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Die neue Gesundheitskarte zeigt erstmals ein Bild des Versicherten. Es ist allerdings bisher die einzige Veränderung. Weitere Funktionen wie Online-Rezept und elektronischer Arztbrief sollen erst in den nächsten Jahren getestet werden.

Streit zwischen Kassen und Ärzte

Gesundheitskarte in der Warteschleife

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München - Rund 95 Prozent der Versicherten haben die elektronische Gesundheitskarte. Doch die bietet keine Zusatzfunktionen – und das wird erst mal so bleiben. Schuld sind Streitigkeiten zwischen Ärzten und Kassen.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte sich das ganz einfach vorgestellt. Als Ersatz für die zunehmend veraltete Gesundheitskarte sollte es eine neue Chipkarte geben. Mit Zusatzfunktionen wie Online-Rezept, Notfalldaten und elektronischem Arztbrief warb die Ministerin für das Milliarden-Projekt. Das war 2003. Zehn Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus. Nach unzähligen Pannen und Verzögerungen ist derzeit nur eine kräftig abgespeckte Variante im Einsatz.

Die elektronische Gesundheitskarte gehört zu den größten IT-Projekten der Welt. Die Umsetzung im Hochtechnologieland Deutschland ist allerdings grotesk. Ein Vergleich: Wer den Straßenverkehr beschleunigen will, investiert normalerweise zunächst in den Ausbau der Straßen und dann in schnellere Autos. Bei der elektronischen Gesundheitskarte ist es genau umgekehrt. Das Plastik-Kärtchen ist quasi der neue Porsche – Straßen gibt es aber keine.

Die einzige sichtbare Änderung: Die neue Karte zeigt ein Bild des Versicherten. Damit soll der Missbrauch gestohlener Karten verringert werden. Dafür bräuchte es aber keinen neuen Chip auf der Karte und vor allem keine zehnjährige Entwicklungszeit. Neben dem Foto sind auf der Karte wie bisher die Versichertenstammdaten wie Name, Adresse und Geschlecht gespeichert.

Für Verwirrung sorgte Anfang Oktober eine Meldung der Krankenkassen. Danach verlieren zum Jahresende die seit 1995 ausgegebenen alten Gesundheitskarten ihre Gültigkeit – unabhängig vom aufgedruckten Ablaufdatum. Der Spitzenverband verweist auf eine entsprechende Vereinbarung mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Dort weist man diese Frist aber zurück. „Es ist nicht so, dass die alte Karte nach dem 1. Januar 2014 nicht mehr eingesetzt werden kann“, betont KBV-Sprecher Roland Stahl. Nichtsdestotrotz sollten sich Versicherte, die noch keine Karte mit Foto haben, bei ihrer Krankenkasse um eine neue Chipkarte kümmern.

„Es geht langsam Schritt für Schritt“, beschreibt Max Kaplan, Präsident der Landesärztekammer in Bayern, den mühsamen Entwicklungsprozess. Verantwortlich für das äußerst mäßige Tempo sind endlose Streitigkeiten zwischen Kassen, Ärzten, Kliniken und Apotheken. Meist geht es um die Verteilung der Kosten. Es gibt aber auch immer wieder Ärger, weil die Ärzte fürchten, mit der neuen Gesundheitskarte könnten die Krankenkassen noch stärker die Behandlung und die Verschreibung von Medikamenten kontrollieren – und damit die Praxen quasi ausspionieren.

Neuester Streit: der sogenannte Abgleich der Versichertenstammdaten. Dabei geht es darum, dass die Ärzte regelmäßig die auf der Karte gespeicherten Versichertendaten mit den Informationen bei der Krankenkasse abgleichen sollen. Änderungen wie etwa eine neue Adresse könnten dann gleich beim Arzt auf der Karte gespeichert werden.

„Durch den Datenabgleich darf der Verwaltungsaufwand für die Ärzte nicht größer werden“, fordert Ärzte-Präsident Kaplan. Bis es so weit ist, könnten allerdings noch Jahre vergehen. Derzeit läuft gerade die Ausschreibung für erste Testregionen. Erst danach sind weitere Zusatzfunktionen der Karte wie Online-Rezept oder Notfalldaten geplant.

So viel kassieren niedergelassene Ärzte

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Ob die Versicherten die neuen Funktionen überhaupt nutzen werden, bleibt fraglich. Experten warnen seit Jahren vor Sicherheitslücken im System. Der NSA-Datenskandal hat das Vertrauen sicherlich nicht gestärkt. Selbst Mediziner warnen vor mangelndem Datenschutz: „Angesichts der jüngsten Datenskandale sehe ich es mit Sorge, dass hochsensible Patientendaten zentral gespeichert werden sollen“, sagt Janusz Rat, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns. „Wenn Geheimdienste verschlüsselte E-Mails und Bankkonten knacken können, dürfte es ein Leichtes für sie sein, sich auch Zugang zu diesen Daten zu verschaffen.“

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