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Hallo, Hypnose-Baby! Kim Clarina kam unterstützt durch Hypnobirthing zur Welt. Hebamme Silke Grundmann massiert Mama Jsabel.

"Hypno-Birthing"

Geburt unter Hypnose – der Trend erreicht Bayern

Kate Middleton soll so entbunden haben, das Model Gisele Bündchen und Schauspielerin Jessica Alba: mit der Hypnobirthing-Methode. In Amerika ist die Technik seit Jahren verbreitet.

The Royal Family: Herzogin Kate soll beide Kinder – Thronfolger George und Prinzessin Charlotte – mit Unterstützung der HypnobirthingMethode zur Welt gebracht haben. Papa Prinz William war bei beiden Geburten dabei. Ob er auch Atemtechniken geübt hat? Das ist nicht bekannt.

Puchheim – Warmes Licht, sanfte Farben, gedämpfte Musik: Silke Grundmanns Praxisraum in Puchheim, Kreis Fürstenfeldbruck, erinnert an ein Yoga-Studio. Darin: vier sehr schwangere Frauen auf allen Vieren. Neben ihnen knien ihre Männer und massieren ihnen mit einem Igelball den Rücken. Man hört leise Seufzer, eine der Frauen macht einen Katzenbuckel, dann ein langgezogenes „aaah“. Ab und zu hebt einer der Männer den Kopf und grinst mit einem Kopfschütteln einen der anderen Männer an. Fast so, als könnte er selbst nicht glauben, welche Begeisterung die leichte Massage auslöst. Am Ende des Raumes sitzt Grundmann auf einem Kissen, sie gibt leise Anweisungen. Über ihrem Kopf ein Lehrbild, das den Oberkörper einer schwangeren Frau im Querschnitt zeigt: Gebärmutter und Fötus, Eileiter. Grundmann arbeitet seit 18 Jahren als Hebamme, durch eine Freundin kam sie vor einigen Jahren zum Hypno-birthing. Übersetzt heißt das: Geburt mit Hilfe von Hypnose.

Der Raum in der Hebammenpraxis Puchheim ist selbst schon die erste Lektion im Hypnobirthing: Zwischendurch kuscheln die Pärchen auf Isomatten, Kissen und Decken liegen bereit. Es geht um Entspannung, das schmälert die Angst. Auf die weiße Wand sind rote Blumen gemalt, die sich gerade öffnen.

In der Symbolsprache des Hypnobirthing spielen Blumen eine wichtige Rolle

Die Frauen sollen sich ihre Gebärmutter wie eine Lotusblüte vorstellen, die sich unter der Geburt allmählich öffnet, langsam, sanft. „Das Unterbewusstsein braucht Bilder, denen es folgen kann“, sagt Grundmann. Die Visualisierung hilft den Frauen, richtig zu atmen. Als die Frauen wieder auf ihren Gummibällen sitzen, erklärt Grundmann noch einmal die richtige Atmung. Die Männer hocken sich daneben, eine Hand auf dem Bauch ihrer Frau, eine auf dem Rücken und zählen langsam vor: eins, zwei, drei, vier ...bis zwanzig, erst dann schnappen die Frauen nach Luft. Die Atemtechnik ist kompliziert, doch wer sie beherrscht, ist entspannter und kommt besser durch die Wehe, sagt Grundmann.

Das heißt: „Wehe“ sagt sie eigentlich nicht, Grundmann spricht lieber von „Wellen“. Der Begriff soll vermeiden, dass die Frauen an Schmerz denken, wenn sie sich auf die Geburt vorbereiten. Der britische Gynäkologe Grantley Dick-Read hat in den 40er- Jahren als Erster das Angst-Spannungs-Schmerz-Syndrom beschrieben: Je mehr Angst eine Frau hat, desto mehr verspannt sie sich unter der Geburt, desto mehr tut es weh. Grundmann verwendet deshalb viel Zeit darauf, den Frauen die Ängste zu nehmen, die sie durch die Horrorgeschichten von Müttern und Freundinnen verinnerlicht haben: Die Teilnehmerinnen sollen ihre Befürchtungen auf die leeren Seiten eines Buches projizieren. Dann reißen sie jede Seite einzeln raus.

Fragt man Grundmann, was beim Hypnobirthing anders ist als bei anderen Geburtsvorbereitungskursen, sagt sie: „die Männer.“ Bei vielen Kursen gehen die nur ein Mal mit, beim Hypnobirth-ing nehmen sie an jeder der vier Sitzungen – à 3,5 Stunden – teil. Auch sie müssen gut vorbereitet sein, denn sie übernehmen eine wichtige Funktion: Im Hypnobirthing sind sie der wichtigste Geburtshelfer. Sie unterstützen die Frauen durch Massagen und Entspannungsübungen und übernehmen das Reden mit Ärzten und Schwestern. Das ist wichtig, sagt Grundmann, damit die Frauen nicht aus ihrer Trance herauskommen müssen.

