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Schwester Magdalena pflegt Josefine R. (101) im AWO-Dorf Hasenbergl

Daheim und im Heim

So funktioniert die Pflege

München - Die Bevölkerung wird immer älter. Deshalb gibt es in Deutschland immer mehr Pflegefälle. Am Freitag wurde die neue Pflegestatistik 2011 des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht – mit eindeutigen Zahlen.

 Während es 2007 noch 2,25 Millionen Pflegebedürftige gab, waren es 2009 2,34 Millionen – 2011 zählte das Amt schon 2,5 Millionen. Eine Steigerung von sieben Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung! Und wie sieht’s in und um München aus? Die untere Tabelle zeigt, wieviel Pflegefälle es 2011 in den einzelnen Landkreisen gab – und wie viele jeweils ambulant, stationär und von Angehörigen gepflegt wurden. Lesen Sie hier zwei Geschichten zu den Zahlen: Schwester Magdalena pflegt in einem Heim (unten) – der Münchner Egil Reeg (rechts) kümmerte sich dagegen jahrelang daheim um seine Stiefmutter.

Im Heim

Wenn Josefine R. um kurz nach sechs Uhr läutet, weiß Schwester Magdalena (28) Bescheid: Die 101-Jährige braucht Hilfe beim Anlegen ihrer Beinprothese. Beim Anziehen lässt sich die rüstige Seniorin nicht helfen. Magdalena kann Büroarbeit machen – so lange, bis der nächste Bewohner aufstehen will. Im AWO-Dorf Hasenbergl verläuft die Pflege nicht nach festem Zeitplan.

„Die größte Herausforderung ist, so gut wie möglich auf jede einzelne Persönlichkeit einzugehen“, sagt die Stationsleiterin. „Jeder Pfleger hat in der sogenannten Bezugspflege etwa sechs Bewohner, zu denen er eine engere Bindung aufbaut.“ Dabei helfen auch Angaben zur Biografie jedes Bewohners, die im Ordner abgeheftet sind.

„Bei Neuzugängen müssen wir vorsichtig sein.“ Als Magdalena mit einer Bewohnerin im Aufenthaltsraum ein altes Fotoalbum durchsieht, achtet sie genau auf deren Ausdruck in den Augen. „Ich habe gemerkt, dass sie gerne über ihre Schwester redet. Andere Familienthemen rufen keine guten Erinnerungen hervor.“ Das merkt sie sich.

Bei 30 Bewohnern, die Magdalena auf ihrer Station zeitgleich mit zwei oder drei diensthabenden Kollegen betreut, bleibt oft wenig Zeit für ein Gespräch. „An manchen Tagen läutet die Glocke bestimmt 50 Mal.“ Und dann sind da noch die alltäglichen Pflege-Arbeiten: Bei Josefine R. heißt das morgens: in den Rollstuhl heben, auf die Toilette setzen, den Rücken waschen und die Haut eincremen. Montags ist Bade- oder Duschtag. Um 8.30 Uhr will die 101-Jährige ihr Frühstück einnehmen. „Ich bereite es mundgerecht vor.“ Dann geht’s zum nächsten Bewohner … Um 9.15 Uhr hat Schwester Magdalena Frühstückspause – gerade einmal zehn Minuten. 179 Stunden arbeitet sie in diesem Monat. Eine Pflegerin bekommt nach Tarif 2372 Euro brutto.

Magdalena macht einen Knochenjob. „Das Schieben und Heben ist anstrengend. Und nicht alle Bewohner sind so dankbar wie Frau R. Manche sind depressiv oder aggressiv. Aber Menschen sind nun mal unterschiedlich – auch im Altersheim.“

Daheim

Es ist zwei Uhr nachts, Egil Reeg (68) hat ein paar Stunden geschlafen. Die Stimme seiner Stiefmutter weckt ihn. „Egil, kannst du mir was zu trinken bringen?!“ Er steht auf, holt Wasser. Dann legt er sich aufs Ohr – für ein paar Stunden. Um sechs geht’s wieder raus. Waschen, wickeln, kochen, Essen und Medikamente eingeben.

Egil Reeg hat seine Stiefmutter Ruth vier Jahre lang in ihrem Haus in Kirchseeon (Lkr. Ebersberg) gepflegt, rund um die Uhr. Bis sie vor 13 Monaten mit 87 Jahren verstarb – und er völlig erschöpft war. Trotzdem sagt der gebürtige Münchner: „Ich bereue es nicht.“

Als seine Stiefmutter dement wurde, immer öfter hinfiel und schließlich nicht mehr aus dem Bett kam, hat der studierte Politikwissenschaftler das eigene Taxi-Unternehmen an die Tochter übergeben. Er zog zur Stiefmutter. „Sie hatte das verdient. Obwohl sie nicht meine echte Mutter ist, hatten wir immer ein sehr enges Verhältnis“, erzählt Reeg. So eng, dass er mit Ex-Frau und Stiefmutter nach dem Tod des Vaters drei Jahre lang auf Schiffen die ganze Welt bereist hat.

„Ich war ihr immer dankbar, wie gut sie sich um meinen Vater nach der Kriegsgefangenschaft gekümmert hat“, sagt Reeg mit Tränen in den Augen. „Mich und meine Geschwister hat sie immer wie echte Kinder behandelt. Und nach dem Tod meines Vaters hat sie 31 Jahre lang alleine in dem riesigen Haus gewohnt – nur damit die Enkelkinder es einmal übernehmen können.“

Egil Reeg hat sein komplettes Leben für die 24-Stunden-Pflege aufgegeben: den Job, die Freunde, das Schachspielen, das Klavier und den Fußballverein. „Am Anfang hat es mir aber mehr Probleme bereitet, meine Stiefmutter von Kopf bis Fuß zu pflegen – vom Haarewaschen über den Toilettengang, die Intimwäsche bis hin zum Schneiden der Fußnägel.“

Am Ende schlief die Stiefmutter ganz friedlich ein. Und Reeg merkte, dass er sich selbst vernachlässigt hatte. „Ich habe seither gesundheitliche Probleme mit dem Herzen, dem Darm, der Niere … Aber wenn ich daran denke, wie dankbar meine Stiefmutter war – wie oft hat sie gesagt: ‚Danke, dass du mich nicht alleine lässt’?! Dann weiß ich, dass es richtig war, sie nicht ins Heim zu geben.“

Die Pflegefälle 2011 in Bayern und den Landkreisen
Wo? Fälle gesamt Ambulant Stationär Angehörige
Deutschland 2,5 Mio (3%) 576 000 743 000 1 182 000
Bayern 329 341 (2,6%) 73 459 104 821 151 061
Oberbayern 94 107 (2,1%) 22 418 29 997 41 692
München 25 128 (1,8%) 7622 6207 11 299
Landkreis München 7057 (2,2%) 1442 2870 2745
Dachau 3220 (2,3%) 708 1171 1341
Ebersberg 2687 (2,1%) 554 941 1192
Erding 2468 (1,9%) 501 770 1197
Freising 2736 (1,6%) 556 898 1282
Fürstenfeldbruck 4716 (2,3%) 1098 1528 2090
Starnberg 3266 (2,5%) 941 943 1382
Quelle: Pflegestatistik 2011 des Statistischen Bundesamtes,
Pflegestatistik des Statistischen Landesamtes Bayern

Nina Bautz

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