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Außer Atem schon bei geringer Anstrengung: Das kann auf Herzschwäche hindeuten.

Alarmzeichen Atemnot

Herzschwäche - die unterschätzte Gefahr

Herzinsuffizienz oder Herzschwäche ist ein unterschätztes Risiko für die Gesundheit. Lesen Sie hier, woran Sie die Erkrankung erkennen und was Sie darüber wissen sollten. 

Vor einem Infarkt haben die meisten Menschen Angst – weil fast jedes Kind weiß, dass ­dieser GAU in der Brust oft sogar tödlich endet. Dagegen ist die sogenannte Herz­insuffizienz kaum im ­öffentlichen Bewusstsein – obwohl sie jährlich über 48.000 Opfer fordert.

Bis zu drei Millionen Deutsche leiden daran – und Zigtausende wissen es nicht mal: Sie erkennen die Symptome der Herzinsuffizienz nicht oder nehmen sie nicht so ernst. „Es ist die am häufigsten unterschätzte Herzerkrankung“, warnt Professor Rüdiger Lange, der Ärztliche Direktor des Deutschen Herzzentrums.

Bundesweit schlägt die Deutsche Herzstiftung Alarm. Sie veranstaltet den ganzen November über im Rahmen ihrer „Herzwochen“ eine große Aufklärungskampagne. „Die Patienten neigen dazu, Atemnot, Leistungsschwäche und Knöchelödeme nicht wahrzunehmen oder auf das Alter zu schieben“, berichtet Professor Michael Böhm. „Auch manche Ärzte widmen der Herzinsuffizienz zu wenig Aufmerksamkeit.“

Prof. Michael Böhm

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 370.000 Patienten wegen einer Pumpschwäche des Herzens in eine Klinik eingewiesen. Oft hat sich ihre Erkrankung über Jahrzehnte aufgebaut. In 70 Prozent der Fälle entsteht sie auf der Basis von Bluthochdruck und koronarer Herzkrankheit (verengte Gefäße). Der wichtigste Vorsorge-Tipp: Jeder Mensch zwischen 40 und 50 Jahren sollte regelmäßig Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker untersuchen lassen, um Risikofaktoren früh zu erkennen!

So schlimm ist die Erkrankung

Zur Abstufung von Herzerkrankungen gibt es eine Skala, die Experten auf der ganzen Welt verwenden. Sie ist ursprünglich von der New York Heart Association (NYHA) erstellt worden. Dieser Gradmesser kommt am häufigsten bei der Beurteilung von Herzschwäche zum Einsatz. Er beschreibt die Leistungsfähigkeit­ ­beziehungsweise die Einschränkungen des Patienten. Die NYHA-Klassifikation ­beschreibt vier verschiedene Schweregrade.

Schweregrad I: Herzschwäche ohne körperliche Einschränkungen. Alltägliche körperliche Belastung verursacht keine Erschöpfung, Rhythmusstörungen oder Luftnot.

Schweregrad II (leicht): Herzschwäche mit leichter Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Keine Beschwerden in Ruhe und bei geringer Anstrengung. Stärkere körperliche Belastung verursacht Erschöpfung, Rhythmusstörungen oder Luftnot, zum Beispiel Bergangehen oder Treppensteigen.

Schweregrad III (mittelschwer): Herzschwäche mit höhergradiger Einschränkung der Leistungsfähigkeit bei gewohnter Tätigkeit. Keine Beschwerden in Ruhe. Geringe körperliche Belastung verursacht Erschöpfung. Rhythmusstörungen oder Luftnot, zum Beispiel Gehen in der Ebene.

Schweregrad IV (schwer): Herzschwäche mit ­Beschwerden bei allen körperlichen Aktivitäten und in Ruhe. Bettlägerigkeit.

Andreas Beez

Alarmzeichen Atemnot

Wie erkennt man die chronische Herzschwäche?

Professor Michael Böhm: Die chronische Herzschwäche beginnt schleichend mit Atemnot und einer Abnahme der Leistungsfähigkeit. Zunächst können die Beschwerden ganz unspektakulär sein. Zum Beispiel: Immer hat man mit Freunden eine Wanderung gemacht. Das gibt man auf, weil es bergan zu anstrengend ist. Zu Bahn und Bus rennt man nicht mehr, weil man schnell außer Puste kommt. Wenn man die Treppe hinaufsteigt, geht einem die Luft aus, sodass man zwischendurch stehen bleibt. Man ist müde, schlapp. An den Knöcheln und am Schienbein stellen sich Wassereinlagerungen ein, die wie Schwellungen aussehen: sogenannte Ödeme. Sie sind dadurch zu erkennen, dass durch Druck mit einem Finger bleibende Dellen entstehen, etwa am Schienbein.

