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Wer mit dem Schrittmacher in die Röhre muss, wird vom Kardiologen Dr. Ulrich Hölzenbein betreut

MRT-Untersuchungen

Herzschrittmacher? Keine Angst vor dem Magnetfeld

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Patienten mit einem Herzschrittmacher oder Defibrillator haben Angst vor starken Magnetfeldern. Zu Unrecht, meint Kardiologe Dr. Ulrich Hölzenbein. Seit 2013 gibt es nämliche klare Leitlinien.

Weit über eine Million Frauen und Männer in Deutschland leben mit einem Herzschrittmacher. 75.000 Herzkranke bekommen jedes Jahr einen Schrittmacher implantiert, weiteren 29.000 Menschen wird ein Defibrillator eingesetzt.

Die leichten Stromstöße halten das Herz im Takt, und das ganz normale Leben kann weitergehen: Auch Sport, Autofahren oder Sex ist möglich. Als unmöglich und sogar gefährlich jedoch gelten immer noch Untersuchungen im Magnetresonanz- bzw. Kernspintomografen (MRT). Die Befürchtung: Das starke Magnetfeld der Röhre bringt die empfindliche Elektronik des Medizingeräts aus dem Takt oder lässt sogar die Elektroden überhitzen.

„Früher gab es vereinzelt solche Fälle, aber diese Befürchtungen sind mittlerweile überholt“, erklärt der Münchner Kardiologe Dr. Ulrich Hölzenbein. Seit zwei Jahren betreut er Patienten bei Kernspin-Untersuchungen in der Münchner Radiologischen Praxis DiVoCare: „Wir hatten noch keine einzige Komplikation!“

Mit dem Schrittmacher in die Röhre

Franz Groicher (68) lebt seit acht Jahren mit einem Herzschrittmacher, er konnte sich über den kleinen Computer in der Brust nie beklagen. Bis dieser jetzt auf einmal ein Riesenproblem darstellte: Als er Schmerzen an einer vor Jahren operierten Stelle an der Halswirbelsäule bekam und ihm der linke Arm ständig einschlief, konnte ihm kein Arzt helfen. Immer hieß es: „Sie müssen sich im MRT untersuchen lassen, aber das geht ja wegen des Herzschrittmachers nicht.“

Erst ein Arzt in einer Murnauer Klinik wusste, dass das so nicht stimmt, und überwies Franz Groicher an den Münchner Kardiologen Dr. Ulrich Hölzenbein. Der wundert sich nicht über die Unkenntnis vieler Ärzte: „In der Leitlinie für die Behandlung von Schrittmacherträgern von 2013 ist klar geregelt, dass MRT-Untersuchungen möglich sind. Dabei ist es egal ob es sich um einen alten Herzschrittmacher oder ein modernes MRT-taugliches Gerät handelt. Aber das steht erst auf Seite 2324...“ Hölzenbein selbst hat vor zwei Jahren die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie aufmerksam bis zum Ende gelesen.

Auf Monitoren werden die Funktion des Schrittmachers und der Zustand des Patienten beobachtet.

Die Herz-Gesellschaft empfiehlt ein spezielles Untersuchungsvorgehen, um wirklich jedes Risiko auszuschalten: Der Herzschrittmacher muss vor der Untersuchung geprüft werden, ob er auch einwandfrei arbeitet, er wird vorübergehend so programmiert, dass ihn das elektromagnetische Feld während des Aufenthalts im Kernspintomografen nicht stört, und nach der Untersuchung nochmals kontrolliert und neu eingestellt. Während der MRT-Durchleuchtung wird der Patient vom Kardiologen und von Monitoren überwacht, daher dauert alles ein bisschen länger. Zuerst hatten mehrere Studien über Patienten mit Herzschrittmacher, die aus Versehen im MRT untersucht worden waren, gezeigt, dass die Durchleuchtungen nicht mehr gefährlich sind. Im Anschluss daran wurden aktuelle Studien erstellt und das neue Untersuchungsverfahren entwickelt.

