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Aufnahme eines Herzens mit einem Computertomographen.

Prof. Heribert Schunkert im Interview

Herzinfarkt – kein Schicksal

Mit dem Begriff Gefäßverkalkung kann fast jeder etwas anfangen – beim Thema koronare Herzkrankheit fragen sich dagegen viele, was damit gemeint sein könnte.

Prof. Heribert Schunkert

Die Antwort: Es handelt sich um die Verengung der Gefäße, die das Herz mit Blut versorgen. Die Krankheit ist weit verbreitet. Die Wahrscheinlichkeit für Männer, im Laufe ihres Lebens die koronare Herzkrankheit zu bekommen, liegt bei fast 50 Prozent, bei Frauen sind es immerhin 32 Prozent! 3,4 Millionen Frauen und 3,16 Millionen Männer in Deutschland leiden daran. Viele wissen gar nichts davon, bis wie aus heiterem Himmel ein Herzinfarkt sie niederstreckt – für 59.000 ­Menschen jährlich ist dies die Todesursache. Redakteurin Susanne Stockmann sprach mit Professor Heribert ­Schunkert, Direktor am Deutschen Herzzentrum in München, wie man sich am besten wappnen kann.

Die Krankheit hat seit Jahren im Körper geschlummert und plötzlich kommt es zum Infarkt. Wer hat die größten Überlebenschancen?

Professor Schunkert: Es zählt im Prinzip jede Sekunde. Ein Plaque, also eine Ablagerung in den Adern reißt auf, ein Gerinnsel bildet sich und kann binnen 15 Minuten eine Ader komplett verschließen. Der von der Ader mit Blut versorgte Herzmuskel bekommt nicht genügend Sauerstoff und wird absterben. Wer schnell ärztliche Hilfe bekommt, hat die größte Chance, zu überleben und wieder gesund zu werden. Aber leider warten viele Betroffene stundenlang ab, bevor sie den Notarzt rufen. Daher sterben fast 30 Prozent der Herzinfarktpatienten, bevor sie das Krankenhaus erreichen.

Die schnelle Entscheidung ist so schwer, weil es vielleicht nur im Arm wehtut oder auf einmal kalter Schweiß auf der Stirn steht oder einem furchtbar übel wird.

Erste Hilfe bei Herzinfarkt

Erste Hilfe bei Herzinfarkt

Schunkert: Genau, jemand lebt sein Leben, bastelt im Hobbykeller, oder er steht irgendwo an der Kasse und auf einmal hat er Beschwerden und Schmerzen, die er so nicht kennt. Der Mensch neigt dazu, den Ernst der Situation zu verdrängen. Studien haben gezeigt, dass es sehr gut ist, in so einer Situation andere um Rat zu fragen. Ehefrauen zum Beispiel sind ein sehr guter Ratgeber, wenn es dem Ehemann schlecht geht, umgekehrt übrigens nicht. Aber bei Frauen sind die Symptome auch unspezifischer. Ihnen ist zum Beispiel häufig nur sehr übel und sie müssen erbrechen. Das macht es auch für Ärzte manchmal schwierig, die richtige Diagnose zu stellen. Bei typischen Beschwerden, also starken Schmerzen hinter dem Brustbein – manchmal verbunden mit Todesangst –, bleibt dem Betroffenen meist keine Wahl, als schnell nach Hilfe zu fragen. Dies kann sogar ein Glück im Unglück sein, weil eine rasche Behandlung das Herz vor Schaden bewahrt.

Zu welchem Arzt sollte ich bei einem Verdacht gehen?

Schunkert: Am besten den Notarzt rufen, der wird Sie zur nächsten Chest-Pain-Unit oder auf dem Land ins Kreiskrankenhaus bringen. Lange Wege über 30 Minuten sollten auf jeden Fall vermieden werden. Die 150 Chest-Pain-Units in Deutschland sind darauf spezialisiert, rund um die Uhr, schnell abzuklären, ob wirklich ein Herzinfarkt vorliegt. Stellt sich alles jedoch als harmloser heraus, wird der Patient anschließend aus dem Krankenhaus entlassen und weiter ambulant versorgt. Man muss keine Sorge haben, dass man lange in der Klinik bleiben muss, wenn sich der Verdacht auf Herzinfarkt nicht bestätigen sollte.

Kommt der Herzinfarkt wirklich so aus heiterem Himmel?

Schunkert: Man weiß heute, dass die Arteriosklerose über Jahre und Jahrzehnte ohne Symptome verläuft. Bei jedem zweiten Betroffenen ist der Herzinfarkt die erste Symptomatik überhaupt. Bei der anderen Hälfte entsteht vorher eine Angina pectoris, also das charakteristische Engegefühl sowie Schmerzen in der Brust bei Anstrengung. Die Hälfte der Menschen, die Angina pectoris haben, bemerken vor dem Infarkt oft eine Verschlimmerung der Beschwerden. Aber diese Patienten haben größere Überlebenschancen: Weil viele von ihrer Erkrankung wissen, alarmieren sie meist schneller den Notarzt.

