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Die neue Gefäßstütze aus Mag­nesium wird im Herzkatheter­labor eingesetzt.

Neuartige Gefäßstützen

Herz-Weltpremiere in München: Dieser Stent löst sich selbst auf

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München - Einem Münchner Professor ist eine Weltpremiere geglückt: Er setzte einer Patientin zwei sich selbst auflösende Magnesium-Stents ein. Die tz erklärt die Herz-Weltpremiere und die Hintergründe.

München gilt als wichtiger Pulsgeber in der Herzmedizin. Forschungsergebnisse und Behandlungserfolge aus Kliniken in der Isar-Metropole finden immer wieder Beachtung – auch über Deutschland hinaus. Jetzt ist einem renommierten Spezialisten eine Weltpremiere geglückt: Professor Dr. Thorsten Lewalter hat einer Patientin zwei Magnesium-Stents in ihre verengten Herzkranzgefäße eingesetzt – es war der erste Eingriff mit den neuartigen Gefäßstützen nach deren Zulassung durch die europäischen Aufsichtsbehörden. Der Clou daran: Die Magnesium-Stents lösen sich nach etwa einem Jahr selbst auf. Die tz erklärt die Herz-Weltpremiere und die Hintergründe:

Magnesium statt klassischem Metall – das Grundprinzip ist dasselbe: Fili­grane Gitterröhrchen, sogenannte Stents, öffnen das verengte Herzkranzgefäß, geben ihm seine ursprüngliche Form zurück. Sie wirken praktisch wie ein Stützkorsett. Nach einigen Monaten ist das Gefäß in der Regel wieder so stabil, dass der Stent überflüssig wird. Weil eine schonende Entfernung praktisch unmöglich wäre, belässt man den Stent aber im Körper. „Genau hier liegt der große Vorteil des Implantats aus Magnesium: Es löst sich nach dem Heilungsprozess vollständig auf, wird vom Körper absorbiert. Somit bleibt auch kein Fremdkörper mehr zurück“, erklärt Professor Thorsten Lewalter im tz-Gespräch.

Der Auflösungsprozess sei aus medizinischer Sicht sinnvoll, erläutert der Chefarzt des Peter-Osypka-Herzzentrums in den Müller-Kliniken. Denn Stents könnten dauerhaft die Gefäßbeweglichkeit wie auch die Gewebedurchblutung behindern und im schlimmsten Fall Thrombosen auslösen. „Stents retten Leben, aber noch besser ist es, wenn diese Lebensretter nach getaner Arbeit auch wieder aus dem Körper verschwinden“, argumentiert Prof. Lewalter, der dem Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung angehört.

Professor Thorsten Lewalter setzte seiner Patientin Monika T. zwei Stents aus Magnesium ein.

Für Herz-Patientin Monika T. aus München wären die herkömmlichen Stents aus Edelstahl, Kobalt-Chrom- oder Kobalt-Nickel-Mischungen nicht in Frage gekommen – und das, obwohl die 71-Jährige wegen eines stark eingeengten Herzkranzgefäßes ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko aufwies. Denn gleichzeitig leidet sie unter einer schwerenAllergie gegen bestimmte Metalle. Diese hatte sich bereits vor Jahren bei einer Zahn-Behandlung herauskristallisiert. „Ich hatte Entzündungen im ganzen Körper und war in einem kritischen Zustand“, erinnert sich die Münchnerin. „Wir steckten in der Zwickmühle“, sagt Prof. Lewalter.

Einen Ausweg aus dem Dilemma eröffnete jetzt die offizielle Zulassung der Magnesium-Stents. Nur wenige Tage, nachdem die deutsche Herstellerfirma Biotronik für ihre Magnesium-Stents das gesetzlich vorgeschriebene CE-Zeichen erhalten hatte, konnte Prof. Lewalter seine Patientin damit versorgen: „Der Eingriff verlief ohne Komplikationen und war nach zwei Stunden beendet. Frau T. wurde dafür kurzzeitig in einen Dämmerschlaf versetzt und konnte bereits am Tag darauf die Klinik verlassen.“ Darüber ist auch die Patientin überglücklich: „Wunderbar, dass sich so kurzfristig diese Stent-Alternative für mich aufgetan hat. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch eine Zukunft habe.“

Als Versuchskaninchen fühlt sich Monika T. nicht. „Das muss sie auch nicht“, betont Prof. Lewalter gegenüber der tz. Schließlich sind die Magnesium-Stents bereits bei 160 ausgesuchten Patienten eingesetzt und getestet worden – allerdings nur im Rahmen von streng kontrollierten klinischen Studien. „Daran haben auch mehrere Münchner Herzkliniken teilgenommen“, berichtet Lewalter. Mit dem CE-Zeichen sind die neuartigen Implantate jetzt für alle Patienten zugelassen. Allerdings, so der Kardiologe weiter, werden sie vorerst noch nicht bei akuten Herzinfarkten und an Verzweigungsstellen von größeren Herzkranzgefäßen verwendet.

Bevor man auch diese besonders sensiblen Einsatzgebiete öffnet, sollen noch weitere Erfahrungen mit dem neuen Material gesammelt werden. Dazu sind weitere klinische Studien geplant.

Auch Schrauben aus Magnesium

Kluge Köpfe feilen bereits seit einem Vierteljahrhundert an einer Technik, die zumindest in bestimmten Bereichen der Medizin einem Quantensprung gleichkäme: Sie entwickeln Implantate aus Mineralstoffen, die sich nach Erledigung ihrer Aufgaben im Körper selbst auflösen – so wie Stents aus Mag­nesium, die jetzt in München erstmals seit ihrer Zulassung eingesetzt worden sind. Ähnliche Neuentwicklungen wecken auch in anderen Fachgebieten große Hoffnungen – etwa in der Unfallchirurgie. Hier könnten sich selbstauflösende Materialien als Alternativen zu bewährten Werkstoffen wie Titan oder Karbon erweisen.

So wird bereits getestet, wie verlässlich und nebenwirkungsarm sich Knochenbrüche mit Schrauben aus Magnesium versorgen lassen – mit dem Vorteil, dass man diese Hilfsmittel später nicht mehr in einer weiteren Operation entfernen muss.

Prof. Peter Biberthaler

„Es handelt sich um eine vielversprechende Technik“, bestätigt Professor Dr. Peter Biberthaler, Chef der Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar. Dort werden in bestimmten Fällen bereits Schrauben aus Magnesium eingesetzt, etwa bei manchen Handwurzel- oder Unterarmbrüchen. Für den Masseneinsatz seien diese Implantate allerdings noch nicht geeignet, erläutert Prof. Biberthaler. Zuvor müssten in Studien noch Fragen geklärt werden: etwa jene, ob beim biochemischen Auflösungsprozess der Schrauben der umgebende Knochen Schaden nehmen könnte.

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