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Cholesterin ist nicht gut fürs Herz.

Kampf gegen stille Killer

Der Tod auf Raten - so gefährlich ist Cholesterin

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Im Kampf gegen die stillen Killer spielt ein gesunder Lebensstil eine große Rolle – das gilt auch für ungünstige Blutfettwerte. Alexander J. erlitt bereits mit 34 Jahren einen Herzinfarkt.

Im Kampf gegen die stillen Killer spielt ein gesunder Lebensstil eine große Rolle – das gilt auch für ungünstige Blutfettwerte. So lassen sich die Werte des schlechten LDL-Cholesterins durch eine Ernährungsumstellung um fünf bis 20 Prozent senken. Bei den Triglyzeriden ist noch viel mehr drin – ein Minus von 30 bis 50 Prozent. Darauf weist die Deutsche Herzstiftung in ihrem neuen Ratgeber „Hohes Cholesterin: Was tun?“ hin.

Voraussetzung ist, dass beispielsweise weniger Rind- und Schweinefleisch sowie kalorienreiche Snacks auf den Tisch kommen und stattdessen mehr Gemüse, Fisch, Obst und ungesalzene Nüsse. Regelmäßige Bewegung kann den LDL-Wert um weitere fünf Prozent drücken – ebenso wie Abnehmen. „Wenn die Fettspeicher geleert sind, werden insbesondere die Triglyzeride schneller aus dem Blut entfernt“, erklärt Herzstiftungs-Experte Professor Dr. Heribert Schunkert.

Allerdings hängen erhöhte Blutfettwerte nicht immer mit Übergewicht zusammen. Auch schlanke Menschen können davon betroffen sein, wenn sie eine genetische Veranlagung dafür haben – beispielsweise an der Erbkrankheit Familiäre Hypercholesterinämie leiden (siehe Text unten).

Dennoch lohnt sich Selbstdisziplin auch im Zusammenhang mit hohem Cholesterin in vielen Fällen, wie Prof. Schunkert betont: „Je niedriger die LDL-Cholesterinwerte, desto niedriger ist das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erreichen.“

Statine haben einen großen Nutzen

Doch nicht immer reicht ein gesunder Lebenswandel aus, um einen idealen Cholesterinwert von unter 115 mg/dl (unter 3mmol/l) zu erzielen. In diesen Fällen verordnen die Ärzte meistens Medikamente  – am häufigsten sogenannte Statine. Sie können den LDL-Cholesterinspiegel um bis zu 50 Prozent senken.

Dass Statine einen großen Nutzen haben können, hat sich unter anderem bei einer großen Analyse von 27 wissenschaftlichen Studien herauskristallisiert. Sie besagt unter anderem, dass eine Senkung des LDL-Cholesterins um 40 mg/dl das Risiko für einen Herzinfarkt um 29 Prozent und für einen Schlaganfall um 26 Prozent senkt. „Noch gesteigert werden kann dieser Effekt durch Kontrolle weiterer Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder erhöhter Blutzuckerwerte“, erläutert Prof. Schunkert.

Umgekehrt gilt: Patienten, die bereits andere Risikofaktoren haben, sollten besonders auf ihre Blutfettwerte achten. Für sie gilt nach Empfehlungen der Herzstiftung ein LDL-Cholesterin-Zielwert von weniger als 70 mg/dl (unter 1,8 mmol/l).

Neben den bewährten Medikamenten stehen seit letztem Jahr zwei neue Arzneistoffe zur Verfügung: Lomitapid hemmt die Bildung der Vorstufen von LDL-Cholesterin in der Leber, kann eine Senkung um mehr als 50 Prozent bewirken. Noch unklar sei allerdings, ob die Therapie der Leber schaden kann, berichtet die Herzstiftung. „Schon in der Routine angelangt sind die beiden Antikörper Evolocumab und Alirocumab, die ein- oder zweimal im Monat unter die Haut gespritzt werden“, berichtet Prof. Schunkert. „Sie führen in der Leber zu einer verstärkten Bildung von Rezeptoren, die LDL-Cholesterin aus dem Blut filtern und abbauen.“ So wird das LDL-Cholesterin sogar um bis zu 60 Prozent verringert. Von Nebenwirkungen ist bislang außer Hautreizungen an der Einstichstelle wenig bekannt, allerdings stehen erste belastbare Studienergebnisse noch aus, so die Herzstiftung. 

Herzinfarkt mit 34

Albtraum Herzinfarkt – meistens trifft er seine Opfer erst in höherem Alter, aber auch jüngere Menschen sind davor nicht gefeit. Diese furchteinflößende Erfahrung musste Alexander J. machen. „Ich war bei meinem Herzinfarkt gerade mal 34 Jahre alt“, berichtet der inzwischen 47-jährige Münchner im tz-Gespräch. Erst vor zwei Jahren, als seine Pumpe erneut verrückt spielte, entdeckten die Ärzte die Ursache: Familiäre Hypercholesterinämie (FH) – eine vererbbare, lebensbedrohliche Stoffwechselkrankheit, die bestimmte Blutfettwerte entgleisen lässt.

Der Gendefekt wird nur selten erkannt – und wenn überhaupt, dann oftmals zu spät. „Aber auch beim Herzinfarkt in höherem Alter spielt die Vererbung eine Rolle“, berichtet Professor Dr. Heribert Schunkert, Ärzticher Direktor des Deutschen Herzzentrums in der Lazarettstraße und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung.

Die renommierte Patientenorganisation veranstaltet derzeit ihre bundesweiten Herzwochen. Bei zahlreichen Infoveranstaltungen erklären Spezialisten unter anderem, wie man sich gegen sogenannte stille Killer wappnen kann, die das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall massiv steigern. Dazu gehört auch ein erhöhter Cholesterinspiegel.

