+
Der Nutzen der Grippemittel Tamiflu und Relenza ist nach einer groß angelegten Studie fraglich.

Massive Kritik

Grippemittel Tamiflu bringt kaum etwas

Millionenfach haben verschiedene Länder aus Angst vor einer starken Grippeepidemie die Medikamente Tamiflu und Relenza eingelagert. War alles umsonst?

Der Nutzen der Grippemittel Tamiflu und Relenza ist nach einer groß angelegten Studie fraglich. Insbesondere sollten sich die Länder überlegen, ob es sinnvoll gewesen sei, diese Medikamente millionenfach für den Fall einer großen Epidemie einzulagern, schreiben die Cochrane Collaboration und das „British Medical Journal“ in einer Mitteilung. Sie berücksichtigten auch bislang unveröffentlichte Daten. Der Hersteller von Tamiflu, das Unternehmen Roche, widersprach diesen Empfehlungen.

Symptome verringern sich etwa um einen halben Tag

Nach der neuen Studie können die Medikamente zwar die Dauer von grippeartigen Symptomen um etwa einen halben Tag verringern. Dafür riskierten Patienten jedoch Nebenwirkungen. Hinweise darauf, dass die Mittel bestimmte Komplikationen und Einlieferungen ins Krankenhaus verhindern, fanden die Forscher um Tom Jefferson vom Cochrane-Team nicht, wie sie im „British Medical Journal“ („BMJ“) berichten. Die Cochrane Collaboration erstellt große Übersichtsarbeiten und berät unter anderem Politiker in Gesundheitsfragen.

Der Nutzen von Tamiflu und anderen Neuraminidase-Hemmern ist seit Jahren umstritten, auch weil viele Studiendaten der Hersteller nicht zugänglich waren. Im Jahr 2009 hatten Regierungen weltweit zum Schutz vor der sogenannten Schweinegrippe H1N1 Milliardenbeträge für Vorräte ausgegeben, vor allem um schweren Komplikationen wie Lungenentzündungen vorzubeugen. Seitdem sei der Einsatz des Mittels drastisch gestiegen, schreibt das „BMJ“.

Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkung

Nun werteten Cochrane-Mitarbeiter 20 Studien zu Tamiflu und 26 zu Relenza mit insgesamt mehr als 24.000 Teilnehmern aus - beide Mittel hemmen das Virenenzym Neuraminidase. Die Ergebnisse: Relenza reduzierte die Zeit der Grippesymptome bei Erwachsenen um rund einen halben Tag. Bei Einnahme von Tamiflu sank die Dauer der grippeartigen Symptome bei Erwachsenen von 7 auf 6,3 Tage, bei Kindern war der Effekt noch weniger deutlich. Allerdings erhöhte das Mittel bei Kindern und Erwachsenen das Risiko für Übelkeit und Erbrechen um 4 bis 5 Prozent.

Der Hersteller von Tamiflu, das Unternehmen Hoffmann-La Roche, widersprach den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe: „Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten belegen, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist“, schreibt der Pharmakonzern. Bei Glaxosmithkline, dem Hersteller von Relenza, war zunächst niemand für eine Aussage zu erreichen.

Erst vor einem Monat war eine vom Tamiflu-Hersteller finanzierte Studie im Fachblatt „The Lancet Respiratory Medicine“ zu einem anderen Ergebnis gelangt. Demnach senkten Neuraminidasehemmer wie Tamiflu bei Patienten, die während der H1N1-Epidemie 2009-2010 in Krankenhäuser kamen, das Sterberisiko um 25 Prozent. Die Gefahr sank den Angaben zufolge insbesondere dann, wenn sie solche Medikamente früh einnahmen.

Diese Risikogruppen sollten sich gegen Grippe impfen lassen

Der lebensrettende Pieks: Diese Risikogruppen sollten sich gegen Grippe impfen lassen

dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Rettung für kranke Zähne
Reparieren ist besser als ersetzen – das gilt auch für die Zähne. Doch worauf kommt es bei Füllungen an? Und wie kann man Karies vorbeugen? Ein Experte klärt auf.
Rettung für kranke Zähne
Junge hat gefährlichen Wurm im Auge - es endet tragisch
Als ein Junge mit starken Schmerzen ins Krankenhaus kommt, stehen die Ärzte vor einem Rätsel. Etwas Ungewöhnliches hat sich in seinem rechten Auge eingenistet.
Junge hat gefährlichen Wurm im Auge - es endet tragisch
Schock: 18 von 22 Bierproben mit gefährlichen Pestiziden belastet
Bier macht schlau, glücklich – und ist leider mit vielen Schadstoffen belastet. Das hat eine Untersuchung ergeben. Doch ist das lebensbedrohlich?
Schock: 18 von 22 Bierproben mit gefährlichen Pestiziden belastet
Probleme beim Lesen der Armbanduhr: Augenkrankheit abklären
Im Alter werden die Augen schwächer, das ist vielen klar. Hinnehmen muss man es allerdings nicht. Im Gegenteil: Sieht jemand zum Beispiel Dinge verzerrt, kann dahinter …
Probleme beim Lesen der Armbanduhr: Augenkrankheit abklären

Kommentare