Was sind die Ursachen der Herzschwäche – und wie kann man sich dagegen wappnen?

Böhm: Herzschwäche ist keine eigenständige Erkrankung. In ihr münden andere Herzkrankheiten – bei Weitem am wichtigsten: die koronare Herzkrankheit (KHK) und hoher Blutdruck. Die Behandlung dieser sogenannten Grundkrankheiten ist die beste Strategie gegen Herzschwäche.

Wie führt die koronare Herzkrankheit zum schwachen Herzen?

Böhm: Während eines Infarkts stirbt Herzmuskelgewebe ab und wird durch Narbengewebe ersetzt. Geht viel Herzmuskelgewebe verloren, kann die Herzschwäche unmittelbar nach dem Infarkt auftreten. Häufig ist der Patient jedoch nach einem Infarkt in seiner Leistungs­fähigkeit nur wenig eingeschränkt. Die Verschlechterung tritt erst später ein, wenn Umbauprozesse des Herzmuskels das Herz weiter schädigen. Der Körper reagiert auf den Verlust von Herzmuskelgewebe durch den Infarkt damit, dass er Stresshormone ausschüttet und zudem die Produktion von zwei Hormonen erhöht, die die Gefäße verengen. Kurzfristig wird dadurch der Kreislauf stabilisiert. Aber auf Dauer bewirken diese Hormone eine weitere Schädigung oder einen Untergang von Herzmuskelzellen.

Wie wirkt zu hoher Blutdruck aufs Herz?

Böhm: Eine chronische Druckbelastung des Herzens, wie sie bei einem erhöhten Blutdruck vorliegt, führt zu einer Zunahme der Herzmuskeldicke. Diese Veränderung nennt man Herzmuskelhypertrophie. Das Herz wird schwerer und größer. Je größer das Herz durch den Bluthochdruck wird, desto schwächer wird es. Hoher Blutdruck ist auch die wichtigste Ursache einer anderen Form der chronischen Herzschwäche, die weniger bekannt, aber weit verbreitet ist: die diastolische Herzschwäche. Dabei hat der Herzmuskel seine Elastizität verloren. Die linke Herzkammer kann nicht ausreichend Blut aufnehmen, und deshalb wird – auch wenn die Pumpkraft des Herzens erhalten ist – zu wenig Blut in den Organismus ausgeworfen.

Welche anderen Ursachen können zu einem schwachen Herzen führen?

Böhm: Defekte Herzklappen, angeborene Herzfehler, entzündliche Herz­erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch und anderes. Aber diese Ursachen sind insgesamt nur für etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle von Herzschwäche verantwortlich.

Welche Medikamente werden häufig gegen Herzschwäche verordnet, und wie helfen diese den Patienten?

Böhm: Betablocker schirmen das Herz gegen die Stresshormone ab. ACE- Hemmer und Sartane verhindern schädliche Umbauprozesse und steigern die Leistungsfähigkeit des Herzens. Diuretika fördern die Entwässerung des Körpers und entlasten dadurch das Herz.

Interview: Dr. Irene Oswalt

Der Selbsttest: Wie gefährdet sind Sie?

  1. Ermüden Sie rasch?
  2. Befällt Sie immer wieder Atemnot – bei Belastung oder auch schon in Ruhe?
  3. Erwachsen Sie nachts mit Atemnot?
  4. Haben Sie einen erhöhten Blutdruck oder haben Sie einen Herzinfarkt erlitten?
  5. Müssen Sie nachts häufig Wasser lassen?
  6. Beträgt Ihr Puls mehr als 90 Schläge pro Minute?
  7. Ist Ihnen angenehmes Schlafen nur in halb sitzender Position – eventuell mit vielen Kissen – möglich?
  8. Haben Sie Wasser in den Beinen und/oder haben Sie an Gewicht zugenommen ohne mehr zu essen?

Auswertung: Wenn Sie drei Fragen oder mehr mit Ja beantwortet haben, dann sollten Sie zu ihrem Arzt gehen und in ihn auf das Thema Herzschwäche ansprechen.

Quelle: Deutsche Herzstiftung

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