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Maria Fritzsche strahlt mit ihrem Sohn Jochen. Daneben Prof. Harald Mudra und Prof. Walter Eichinger.

Hightech-Metode

So hält Maria (106) den Herz-Weltrekord

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München - Dank Münchner Spezialisten und ihrer Hightech-Methode ist Maria Fritzsche pumperlgsund. Eine besondere Technik macht es möglich.

Es gibt Menschen, denen ein langes Leben vergönnt ist. Fußball-Weltmeister Horst Eckel (84) zum Beispiel, Hollywood-Legende Sean Connery (85) oder Altbundeskanzler Helmut Kohl (86). Doch für Maria Fritzsche sind diese drei Herren fast noch Jungspunde, rein vom Alter her könnten sie sogar ihre Söhne sein. Denn die Rosenheimerin ist 106 – und selbst für erfahrene Mediziner ein Methusalem-Phänomen: Vor vier Jahren war sie die älteste Patientin weltweit, der mittels Kathetertechnik eine neue Herzklappe eingesetzt worden ist – von Spezialisten des städtischen Klinikums München. Der Eingriff erfolgte kurz vor ihrem 102. Geburtstag in der herzchirurgischen Abteilung in Bogenhausen.

Bis heute hält Maria Fritzsche diesen Herz-Weltrekord, ist gleichzeitig die älteste lebende Aortenklappen-Patientin rund um den Erdball. Aber noch wichtiger ist: Sie gilt als Paradebeispiel dafür, wie viel Lebensqualität sogenannte TAVI-Prothesen gerade älteren Menschen bescheren können.

Immer mehr Herzpatienten, meist weit über 70, profitieren von dieser relativ jungen, schonenden Hightech-Methode, um defekte Herzklappen zu ersetzen. Die Abkürzung TAVI steht für Transkatheter-Aortenklappenimplantation. Das Entscheidende daran: Sie erspart dem Patienten eine offene Operation unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine, bei der unter anderem auch das Brustbein durchtrennt werden muss. Stattdessen wird die Ersatzklappe mit Hilfe eines dünnen Schläuchleins bis zu ihrem Einsatzort im Herzen transportiert – meist durch ein Löchlein in der Leistenarterie, seltener auch durch einen kleinen Schnitt in der Nähe der Herzspitze.

„Ich halte die TAVI für eine der größten medizinischen Errungenschaften der letzten zehn bis 15 Jahre“, sagt Professor Walter Eichinger, der Chef der Herzchirurgie im städtischen Klinikum Bogenhausen. Er hat auch Maria Fritzsche gemeinsam mit dem Neuperlacher Chefkardiologen Professor Harald Mudra behandelt. Die tz erzählt die Erfolgsgeschichte – aus menschlicher und aus medizinischer Sicht.

Die Geschichte von Maria Fritzsche

Maria Fritzsches Herz pumpt pumperl-gsund vor sich hin, bei der Ultraschalluntersuchung (Fachbegriff Herz-Echo) kommen selbst erfahrene Spezialisten aus dem Staunen nicht mehr raus. „Die Ergebnisse sind phänomenal, die TAVI-Klappe ist nach wie vor dicht wie am ersten Tag. Man sieht keinerlei Verschleißerscheinungen. Besser geht es nicht“, diagnostiziert Chefarzt Professor Harald Mudra bei einem Routine-Check im Klinikum Neuperlach.

Die 106-jährige Maria Fritzsche.

Dass so viel Aufhebens um sie gemacht wird, ist der bescheidenen 106-Jährigen fast schon ein bisserl unangenehm. „Wissen Sie, ich gehe nämlich so gut wie nie zum Arzt“, sagt sie der tz. Und tatsächlich besteht dazu auch nur selten ein Anlass. „Ich fühle mich wohl, mir geht’s prima. Bis auf eine Aspirin-Tablette am Morgen muss ich keinerlei Medikamente nehmen.“ Blutverdünner wie Marcumar? Nicht nötig! Betablocker oder andere Blutdrucksenker? Braucht sie nicht! „Ich habe mein ganzes Leben lang nur in Ausnahmefällen mal Arznei geschluckt.“

Alles im grünen Bereich – und zwar am gesamten Körper. „Meine Mutter trägt nicht mal ein Hörgerät. Und seit sie sich vor zehn Jahren mit 96 die Augen hat lasern lassen, braucht sie ihre Brille nur noch fürs Kleingedruckte“, berichtet ihr Sohn Jochen (74).

Dass es Maria Fritzsche heute so gut geht, hat sie natürlich in erster Linie ihren Genen zu verdanken (schon ihre Oma wurde 99) – aber auch dem Fortschritt in der Medizintechnik. Denn als bei ihr im Alter von 101 Jahren die Herzklappe ihren Dienst versagte, wäre eine offene Operation zu riskant gewesen. Aber es musste etwas geschehen. „Ich fühlte mich ständig müde und schlapp, mir wurde immer wieder schwindelig“, erinnert sich die Seniorin. Ihre Aortenklappe war verkalkt und verengt, sie litt an einer sogenannten Stenose. Um ihr ohne OP helfen zu können, setzten die Ärzte auf die Alternative im Herzkatheterlabor – mit einem Minischnitt in der Leiste. Nach nur einer Stunde Vollnarkose hatte die Patientin alles gut überstanden.