Wann sollte man sich auf die koronare Herzkrankheit untersuchen lassen?

Schunkert: Die Risikofaktoren von Arteriosklerose sind gut erforscht: Bluthochdruck, Übergewicht, zu wenig Bewegung, zu hohe Cholesterinwerte, Diabetes und Rauchen sind die wichtigsten. Alle diese Faktoren sollte man normalisieren, am besten indem man seinen Lebensstil ändert. Also abnimmt, regelmäßig wenigstens ein bisschen Sport treibt, mit dem Rauchen aufhört und sich vernünftig ernährt.

Mit Tabletten kann man die Lebensstilsünden nicht kompensieren?

Schunkert: Ein gesunder Lebenswandel kann durch keine Medikamente ersetzt werden. Insbesondere wenn es ums Rauchen geht. Keine Maßnahme in der Medizin kann die Folgen des Rauchens auch nur annähernd neutralisieren. Bestehen aber Ablagerungen in den Gefäßen, kann man auf Medikamente nicht mehr verzichten.

Früher wurde auch bei geringem Verdacht auf eine koronare Herzkrankheit per Katheter nachgeschaut, wo die Engstellen sind. Warum macht man das nicht mehr?

Schunkert: Wenn ein begründeter Verdacht besteht, ist die Katheteruntersuchung nicht zu vermeiden. Aber der kleine Eingriff muss überlegt sein, da er mit minimalen Risiken verbunden ist. Man dachte auch, man könne mit Stents, also mit kleinen Röhrchen, die die Adern weiten, die Ablagerungen in den Adern versiegeln. Aber es hat sich herausgestellt, dass die Patienten davon keinen Nutzen haben. Wenn eine koronare Herzkrankheit keine Beschwerden verursacht und die Durchblutung des Herzens funktioniert, wird sie beobachtet. Bluthochdruck, Cholesterinspiegel und die anderen Risikofaktoren werden überwacht. Einmal im Jahr sollte ein Belastungs-EKG gemacht werden. Erst wenn es dabei zu Auffälligkeiten kommt oder der Patient Beschwerden bekommt, muss man die Durchblutungssituation am Herzen verbessern, dann reichen die Medikamente nicht mehr aus.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Arzt, eine verstopfte Arterie zu retten?

Schunkert: Wir haben heute fantastische Möglichkeiten, die Gefäße wieder zu öffnen. Mit Herzkatheter-Untersuchungen und den Materialien, die in den letzten Jahren für Stents entwickelt worden sind, kann immer häufiger die Durchblutung am Herzen wieder komplett hergestellt werden. Die Materialien sind vom Profil her immer schlanker geworden, wir kommen immer besser zu sehr engen Stellen. Dann sorgen Beschichtungen dafür, dass die Adern nicht wieder verstopfen. Wenn mehrere Gefäße verstopft sind und der Muskel schon gelitten hat, dann bietet sich die Bypass-OP an, weil man alle Adern auf einen Schlag wieder mit Blut versorgen kann. Die Bypass-OP ist die häufigste Operation in Deutschland. An erfahrenen Kliniken wie hier am Deutschen Herzzentrum werden über 1500 Operationen am Herzen im Jahr durchgeführt. Hier werden jeden Tag solche Bypass-OPs mit großer Routine gemacht.

Susanne Stockmann

Die Broschüre „Herz in Gefahr“ erklärt verständlich die koronare Herzkrankheit. Der Ratgeber kann gegen drei Euro in Briefmarken (Versandkostenpauschale) angefordert werden bei: Deutsche Herzstiftung, Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt.

Die Rolle der Gene

Die koronare Herzkrankheit beginnt meist im mittleren Lebensalter. Zwar ist sie in 80 bis 90 Prozent der Fälle auf krankmachenden Lebensstil zurückzuführen. Die Veranlagung zur Gefäßverkalkung jedoch steckt den Menschen im Erbgut. Andere Säugetiere, z. B. Mäuse, haben keine Herzinfarkt-Gene und bekommen keine Artheriosklerose der Herzkrankgefäße. Wer viele dieser Erbfaktoren im Blut hat, hat ein höheres Risiko, einmal einen Herzinfarkt zu erleiden – obwohl er vielleicht besonders gesund gelebt hat. Auf das Glück der guten Gene sollte man sich nicht verlassen. Professor Schunkert: „Wenn jemand raucht, dann verspielt er seinen genetischen Vorteil.“ Die Grafik zeigt ganz links eine gesunde Arterie, in der Mitte behindern erste Ablagerungen den Blutfluss, rechts ist der Blutfluss zum Teil blockiert, der Herzmuskel bekommt nicht genug Sauerstoff (dunkle Flecken).

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