Den werdenden Vätern hier in Puchheim scheint das Konzept zu gefallen

In der Pause erzählt ein Filmproduzent, kurze Haare, Jeans, Schirmmütze, wie skeptisch er anfangs war: „Es klang alles sehr esoterisch.“ Mittlerweile ist er froh, mitgegangen zu sein. „Ich weiß jetzt, wie ich ihr helfen kann, und steh nicht nur dumm rum.“ Dass der Kurs gut ankommt, liegt auch daran, dass Grundmann kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie erklärt, was Dammmassagen bringen, und als sie sagt, dass sich Presswehen anfühlen können, als müsste man „mal groß auf Toilette“, zuckt keiner der Teilnehmer auch nur mit der Wimper.

Grundmann weiß, wovon sie spricht, sie hat selbst mit Hypnobirthing entbunden – obwohl auch sie große Vorurteile hatte: „Hypnose, das klang für mich wie Fremdbestimmung.“ Doch mit den willenlosen Zuschauern, die im Fernsehen unter Hypnose lächerliche Dinge tun, hat die Realität wenig zu tun, sagt sie. Die Trance ließe sich eher mit dem Zustand direkt vor dem Einschlafen vergleichen. Man weiß, dass man aufstehen könnte, aber es würde einem schwer fallen. Fans von Hypnobirthing sagen, dass eine Trance eigentlich der natürliche Zustand der Frau während der Geburt ist – solange die Mütter sich wohlfühlen und die Geburt in ihrem eigenen Tempo durchlaufen können. Stattdessen gibt es in vielen Krankenhäusern überbelegte Kreißsäle, gestresste Ärzte und Vorgaben, wie schnell es vorangehen müsse. Wenn das nicht eintrifft, sagt Grundmann, greifen manche schnell zum Wehentropf. Dabei würde oft schon ein anderer Ton reichen, damit die Frau sich entspannt und der Muttermund sich öffnet. „Eigentlich braucht das Paar während der Geburt die gleiche Intimität wie beim Sex.“

Doch gerade weil Hypnobirthing-Paare so genaue Vorstellungen von der Geburt haben, sind sie bei Ärzten und Hebammen nicht immer beliebt. Ina Rühl, Leitende Oberärztin in der Geburtshilfe des Rotkreuzklinikums München, hat ihre Vorbehalte gegenüber Frauen, die so gebären wollen (siehe auch Interview). Denn gerade Erstgebärende wüssten oft nicht, was während der Geburt auf sie zukommt. „Die stellen sich ihre Geburt dann ganz entspannt vor. Das haut aber oft nicht hin. Die Geburt ist ein Naturereignis, das lässt sich nicht planen.“ Wenn werdende Mütter zu sehr auf eine natürliche Geburt ohne Hilfs- oder Schmerzmittel fixiert seien, überforderten sie sich am Ende oft selbst. „Die Frauen werden dann nach 24 Stunden aus dem Geburtshaus zu uns in die Klinik gebracht, weil sie so fix und fertig sind, dass es einfach nicht mehr weitergeht. Manchmal muss man dann einen Kaiserschnitt machen, der eigentlich nicht nötig gewesen wäre.“ Hingegen könnten Schmerzmittel den Frauen manchmal eine Verschnaufpause verschaffen: Wenn sie sich dann etwas erholt hätten, schafften sie den Rest der Geburt doch noch selbst.

Eine Garantie für eine schmerzfreie Geburt ist Hypnobirthing also sicher nicht

Den Eindruck wolle aber auch keine seriöse Lehrerin vermitteln, sagt Sydney Sobotka. Die gebürtige Amerikanerin lebt heute in der Schweiz und gründete 2013 die HypnoBirthing Gesellschaft Europa (HBGE). Sie hat über 300 deutsche Frauen in der sogenannten Mongan-Methode ausgebildet, benannt nach ihrer Gründerin Marie F. Mongan. Viele von Sobotkas Schülerinnen sind mittlerweile selbst Lehrerinnen, Hypnobirthing gibt es heute in allen großen deutschen Städten und auch auf dem Land. Trotzdem ist die Methode umstritten. In einer Studie, die die Deutsche Gesellschaft für Hypnose herausgab, beschrieb die Hälfte der Frauen, die während der Geburtsvorbereitung Hypnose benutzten, ihre Schmerzen als „erträglich“. In der Kontrollgruppe sagten das später nur 18 Prozent. Studien in der Folge bezweifelten allerdings, dass die Daten ausreichten, um repräsentativ zu sein.

Daher ist Hypnobirthing am Ende wohl auch ein bisschen eine Glaubensfrage

Die Frauen müssen selbst entscheiden, ob die Entspannungsübungen etwas für sie sind. Silke Grundmann sagt, dass ihre Teilnehmer fast immer zufrieden seien – obwohl sie ihnen einiges abverlangt. Neben den Kosten von immerhin 369 Euro, die die Kasse nur selten zahlt, müssen Teilnehmer regelmäßig zu Hause üben. Und gegebenenfalls skeptische Blicke in der Klinik in Kauf nehmen. Dafür bedeute die Entspannung der Mutter auch für die Neugeborenen weniger Stress, sagt Grundmann. „Die Geburtsberichte enden oft mit dem Satz: ,Und das ist unser gechilltes Hypnobaby‘.“

Von Julia Ley

INTERVIEW - Ärztin in der Geburtshilfe

„Eine Wehe tut nicht weniger weh, nur weil ich sie Welle nenne“

Ina Rühl, 40, ist Leitende Oberärztin in der Geburtshilfe am Rotkreuzklinikum München.