"Als ob nichts gewesen wäre"

Mehr noch: „Frau Fritzsche hat den Eingriff verkraftet, als ob nichts gewesen wäre“, erzählt Professor Mudra beeindruckt. „Ich hatte keine Angst davor“, berichtet seine Patientin. „Man muss sich einfach seinen Problemen stellen, anders kommt man nicht weit im Leben. Mit dieser Einstellung bin ich immer gut gefahren.“

So konnte sie auch ein Unfall nach dem Herzklappen-Eingriff nur vorübergehend aus der Bahn werfen. 2013 rutschte Maria Fritzsche unglücklich ab, als sie sich an der Mülltonne festhalten wollte, zog sich bei dem Sturz einen bei älteren Menschen gefürchteten Oberschenkelhalsbruch zu. Doch auch mit über 100 Jahren verlief die Heilung gut, längst steht die alte Dame wieder auf eigenen Beinen.

Sie wohnt bei ihrem jüngsten Sohn in Rosenheim, ihr ältester hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert. „Ich habe auch noch fünf Enkelkinder und einen Urenkel. Die anderen sind noch in Arbeit.“ Ihr Ehemann Erwin ist in den letzten Kriegstagen 1945 gefallen. Er starb im niedersächsischen Verden an der Aller durch die MG eines englischen Tieffliegers – ein Verlust, der Maria Fritzsche heute noch mehr schmerzt als alles andere in ihrem langen Leben. Auch 76 Jahre nach seinem Tod denkt sie noch täglich an ihn. „Er war so musikalisch, auf dem Klavier konnte er fast jedes Stück auswendig spielen.“ Auch Franz Schuberts Ave Maria, ihr Lieblingslied. Manchmal hat sie ihn auf der Geige begleitet. „Das waren wunderschöne Momente.“

Trotz ihrer ewigen Trauer hat sie ihre Lebenskraft nie verloren, sich etwas aufgebaut, unter anderem lange Jahre erfolgreich als Fachverkäuferin für Dekoration gearbeitet. Von ihrer Rentenzeit hat sie wirklich etwas gehabt, unter anderem häufig von November bis März in Spanien überwintert – und dank der TAVI-Klappe kann sie ihren Ruhestand weiterhin genießen. Erst vor Kurzem war sie auf Mallorca. Auf den ihr angeratenen Mittagsschlaf verzichtete sie übrigens – zugunsten eines Strandausflugs… Zurück in München trägt sie die Sonne im Herzen. Auch im 107. Lebensjahr könnte sie kaum heller strahlen.

Wie funktioniert die TAVI-Technik?

Die TAVI-Technik hat die Behandlung gerade vieler älterer Herzpatienten revolutioniert. „Damit können wir inzwischen Patienten helfen, die sonst nicht mehr lange zu leben hätten“, erläutert Professor Walter Eichinger. Denn die Aortenklappe ist ein ganz wichtiges Ventil im Maschinenraum des menschlichen Körpers. Durch sie strömt sauerstoffreiches Blut in die Hauptschlagader und weiter in den gesamten Körper. Wenn diese Klappe defekt ist, beispielsweise durch eine Stenose verengt, dann braucht das Herz mehr Energie, um das Blut durch die Engstelle zu pumpen. Die Folgen können Herzrhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern und plötzlichem Herztod sein.

Bis circa 2005 konnten die Ärzte diese Gefahr nur mit einer Operation am offenen Herzen minimieren. „Dieses Verfahren hat sich zwar bewährt, das belegen Langzeitstudien. Für TAVI-Klappen sind solche Ergebnisse heute noch nicht verfügbar“, erläutert Professor Eichinger. „Aber gerade für viele ältere Menschen, die weitere Erkrankungen bzw. einen weniger stabilen Allgemeinzustand haben, kommt ein Austausch der Klappe in einer offenen Operation ohnehin nicht infrage.“

Ihnen kann man mit dem Katheter-Verfahren auf eine sanfte Art helfen. Der Katheter ist ein sehr dünner, biegsamer Kunststoffschlauch, der durch die Leistenarterie bis ins Herz vorgeschoben wird. Im Inneren des Schlauchs befindet sich ein Draht. An dessen Spitze lässt sich ein Gittergeflecht (Fachbegriff Stent) mit einer zusammenfalteten Herzklappe befestigen. „Sie besteht aus Herzbeutelgewebe von Schweinen oder Rindern“, erklärt Professor Eichinger.

Der Stent wird unter Röntgenkontrolle bis in die defekte Aortenklappe transportiert und darin entfaltet. Dadurch drückt die neue Herzklappe die alte praktisch beiseite und übernimmt ihre Funktion.

Der ein- bis zweistündige Eingriff erfolgt in der Regel unter Dämmerschlafnarkose. Er darf nur an Kliniken mit einer herzchirurgischen Abteilung vorgenommen werden – damit bei Komplikationen notfalls operiert werden kann. „Im Klinikum Bogenhausen setzen wir etwa 150 TAVI-Klappen pro Jahr ein“, berichtet Professor Eichinger. „Die Behandlung wird immer von einem Kardiologen und einem Herzchirurgen durchgeführt.“

In der Regel verbringt der Patient eine Nacht auf der Intensivstation und etwa eine Woche im Krankenhaus, danach geht’s in die Reha.

Andreas Beez

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