+
Jeder vierte Mensch wird einmal in seinem Leben von einem Nesselsucht-Anfall heimgesucht, für chronisch kranke Patienten gibt es jetzt Hilfe.

Eine der häufigsten Hauterkrankungen

Hilfe, es juckt! Neue Therapien gegen Nesselsucht

Es beginnt an einer Stelle und breitet sich rasend schnell über die Haut aus: rote Quaddeln, Schwellungen und Ödeme, die höllisch jucken und schmerzen können. Die Nesselsucht (Urtikaria) ist eine der häufigsten Erkrankungen der Haut.

Auslöser sind bestimmte Zellen unseres Immunsystems: die Mastzellen in der Haut. Als Reaktion auf bestimmte Reize oder Stoffe platzen sie und überschwemmen das Gewebe mit dem Entzündungsbotenstoff Histamin und anderen Botenstoffen. Meist klingt die akute Urtikaria schnell von allein wieder ab. Selten wird die Erkrankung chronisch, das heißt sie dauert länger als sechs Wochen an.

Über die Ursachen und neueste Behandlungsmöglichkeiten der Nesselsucht sprach die tz mit Professor Tilo Biedermann, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie der TU München.

Was weiß man über die Ursache der Nesselsucht?

Prof. Tilo Biedermann Klinikdirektor.

Professor Tilo Biedermann: Bei einer Urtikaria werden die Mastzellen aktiviert und schütten sehr schnell Botenstoffe aus. Das greift wie eine Lawine von einer Mastzelle auf die nächste über und führt zur Nesselsucht. Grundsätzlich unterscheiden wir eine akute und eine chronische Urtikaria: Hält die Krankheit länger als sechs Wochen an, nennen wir sie chronisch. Seit vielen Jahren untersuchen wir, welche Signale in der Lage sind, die Mastzellen zu aktivieren.
Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen Signalen, die das mitsteuern können, und wir verstehen nicht immer genau, wie die Aktivierung abläuft. Die akute Form ist meist ein Kollateralschaden des Immunsystems, das gerade einen Infekt bekämpft, und sehr viel seltener das Ergebnis einer allergischen Reaktion. Es entsteht eine Immunreaktion, die gegen den Infekt gerichtet ist, aktiviert Mastzellen aber quasi aus Versehen mit.
Auch bei der chronischen Form suchen wir die Ursache, beispielsweise einen zugrunde liegenden Infekt, nicht selten finden wir diese Ursache aber nicht und dann nennen wir die Erkrankung chronisch spontane Urtikaria. Eine klassische Aktivierungskette der akuten Urtikaria verläuft wie bei einer Allergie über den Antikörper Immunglobulin E. IgE ist eine Antikörperklasse, die unser Immunsystem produziert, um den Körper zu schützen. Ein Allergen wird von IgE-Antikörpern auf der Mastzelle erkannt, die Zelle wird aktiviert und setzt die Botenstoffe frei. Aber bei den chronisch kranken Patienten finden wir in vielen Fällen keine solchen Auslöser. Interessanterweise spielen IgE-Antikörper dennoch auch bei der chronischen Urtikaria eine große Rolle – das ist eine recht neue Erkenntnis und hilft den Patienten.

Inwiefern?

Biedermann: Seit diesem Jahr haben wir ein Medikament zur Verfügung, das Patienten mit schwerer chronischer Urtikaria sehr gut helfen kann, wenn Antihistaminika als die übliche Therapie nicht mehr greifen. Dieses Medikament (Omalizumab) setzt beim ImmunglobulinE (IgE) an, einfach gesagt, nimmt das Medikament den Antikörper IgE aus dem System.

Das Medikament wirkt fantastisch. 60 Prozent der Patienten haben innerhalb von Tagen eine absolute Linderung der Beschwerden, spätestens nach vier Wochen erreichen wir bei 80 bis über 90 Prozent der Patienten ein komplettes Ansprechen der Beschwerden.

Ein Urtikaria-Anfall juckt höllisch und die Haut verändert sich auf bedrohliche Weise. Meist klingen die Symptome schnell ab, sollte dennoch immer nach der Ursache gesucht werden?

Biedermann: Statistisch gesehen hat ein Viertel der Menschen in ihrem Leben eine Urtikaria und man muss nicht zwingend handeln, z.B. wenn zeitgleich ein Infekt im Anzug ist. Handeln muss man allerdings, wenn der Anfall zu Atemnot führt. Das sollte man mit einer Cortisonbehandlung stoppen. Einfach um nichts zu riskieren. Die Urtikaria kann auch Symptom einer recht bedrohlichen systemischen Allergie-Reaktion sein. Das kann dann bis zum allergischen Schock gehen. Wenn man das nicht unterscheiden kann, ruft man besser den Notarzt oder fährt in die Klinik. Oft hinterlässt gerade die Frage, ob ein Medikament, z.B. ein Antibiotikum, der Auslöser war, eine große Verunsicherung. Auch das sollte abgeklärt werden, falls man wieder mal ein Antibiotikum braucht.

Reaktionen auf Medikamente, Insektenstiche, Nahrungsmittel oder eine Infektion, sogar Druck und Kältereize provozieren die Nesselsucht. Die Suche nach dem Grund gleicht häufig Detektivarbeit, oder?