Wie viele Geburten betreuen Sie durchschnittlich pro Woche?

Rühl: Schwer zu sagen. Aber wir sind die größte Geburtshilfeklinik in Süddeutschland und hatten 2015 über 3800 Geburten.

Und wie viele Frauen wollen mit Hypnobirthing entbinden?

Ich schätze mal, dass das etwa 10 bis 15 im Jahr sind. Es ist allerdings in den letzten Jahren ein bisschen mehr geworden

Wie muss man sich so eine Hypnose-Geburt vorstellen?

Das kann man nicht verallgemeinern, aber oft kommen diese Paare mit einem genauen Geburtsplan. Da steht dann drauf, was sie unbedingt wollen, und was nicht. In vielen Fällen deckt sich das mit unseren Wünschen: ein gesundes Kind, kein Kaiserschnitt. Auch eine sanfte Ansprache finde ich gut, denn eine Frau unter der Geburt ist extrem empfindsam. Meine Mutter kann sich mit über 70 noch an einzelne Sätze erinnern. Was mir aufstößt, ist aber, dass man beim Hypnobirthing oft eine Art Vokabelliste vorgelegt bekommt. Ich glaube nicht, dass eine Wehe weniger wehtut, nur weil ich sie „Welle“ nenne. Eine Geburt tut weh und den Schmerz als „intensives Gefühl“ zu bezeichnen – das entlockt mir eher ein Lächeln

Woher kommt der Hypnobirthing-Trend?

Viele Frauen haben Angst davor, dass die Ärzte ihnen ihren Willen nicht lassen, ärztliche Einmischung wird fast immer als negativ dargestellt. Und dieser Wunsch führt momentan zu zwei unterschiedlichen Entwicklungen: Zum einen gibt es den Trend zum Wunschkaiserschnitt – dass Frauen sagen, sie wollen eine natürliche Geburt nicht mal versuchen und genau planen, an welchem Tag ihr Kind kommt. Und dann gibt es die, die unbedingt eine natürliche Geburt ohne Intervention wollen. Dahinter steckt meiner Meinung nach aber der gleiche Wunsch: alles kontrollieren zu können. Das ist verständlich, aber die Geburt ist eben ein Naturereignis – und dem muss man sich ein Stück weit hingeben.

Dabei ist es ja eigentlich vernünftig, dass Frauen sich überlegen, was ihnen gut tut.

Absolut. Aber in Deutschland sind es ja häufig die Erstgebärenden, die Hypnobirthing anwenden. Gerade die wissen aber gar nicht, was auf sie zukommt. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass die Frauen dann so fixiert auf eine bestimmte Vorstellung sind, dass sie völlig unflexibel werden. Sie erleben es dann als Katastrophe, wenn sie Schmerzmedikamente brauchen oder ein Kaiserschnitt aus medizinischen Gründen notwendig wird. Dahingegen läuft es oft bei Frauen gut, die sagen: „Ja mei, vor mir haben das auch schon Millionen andere gemacht, das wird schon gehen.“

Hypnobirther kritisieren Schmerzmittel, weil sie dem Kind schaden können. Und weil sie die Geburt verlängern können, wenn die Frau nicht mehr „mitarbeiten“ kann. Gerade die PDA, eine Rückenmarksspitze, ist umstritten. Was ist falsch daran, das vermeiden zu wollen?

Erstens sind die Schmerzmittel, die wir in der Geburtshilfe einsetzen, alle erprobt. Wir wissen, was sie mit dem Körper der Frau machen und wie sie den Geburtsverlauf beeinflussen. Auch die PDA ist ein lokales Anästhetikum, das Kind kriegt davon nichts ab. Zweitens stimmt es natürlich, dass eine PDA den Geburtsverlauf beeinflussen kann – aber durchaus auch positiv. Wir bieten das manchmal an, wenn es einen Geburtsstillstand gibt. Oft hören die Schmerzen dann auf, die Frau entspannt sich, der Muttermund geht auf und es geht weiter.

Hilft es, die Männer so stark einzubinden?

Das kommt darauf an. Manchmal finde ich es schon krass, wenn der Mann sagt: „Nein, wir wollen keine PDA.“ Wir denken uns dann oft: „Ich wünsche dir einmal die Wehen, die deine Frau seit drei Tagen aushält.“ In solchen Situationen steht dem Paar die eigene Vorstellung so im Weg, dass das Geburtserlebnis – sorry – nur noch mies werden kann. In dem Moment können wir dann nichts mehr richtig machen. Denn auch wenn das Kind mit PDA oder Kaiserschnitt gesund zur Welt kommt, sind die Eltern fürchterlich enttäuscht. Wir kommen uns dann manchmal vor, als wären wir der Feind. Und das wollen wir gar nicht sein

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