Training an der Gebärpuppe: In der Simulation üben Geburtshelfer, im Notfall richtig zu reagieren. klinikum der Uni München

Fehler vermeiden

Geburtssimulator: Fit für den Notfall im Kreißsaal

München - Was für Piloten längst Standard ist, hält jetzt auch Einzug in der Medizin: Mit dem Gebärsimulator trainieren Geburtshilfeteams den Notfall. Das soll Leben retten.

Die Geburt verlief problemlos. Doch plötzlich sind die Tücher in den Händen der Hebamme dunkelrot. Überall Blut. Die Gebärmutter hat sich nicht zusammengezogen. Aus einer normalen Geburt wird in Sekunden ein medizinischer Notfall. Dann muss jeder Handgriff sitzen, jeder im Team seine Rolle kennen.

„Notfälle bei der Geburt sind relativ selten“, sagt Dr. Christoph Scholz, Vizedirektor der Uniklinik Ulm. Kommt es aber zu einem, geht es oft plötzlich um Leben und Tod. So kann bei einer Gebärmutter-Atonie die Mutter innerhalb weniger Minuten verbluten. In Deutschland nehmen die Fälle starker Blutungen nach der Geburt sogar zu. Ein Grund: die vielen Kaiserschnitte. Bei einer nachfolgenden natürlichen Geburt das Risiko dafür. Doch auch das Kind kann plötzlich in Gefahr sein: Bleibt etwa die Schulter im Geburtskanal hängen, bekommt es schnell zu wenig Sauerstoff. Die Folge kann eine lebenslange Behinderung sein. „Die Versicherungssummen in der Geburtshilfe sind die höchsten, die die Medizin kennt“, sagt Scholz.

Viele dieser Notfälle lassen sich heute in den Griff bekommen. Dennoch kommt es immer wieder zu Geburtsschäden. Eine Analyse von 800 Fällen ergab: Schuld sind oft dieselben vermeidbaren menschlichen Fehler. „Medizinische Behandlungsfehler sind ein größeres Problem, als man sich gemeinhin vorstellt“, sagt der Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, Dr. Helmut Platzer. Sie kosteten in Deutschland viermal so viele Leben wie Autounfälle.

Das Projekt „Simparteam“ soll helfen, Fehler zu verhindern. Die meisten Pannen in der Geburtshilfe entstehen dabei durch Missverständnisse im Team. Doch Kommunikation lässt sich trainieren. Wie Piloten eine Notlandung, können auch Geburtshelfer den medizinischen Notfall üben – in dem Projekt „Simparteam“.

An speziellen Instituten in München und Tübingen, aber auch direkt an den Kliniken inszenieren geschulte Trainer Notfälle. Von einem Kontrollraum aus steuern sie das Geschehen im simulierten Kreißsaal. Dort liegt zum Beispiel Noelle. Eine Mitarbeiterin im Kontrollraum verleiht der Gebärpuppe eine Stimme, Herzschlag und Atmung steuert ein Computer. Noelle gebiert automatisch, hat Wehen und kann bluten. Die Simulation einer Geburt wird so nahezu perfekt – und die ihrer Komplikationen. Dass die Gebärende und Baby ferngesteuerte Puppen sind, haben Hebammen, Ärzte und Pfleger schnell vergessen. Ein Video zeigt ihnen im Anschluss, wie Fehler entstehen – und wie man sie vermeiden kann.

Zu den vielen Partnern von „Simparteam“ zählen neben der AOK das Aktionsbündnis Patientensicherheit, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Deutsche Hebammenverband und die Versicherungskammer Bayern. Sie setzen große Erwartungen in das Projekt. In England konnte ein Training von Geburtshilfeteams die Zahl von Hirnschäden bei Neugeborenen, die durch Sauerstoffmangel ausgelöst wurden, halbieren. Die Ergebnisse der Pilotphase von „Simparteam“ sind ebenfalls ermutigend: Mehr als drei Viertel der Teilnehmer bewertete das Training als „sehr gut“. Die meisten fühlten sich danach besser auf Notfälle vorbereitet.

Für einen breiten Erfolg muss „Simparteam“ aber möglichst viele Geburtshelfer in ganz Deutschland trainieren. „Ziel ist, dass die Simulation Standard wird“, sagt Platzer. Schulungen für 25 Mitarbeiter kosten derzeit allerdings zwischen 30 000 und 40 000 Euro. Doch lohnt sich das – auch für das Krankenhaus. „Eine Klinik, die einen geburtlichen Schadensfall hatte, ist gebrandmarkt“, sagt Scholz.

Von Sonja Gibis

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zeig mir deinen Hals - und ich sage dir, ob ein Herzinfarkt droht
Wussten Sie, dass Ihr Halsumfang mehr über sie aussagt, als sie denken? Wie Forscher nun herausfanden, kann er sogar das eigene Herzinfarktrisiko vorhersagen.
Zeig mir deinen Hals - und ich sage dir, ob ein Herzinfarkt droht
Zwölf Prozent der Urlauber erholen sich nicht richtig
Eigentlich sollte der oft langersehnte Sommerurlaub dazu dienen, neue Kraft zu schöpfen. Doch kommen Urlauber wirklich immer dazu, sich von den Strapazen den Alltags zu …
Zwölf Prozent der Urlauber erholen sich nicht richtig
Dieser Mann isst jeden Tag Pizza - und so sieht er jetzt aus
Ein Mann isst jeden Tag Pizza – und nimmt dabei sogar ab. Aber nicht nur das – außerdem ist mit seinem Körper in dieser Zeit Unglaubliches passiert.
Dieser Mann isst jeden Tag Pizza - und so sieht er jetzt aus
Kreuzschmerzen können auch psychisch bedingt sein
Viele Menschen leiden unter Rückenschmerzen. Das liegt nicht immer an einer falschen Bewegung oder orthopädischen Erkrankung. Die Beschwerden können auch psychische …
Kreuzschmerzen können auch psychisch bedingt sein

Kommentare