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Brigitte Angermaier pflegt seit 24 Jahren ihren Sohn.

AOK-Chef schlägt Alarm

Häusliche Pflege: Warum Angehörige so oft alleine sind

München - Der AOK-Pflegereport offenbart: Viele Hilfsangebote laufen ins Leere. Alarm schlägt der AOK-Chef: Die Beratung zu Angeboten sei nicht gut genug.

Rund 2,7 Millionen Menschen in Deutschland (25.000 in München) sind pflegebedürftig – und die Mehrzahl von ihnen wird zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. 65 Prozent! Meistens übernehmen Töchter oder Ehepartner die Pflege. Das ist ein Ergebnis des neuen AOK-Pflegereports, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Erschreckend dabei: Offensichtlich nutzen nur wenige Angehörige die ihnen zustehenden Hilfsangebote wie die Kurzzeitpflege oder die ambulante Pflege. Und das gilt ganz besonders für die hoch Belasteten, die eine Entlastung ganz besonders dringend nötig hätten.

Woran liegt es, dass Hilfsangebote so oft ins Leere laufen? Zumindest nicht an der grundsätzlichen Information. Denn die AOK-Experten haben festgestellt, dass die meisten Angehörigen die Unterstützungsmöglichkeiten kennen. Wichtigster Grund ist der Wunsch des Pflegebedürftigen, nicht von einem Fremden versorgt zu werden. „Hinzu kommt ein tief sitzendes Selbstverständnis von familiärer Pflege, in das Pflichtgefühl und Scham mit hineinspielen“, so Expertin Antje Schwinger, Mitherausgeberin des Reports.

In Rund der Hälfte aller Fälle fürchten Angehörige auch, dass Hilfsangebote viel zu teuer sein könnten. Viele, so die AOK-Experten, hätten die Sorge, dass Leistungen wie die Verhinderungs- oder die Kurzpflege vom „normalen“ Pflegegeld abgezogen werden bzw. eigens bezahlt werden müssten. Hinzu kämen Unklarheiten zum Inhalt der Angebote oder die Vermutung, dass es in der näheren Umgebung keine passenden Lösungen gebe. Probleme, die sich in Beratungsgesprächen oft lösen ließen.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, forderte deshalb eine gezieltere Beratung und eine übersichtliche Angebots­palette. Die AOK verfüge über 700 Pflegeberater. Es müsse der Normalfall werden, dass familiäre Pflege durch professionelle unterstützt werde. „Wenn man die Stundenzahl, die pflegende Angehörige aufwenden, mit dem heutigen Mindestlohn multipliziert, dann liegt die Wertschöpfung bei rund 37 Milliarden Euro pro Jahr“, sagte Litsch.

Die Gerontologin Adelheid Kuhlmey plädierte für eine stärkere Unterstützung der Frauen. Pflege bleibe Frauensache, daher müsse die Gleichstellungsdebatte auf die Pflege ausgeweitet werden. Männer seien gute, meist rationalere Pfleger – und oft früher bereit, sich externe Hilfe zu holen, so die Gerontologin.

Gute Ratschläge gab’s nur per Mundproganda

Seit 24 Jahren pflegt Brigitte Angermaier ihren Sohn Vitus, der seit seiner (Früh-)Geburt an einer Tetra­spastik leidet. Geistig topfit, benötigt Vitus vor allem Unterstützung bei der Körperpflege und wenn’s darum geht, mobil zu sein. Vom Sofa in den Rollstuhl, zur Dusche in die Badewanne, von zu Hause in die Schule oder jetzt an seinen Ausbildungsplatz – ohne Hilfe geht’s nicht. 

Für Brigitte Angermaier ist das kein Thema. Natürlich ist sie für ihren Sohn da. Und glücklicherweise gibt es auch Unterstützung. Zum Beispiel die „Verhinderungspflege“, die einspringt, wenn sie dringend etwas erledigen muss. 1600 Euro stehen ihr dafür pro Jahr zur Verfügung. Aber, so ihre Erfahrung, von allein läuft nichts. „Dass ein Pflegebedürftiger einen Rechtsanspruch darauf hat, dass seine Pflegekasse mit ihm zu Hause einen detaillierten Pflegeplan erstellt, hör’ ich heute zum ersten Mal“, sagt sie. 

Tipps, welche Hilfe möglich ist, hat sie meist per Mundpropaganda erfahren. Medizinischer Dienst und Pflegekasse stehen mehr für Gängelei als guten Rat. Trotzdem stellt Brigitte Angermaier fest, dass sich gesellschaftlich etwas verändert: „Die Menschen sind hilfsbereiter als früher“, so ihr Eindruck. Bestimmte Hilfsangebote kommen für sie dennoch nicht infrage. „Einer fremden Person würde ich Vitus nie anvertrauen“, sagt sie. „Ich habe in einigen Einrichtungen gesehen, wie mit Pflegebedürftigen umgegangen wird.“ 

tz

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