Dr. Hölzenbein: „Immer mehr Patienten bekommen Herzschrittmacher oder Defibrillatoren, die Indikationen werden ständig erweitert. Gleichzeitig wissen wir, dass 75 Prozent dieser Menschen in ihrem weiteren Leben wegen anderer Beschwerden eine Untersuchung im MRT brauchen.“ Das war für den Herzarzt Grund genug, die neue Technik in seine tägliche Arbeit zu integrieren. Franz Groi­cher verlässt die Radiologische Praxis DiVoCare sehr erleichtert: „Die Wirbelsäule ist in Ordnung. Ich brauche einfach nur eine spezielle Gymnastik.“ Dr. Hölzenbein hat schon erlebt, dass Herzschrittmacherträger nicht untersucht, sondern bei Kniebeschwerden gleich mehrfach operiert wurden: „Um direkt nachzuschauen, was los ist! Das sollte man den Patienten wirklich ersparen!“

Der Kardiologe Dr. Ulrich Hölzenbein praktiziert in seiner Privatpraxis in der Theatinerstraße. Infos: privatpraxis-hoelzenbein.de und www.divocare.de

Handys nicht links tragen

Kann man mit jeden Schrittmacher ins MRT?

Kardiologe Dr. Ulrich Hölzenbein.

Dr. Ulrich Hölzenbein: Im Prinzip ja, die technologische Entwicklung macht die heute implantierten Schrittmacher unempfindlich gegenüber einem starken Magnetfeld, was im Übrigen von den Herstellern garantiert wird und die Überwachung der Patienten während der Untersuchung vereinfacht. Allerdings ändert das nichts am Untersuchungsprotokoll, das immer eingehalten werden muss: Der Patient muss gründlich vor untersucht, der Schrittmacher bzw. Defibrillator überprüft und umprogrammiert werden. In Zusammenarbeit mit Professor Kolb vom Deutschen Herzzentrum München werden alle unsere Patienten in einer Studie erfasst. Wir haben bisher circa 120 Patienten untersucht – ohne Probleme oder Spätschäden.

Was zahlen die Krankenkassen?

Private Krankenversicherungen und einige Betriebskrankenkassen zahlen die MRT-Untersuchung in der Regel. Die AOK Bayern übernimmt die Kosten im Rahmen eines stationären Aufenthalts. Die Möglichkeit einer MRT bei Herzschrittmacherträgern ist noch neu, ich gehe davon aus, dass sich in Zukunft weitere Krankenkassen an den Kosten beteiligen werden. Man möge bitte bedenken, dass eine optimale Diagnostik mittels Kernspintomografie ein effiziente Therapie zur Folge hat und dies zu einer wesentlichen Kostenreduktion führt.

Wenn selbst eine MRT nun möglich ist, müssen Herzschrittmacherpatienten überhaupt noch Vorsichtsmaßnahmen befolgen?

Interessanterweise gab es eine Studie von Professor Kolb, der nachgewiesen hat, dass ein neues modernes Handy gewisse Herzschrittmachertypen beeinflussen kann. Deshalb sollte das Handy nicht in der linken Brusttasche oder über dem Schrittmacher oder Defibrillator getragen werden. Andere Störquellen wie z. B. die Diebstahlssicherungen im Kaufhaus ignorieren die modernen Geräte. Auch der Metalldetektor am Flughafen wird Alarm schlagen, aber man muss sich keine Sorgen machen, dass dadurch der Lebensretter in der Brust gefährdet ist.

Herzschrittmacher: So entwickelt sich die Technik

Herzschrittmacher im Röntgenbild.

Die allerersten Schrittmacher sahen aus wie ein Koffer auf Rollen, waren mit dem Vorhof des Patientenherzens über eine Elektronennadel verbunden und mussten alle sechs Minuten neu aufgeladen werden. Erst gute 30 Jahre später, nämlich 1958 wurden implantierbare Geräte marktreif und verlängerten nicht mehr nur das Leben der Herzkranken, sondern verbesserten es auch deutlich. Seitdem werden die Geräte immer kleiner, die Batterien sollen selbst bei ständiger Stimulation mindestens neun Jahre halten, sonst müssen sie spätestens nach 13 Jahren ausgetauscht werden. Mittlerweile werden Herzschrittmacher getestet, die direkt im Herzen implantiert werden und ohne Elektroden auskommen, die verrutschen oder brechen können. Moderne Schrittmacher spüren über die Oberflächenspannung der Haut, ob der Patient aufgeregt ist, und passen sich dem erhöhten Herzschlag an. Der Minicomputer erkennt, ob das Herz gesund ist oder ob sich eine Herzinsuffizienz bildet. Sie sind richtige kleine Computer im Herzen geworden.´

Susanne Stockmann

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