Im Falle der Familiären Hypercholesterinämie wird den Betroffenen praktisch ein Entgleisen der Cholesterinwerte in die Wiege gelegt. Dies kann wie bei Alexander J. dramatische Folgen haben.

Die englische Abkürzung LDL steht für „low density lipoproteins“ – auf Deutsch Lipoproteine mit geringer Dichte. Das sind Fett-Eiweiß-Verbindungen, die Cholesterin speichern und sich bevorzugt in den Blutgefäßen ablagern. Dort verursachen sie Plaques, die sich zur Arteriosklerose weiterentwickeln – der Volksmund spricht von Gefäßverkalkung. Am Ende dieses Prozesses kann es zu Gefäßverschlüssen kommen – geschieht dies in den Herzkranzgefäßen, den sogenannten Koronarien, erleidet der Betroffene einen Herzinfarkt (siehe Artikel oben).

„Sie leben mit einer Zeitbombe in den Adern“

Bei von Familiärer Hypercholesterinämie Betroffenen wird diese unheilvolle Kettenreaktion leider meistens erst sehr spät entdeckt. Nach Experten-Schätzungen leiden in Deutschland 160 000 bis 200 000 Menschen an dieser Stoffwechselkrankheit, die zu den häufigsten genetischen Störungen zählt. „Aber nur höchstens 15 Prozent der Patienten werden diagnostiziert und behandelt“, warnt Herzstiftungs-Experte Prof. Dr. Frank Ulrich Beil. „Sie leben mit einer Zeitbombe in den Adern.“

Bei Alexander J. explodierte sie kurz nach dem Abendessen. „Ich habe noch zu meiner Frau gesagt: Mein Gott, habe ich Rückenschmerzen“, erinnert sich der Versicherungsberater im tz-Gespräch. Noch am selben Abend fuhr das Ehepaar ins städtische Klinikum Schwabing. Dort wurde ein EKG geschrieben. Als das Gerät die Messergebnisse ausspuckte, war die Aufregung groß. „Auf dem Papierausdruck stand der Warnhinweis: Akuter Infarkt.“ Im Herzkatheterlabor setzten die Ärzte ihrem Patienten mehrere Stents ein, anschließend verbrachte J. anderthalbe Tage auf der Intensivstation und mehrere Wochen in der Reha.

Doch an die Erbkrankheit FH dachte zunächst niemand – vielleicht auch deshalb, weil der damals 34-Jährige mehrere andere klassische Risikofaktoren aufwies: „Ich war übergewichtig, rauchte 60 Zigaretten, trank regelmäßig Alkohol und hatte beruflich viel Stress.“ Da passten auch die hohen Cholesterinwerte scheinbar ins Bild.

In den folgenden Jahren bemühte sich der Herzinfarkt-Patient zwar, seine Cholesterinwerte in den Griff zu bekommen, aber dies gelang trotz einer Ernährungsumstellung und fettsenkenenden Medikamenten, sogenannten Statinen, nur eher schlecht als recht.

Ärzte verschreiben neues Medikament

Als ihn vor zwei Jahren wieder unter anderem Brustschmerzen quälten, ließ sich J. im Deutschen Herzzentrum durchchecken. Erneut wurde er im Herzkatheterlabor untersucht, bekam weitere Stents gesetzt – kleine gitterartige Röhrchen, die erkrankte Gefäße stabilisieren und offenhalten sollen. Und bei weiteren Tests stellten die Ärzte als Ursache die Familiäre Hypercholesterinämie fest.

Die Ärzte im Herzzentrum verschrieben ihrem Patienten ein neuartiges Medikament: PCSK9-Antikörper. „Dabei handelt es sich um einen Wirkstoff, der einen viel schnelleren Abbau von Cholesterin ermöglicht“, berichtet Privatdozentin Dr. Wibke Hengstenberg. Seitdem liegen die Werte des Patienten im grünen Bereich.

Der 47-Jährige ist heilfroh, dass er endlich den Grund für seine Herzprobleme kennt – auch deshalb, weil er selbst zweifacher Vater ist. „Meinen zehnjährigen Sohn haben wir bereits auf Hinweise auf die Erbkrankheit testen lassen – zum Glück wurde keiner gefunden. Auch bei meiner siebenjährigen Tochter steht eine Überprüfung an.“

Die Familie ist jetzt gewarnt – zumal auch Alexanders Vater bereits mit 36 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatten.

Aber neben Familiärer Hypercholesterinämie gibt es noch weitere genetische Risikofaktoren. „Fast jeder Mensch trägt Erbfaktoren in sich, die eine koronare Herzkrankheit begünstigen“, weiß Professor Schunkert. „Kommen viele dieser Erbfaktoren zusammen, ist nicht nur das Risiko eines Herzinfarkts in jungen Jahren hoch, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erkrankung in der Familie wiederholt.“

Das bedeute allerdings nicht, dass man sich seinem Schicksal ergeben müsse, so der renommierte Herz-Professor weiter. „Denn der Herzinfarkt entsteht nicht allein auf Grund einer Veranlagung, sondern in der Hauptsache durch den heutigen Lebensstil, falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Stress, Rauchen, und den Risikoerkrankungen, die sich daraus entwickeln: Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselerkrankungen.“ Deshalb rät Prof. Schunkert den Angehörigen von jungen Herzinfarkt-Patienten: „Lassen Sie sich von einem Herz-Spezialisten gründlich durchchecken!“

Experte erklärt: So tückisch ist Diabetes

Bluthochdruck: Der Arznei-Check

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