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„Helikoptereltern“: Kinder verhaltensgestört, aber klüger? Studien im Vergleich

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Von: Jasmin Farah

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Viele spötteln über überbehütende Eltern, die Kindern alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Studien zeigen, dass das Konzept aber erfolgreich ist.

Princeton – Sie sind der Schreck jedes Erziehers, Pädagogen oder Lehrers: Helikoptereltern. Diese kreisen dem Namen nach 24 Stunden am Tag um ihren Nachwuchs und versuchen, alle seine Bedürfnisse zu erfüllen. Mit dem Ziel, ihm die Schwierigkeiten des Lebens abzunehmen und mögliche Steine aus dem Weg zu räumen. Viele Pädagogen haben für dieses Erziehungskonzept allerdings nur wenig warme Worte übrig. Die meisten kritisieren es sogar öffentlich scharf. Die Botschaft dahinter: Wer dem eigenen Nachwuchs alles abnimmt, gibt ihm keine Chance, sich zu entwickeln und selbst Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

„Helikoptereltern“: Kinder verhaltensgestört, aber klüger? Studien im Vergleich

Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren: Der Trotzanfall eines Kleinkindes dauert in der Regel rund vier bis fünf Minuten. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn
Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren: Der Trotzanfall eines Kleinkindes dauert in der Regel rund vier bis fünf Minuten. (Symbolbild) © Mascha Brichta

Eine Expertin geht sogar so weit zu sagen, dass Überbehütung einer Vernachlässigung des Kindes gleichkommt. Die Forscher, Dr. Matthias Doepke, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Dr. Fabrizio Zilibotti von der Yale University, sind dem Phänomen „Helikoptereltern“ nachgegangen und dabei zu einem verblüffenden Ergebnis gekommen. Ihre Studie zeige, dass nicht alles schlecht an der Helikoptererziehung sei. Denn aufgrund der strengen Kontrolle hätten die Kinder solcher Eltern bessere Bildungs- und Erfolgsaussichten im Leben. Letzteres gilt vor allem für ihren Karriereweg und den späteren Lebensstandard.

Gleichzeitig aber verstärke das Erziehungskonzept die „Parenting Gap“ (auf Deutsch etwa: „Erziehungslücke“) und damit die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft. Demnach haben vor allem die Forscher für die Untersuchung ihre eigenen Kindheitserfahrungen mit der heutigen Erziehung ihrer Sprösslinge abgeglichen. „Meine Eltern erwarteten, dass wir zum Essen auftauchen, zur Schule gehen und vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sind, aber ansonsten hatten wir viel Freiheit“, sagt Doepke. „Die Realität von heute ist so, dass meine Rolle als Elternteil viel intensiver ist. Ich verbringe viel Zeit mit Erziehung, genau wie die meisten anderen amerikanischen Eltern heute.“

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„Helikoptereltern“: Kinder verhaltensgestört, aber klüger? Studien im Vergleich

Aus ihren jahrelangen Forschungen ist schließlich das Buch „Love, Money and Parenting: How Economics Explains the Way We Raise Our Kids.“ (auf Deutsch etwa: „Liebe, Geld und Erziehung: Wie die wirtschaftlichen Verhältnisse die Art und Weise erklärt, wie wir unsere Kinder aufziehen.“) entstanden und ihre Kernthese: Kinder werden im Gegensatz zu früher unter enormen Leistungsdruck gesetzt. Zudem werden die Sprösslinge indirekt als Ware und Statussymbol im Marktwettbewerb verstanden und Helikoptereltern führen und „managen“ mehr und mehr das Aufwachsen ihrer Kinder.

Doch im Gegensatz zur Annahme, dass der Erziehungsstil trotzige, verwöhnte Kinder hervorbringe, glauben die Wissenschaftler, dass der Nachwuchs folgsam alle Karriere- und Erfolgsziele erreichen wird. Zu diesem Schluss kommen sie, nachdem sie die Leistungstests von 15-Jährigen weltweit ausgewertet haben. Die Ergebnisse wurden dann mit Berichten von den Jugendlichen und ihren Eltern verglichen und wie ihr Verhältnis zueinander ist. Dabei habe sich herausgestellt, dass eine „bevormundende“ Erziehungsweise zu besseren Leistungswerten der Kinder führe, wenn die Eltern der gleichen sozialen Gruppe angehören. Das verschärfe allerdings weiter die Kluft zwischen Arm und Reich.

„Helikoptereltern“: Kinder verhaltensgestört, aber klüger? Studien im Vergleich

Doch sind diese Kinder auch glücklich? Für Prof. Dr. Stephan Bender, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Köln, gehört der Umgang mit Kindern und ihren Helikoptereltern zur Praxis. Er bezweifelt das, demnach erkenne er gewisse Charakteristika von Kindern, die von Helikoptereltern aufgezogen werden: „Kindern von Helikoptereltern fehlt es oft an sozialer Kompetenz und Eigeninitiative, sie haben Probleme, ihre Bedürfnisse zu äußern, und können ihre Begabungen nicht voll entfalten“, erklärt er gegenüber der AOK Krankenkasse. Am Ende ist es wohl die berühmte goldene Mitte, die auch bei der Kindererziehung gilt: den Nachwuchs führen und lenken sowie Grenzen setzen, aber ihn nicht komplett seines Freiraums berauben.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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