzek : Unser Training ist für fast alle Parkinson-Patienten geeignet, die Freezing-Episoden erleben. Man braucht einen speziell geschulten Physiotherapeuten, der das Anti-Freezing-Training erlernt hat und dem Patienten vermitteln kann. Wir haben in unserer Klinik zwei Physiotherapeutinnen, die auch als Dozenten arbeiten und diesen Therapie-Ansatz in Workshops vermitteln. Im Rahmen der Studie haben wir die Patienten zwei Wochen lang trainiert. Das ist ein Zeitraum, den Patienten auch im Rahmen der Parkinson-Komplextherapie in der Klinik verbringen, z. B. um auf Medikamente neu eingestellt zu werden.

Für diese Forschungen haben Sie und Ihre Kollegen gerade einen Preis gewonnen, herzlichen Glückwunsch!

Fietzek: Danke, ich freue mich besonders, weil damit die klinische Forschung anerkannt wurde, bei der es um konkrete Versorgungsfragen geht, wie man das Leben des Patienten im Alltag verbessern kann. Im Moment erfahren wir in der Forschung erstaunliche Dinge über unsere Gehirne. Es hat sich gezeigt, dass wir durch unser Verhalten Einfluss auf Krankheiten wie den Parkinson nehmen können. So lassen sich Effekte erreichen, die sich hinter der medikamentösen Therapien überhaupt nicht verstecken müssen. Man kann Menschen mit Parkinson mit aktivierenden Therapien, also Physio-, Ergo-, Sprach-und Schlucktherapie, ebenso helfen wie mit Tabletten und beide Herangehensweise können zum Wohle des Patienten miteinander harmonieren. Das ist etwas, das man unbedingt weiter erforschen muss.

Nicht warten mit Medikation

Die Parkinson-Krankheit ist ja nicht heilbar, aber doch sehr gut therapierbar. Wichtig ist eine optimale Einstellung mit Medikamenten, die das im Gehirn nicht mehr hergestellte Dopamin ersetzen können. In den vergangenen 20 Jahren gab es unter den Medizinern Uneinigkeit darüber, ob man mit dem wichtigsten Parkinson-Medikament, dem Levodopa, warten sollte, damit die Erkrankung einen günstigeren Verlauf nimmt. Dr. Fietzek erklärt, dass eine Studie in diesem Jahr aus Italien hierzu neue Erkenntnisse geliefert hat, die auf dem aktuellen Kongress in München viel diskutiert wurden. In der Studie wurden Parkinson-Patienten aus Ghana und Italien verglichen. In Ghana werden die Kranken deutlich später diagnostiziert und behandelt . Der Vergleich zeigte, dass diese späte Behandlung überhaupt keine Vorteile hatte. Dr. Fietzek: „Es zeigte sich, dass die Krankheit ihren Gang nimmt, egal ob sie früh behandelt wird oder spät. Wir dachten früher, in den guten Jahren sollten wir noch mit dem Levodopa sparen, damit es seine günstige Wirkung beibehält. Aber dieser sparende Ansatz ist jetzt stark in Frage gestellt. Mir erscheint es als keine gute Strategie für Parkinson-Patienten. Man sollte behandeln, wenn sich Symptome zeigen, eben auch schon schon früh nach der Diagnose. In den ersten Jahren reichen meist niedrige Dosen des Levodopa, um die Krankheitssymptome fast zum Verschwinden zu bringen.“

Botox gegen den unerwünschten Speichelfluß

Mit Parkinson kann man heute sehr alt werden, Dr. Fietzek hat einige Patienten, die seit 30 Jahren oder länger erkrankt sind. Ab dem 15. Krankheitsjahr bekommen viele Patienten Mühe beim Schlucken und schlucken seltener. Jeder Mensch produziert jedoch einen bis eineinhalb Liter Speichel am Tag. Wird dieser nicht heruntergeschluckt, läuft er aus dem Mund.

Die Menschen speicheln, ohne es zu bemerken. Dr. Fietzek: „Das ist sehr stigmatisierend und belastend. Die Menschen wollen gar nicht mehr aus dem Haus gehen, sie gehen nicht mehr ins Restaurant, nicht mehr in die Oper oder ins Kino.“

Leider werden oft Tabletten verschrieben, die den Mund trockener machen, aber als Nebenwirkung Halluzinationen oder sogar ein Delir auslösen können, also akute Verwirrungszustände. Praktisch nebenwirkungsfrei dagegen ist es, Speicheldrüsen mit Botulinumtoxin zu injizieren und so die Speichelmenge zu reduzieren.

Dr. Fietzek: „Diese Therapie tut nicht weh, und der Arzt kann das Botulinum sehr gut dosieren und so die Wirkung steuern.“ Im Kiefer sitzen sechs Speicheldrüsen, zunächst wird in zwei eine kleine Dosis Botulinum injiziert. Reicht das nicht aus, kann bei der nächsten Sitzung nachgespritzt werden. Dr. Fietzek: „Damit kann man das Problem meist komplett beheben.“

Noch wird diese Behandlung nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, aber eine Zulassungsstudie des Medikamentenherstellers ist in Arbeit.

sus

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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