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Bloß nicht vergessen: Ein gelber Merkzettel mit dem Schriftzug „Herd aus?“ in Großbuchstaben soll daran erinnern, den Herd auszuschalten.

Geistig fit im Alter

Demenz: „Fordern Sie Ihr Gehirn“

Immer mehr Menschen leiden an Demenz-Erkrankungen, die nicht heilbar sind. Aber: Es ist möglich, den Zeitpunkt des Ausbruchs nach hinten zu verschieben. Davon ist Dr. Katharina Bürger überzeugt.

Die 47-jährige Oberärztin arbeitet im Münchner Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) und erklärt, warum Gehirntraining für einen gesunden Kopf nicht reicht.

Wie bleiben wir im Alter geistig fit?

Drei Dinge sind entscheidend: geistige Beschäftigung, soziale Integration, gesunde Gefäße. Auf welche Art und Weise Sie Ihr Gehirn fordern, spielt keine Rolle – Hauptsache es bereitet Ihnen Freude. Zum Beispiel: lesen, musizieren, basteln. Außerdem: Nehmen Sie am Leben teil, treffen Sie Freunde oder engagieren sich sozial. Soziale Aktivitäten fordern und fördern offensichtlich unser Gehirn. Und was die Gesundheit angeht: Alles, was der Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall dient, hilft auch dem Erhalt des Gedächtnisses. Also achten Sie auf Blutdruck, Blutfette, Bewegung und ausgewogene Ernährung.

Warum verschlechtert sich im Alter unser Gedächtnis?

Beim Alterungsprozess wird unser Gedächtnis nicht schlechter, sondern langsamer. Bei Alzheimer ist das anders – weil die Erkrankung Gehirn-Areale betrifft, in denen die Gedächtnisfunktionen angesiedelt sind. Darum ist das Gedächtnis betroffen. Es gibt aber auch andere Demenzformen: Wenn die Krankheitsprozesse zum Beispiel das sogenannte Stirnhirn und den sogenannten Schläfenlappen betreffen, löst dies Persönlichkeits- und Sprachstörungen aus.

Habe ich etwas falsch gemacht, wenn ich dement werde?

Nein. Geistige Gesundheit ist letztendlich ein Geschenk. Das hat nichts mit persönlichem Versagen oder Schuld zu tun. Niemand kann beeinflussen, ob er Alzheimer bekommt oder nicht. Das ist eine Krankheit, die im hohen Alter sehr, sehr viele Menschen betrifft. Die Krankheit steckt in uns. Aber wir haben eben die Chance, den Zeitpunkt der Erkrankung durch die bereits genannten drei Punkte – geistige Beschäftigung, soziale Integration, gesunde Gefäße – hinauszuzögern. Dazu gibt es interessante Berechnungen: Wenn es gelingt, die Erkrankung um fünf Jahre zu verschieben, können wir die Anzahl der Patienten halbieren.

Raten Sie bei Alzheimerdemenz zu Gedächtnistraining?

Nein. Wenn man die Betroffenen zum Auswendiglernen zwingt, fördert das eher Frustration, Depressivität und Verzweiflung. Denn das Tragische der Krankheit ist: Die Betroffenen nehmen im Anfangsstadium den Gedächtnisverlust wahr. Abgesehen davon zeigen Studien auch keine Erfolge eines Gedächtnistrainings im Stadium der Alzheimerdemenz.

Was empfehlen Sie stattdessen? 

Betroffene sollten sich mit Dingen beschäftigen, die sie noch leisten können – und die ihnen Spaß machen. Das ist wichtig für ein positives Selbstwertgefühl. Zum Beispiel könnten die Betroffenen im Haushalt helfen. Sicher bereiten sie kein komplettes Menü zu, aber mithelfen klappt bestimmt. Oder schauen Sie sich gemeinsam Fotos von früher an und sprechen darüber. Das ist identitätsstiftend. Viele Patienten leiden an Depressionen. Darum sind positive Erlebnisse umso wichtiger.

Bei welchen Symptomen ist eine ärztliche Untersuchung ratsam?

Zuerst einmal: Verfallen Sie nicht in Krisenstimmung, wenn Sie hin und wieder etwas vergessen. Das ist im Alter völlig normal. Es müssen schon gravierende Dinge vorfallen, um an eine Demenz zu denken. Zum Beispiel wenn kurz zurückliegende Ereignisse aus Ihrem Gedächtnis ausgelöscht sind. Oder wenn Sie mit einem Mal die Orientierung in Ihrer Heimatstadt verlieren – oder trotz langjähriger Erfahrung die Steuererklärung nicht mehr bewältigen. Es muss sich um eine deutliche Abnahme des Gedächtnisses über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten handeln.

Wie sieht die Behandlung von Alzheimer aus?

Die Krankheit ist nicht heilbar, aber wir haben symptomatische Therapien. Allerdings können diese nichts zurückbringen, was verloren ist. Darum ist nichts wichtiger als Früherkennung. Denn je früher wir behandeln, desto besser können wir das Fortschreiten der Symptome verlangsamen.

Interview: Myriam F. Goetz

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