Biedermann: Ja, denn wir müssen zwischen Auslöser und Ursache unterscheiden. Es gibt Auslöser wie Druck, Reibung oder Kälte, die zur Aktivierung der Mastzellen führen. Aber diese sind nicht die Ursache. Viele Menschen leiden auch unter einer Kombination. Es kommt ein Urtikaria-Anfall, und gleichzeitig bekommen sie die Quaddeln auf Druck oder auf einen Kältereiz. Die Wirkung dieser Auslöser zeigt also, dass die Mastzellen sehr, sehr leicht reagieren. Aber warum? Das ist die Frage nach der echten Ursache, die nicht selten auch nicht gefunden wird. Daher wird heute bei chronischer Urtikaria keine so umfangreiche Diagnostik mehr durchgeführt wie früher.

Ist Urtikaria denn heilbar?

Biedermann: Die Prognose der Erkrankung ist relativ gut. Die Hälfte der Patienten verliert sie im ersten Jahr, das nächste Viertel im zweiten Jahr. Von denen, die übrigbleiben, wird eine Hälfte sie im dritten Jahr los. Es gibt aber einige wenige Patienten, die Jahre und Jahrzehnte leiden. Und trotzdem kann die Krankheit immer noch spontan verschwinden. Das ist eine Hoffnung, die wir den Patienten mit auf den Weg geben. Nichtsdestotrotz ist es eine sehr belastende Erkrankung. Es gibt Untersuchungen zur Lebensqualität, die zeigen, dass langjährig betroffene Patienten in ihrer Lebensqualität ähnlich eingeschränkt sind wie Patienten mit einer schweren Herzerkrankung.

Mysteriöse Allergie auf Fleisch

Wer nach dem Grillen Nesselsucht bekommt, könnte eine Fleischallergie haben.

Manche Menschen sind allergisch auf Fleisch – und der Auslöser ist ein Zuckermolekül, das in allen Lebewesen vorkommt, außer bei Menschen und Affen. Auf die Spur des geheimnisvollen Zuckers α-Gal kam Dr. Tilo Biedermann bei einem Patienten, der mehrfach von einer schweren Urtikaria heimgesucht wurde. Nach mehreren Allergie- und Provokationstests stand fest, dass der Mann auf sein Lieblingsessen saure Nieren allergisch war. Doch welcher Bestandteil im Fleisch sorgte für die starke Reaktion des Immunsystems? Ein US-Forscher wies bei Studien zu Nebenwirkungen eines Krebsmedikaments nach, dass viele Menschen auf den Zucker α-Gal allergisch sind. Dieser Zucker ist besonders in den Innereien von Schwein, Rind, Lamm und Wild enthalten. Tatsächlich: Auch bei Dr. Biedermanns Patienten fanden sich IgE-Antikörper gegen diesen Zucker. Und bei anderen Patienten, bei denen der Auslöser für ihre Urtikaria zuvor nicht geklärt werden konnte, bestätigte sich diese Fleischallergie. Wer also am Morgen nach einem Grillfest mit juckenden Quaddeln aufwacht, könnte an so einer Zuckerallergie im Fleisch leiden. Die Reaktion kommt nicht sofort beim Essen, sondern zeitverzögert: Der Zucker aus dem Fleisch wird erst bei der Verdauung freigesetzt.

Mastzellen: Dirigenten der Abwehr

Mastzellen enthalten Botenstoffe zur Infektabwehr.

Mastzellen, die Hauptschalter des Immunsystems, sind in großer Anzahl über den ganzen Körper verteilt, vor allem in Haut und Schleimhäuten. Sie sind immer auf der Lauer nach Eindringlingen, die sie außer Gefecht setzen können. Mastzellen heißen so, weil ihr Entdecker Paul Ehrlich beim ersten Anblick dachte, dass die Zellen wie gemästet aussehen. Sie sind vollgestopft mit Botenstoffen, die sie im Zellinneren in kleinen säckchenartigen Strukturen speichern. Nähert sich ein Erreger oder entsteht eine Wunde – immer ist die Mastzelle als Erste da und entleert ihr Zellinneres, das über 70 verschiedene Botenstoffe (z. B. Histamin) enthält. So erfahren die Immunzellen im Blut oder in den Lymphknoten, wann sie kommen müssen. An ihrer Oberfläche haben Mastzellen sogenannte Antikörper (IgE). Diese wurden von anderen Immunzellen, den B-Lymphozyten, gebildet, als der Körper das erste Mal mit einem Allergen oder Erreger Kontakt hatte. Dringt dieses Allergen erneut ein, werden sie von den IgE-Antikörpern der Mastzelle abgefangen, die sofort reagiert – und damit z.B. eine Urtikaria auslöst oder eine Heuschnupfen-Attacke.

Interview: sus

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Weihnachtsmarkt-Diät: Mit diesen Leckereien sparen Sie 650 Kalorien
Was wäre die Adventszeit ohne Glühwein und Stollen auf dem Weihnachtsmarkt? Leider folgt auf der Waage das böse Erwachen. Wie Sie ohne Reue schlemmen, lesen Sie hier.
Weihnachtsmarkt-Diät: Mit diesen Leckereien sparen Sie 650 Kalorien
Risiko für Krebspatienten durch Kliniken mit wenig Erfahrung
Komplizierte Operationen sollten nur Kliniken machen, die darauf gut vorbereitet sind. Das ist laut AOK aber bei Weitem nicht immer der Fall. Das Nachsehen haben die …
Risiko für Krebspatienten durch Kliniken mit wenig Erfahrung
Influenza 2017: Wie lange ist man eigentlich ansteckend?
Die kalte Jahreszeit ist angebrochen – und überall schnieft und hustet es. Viele sind bereits mit Grippeviren infiziert - wissen es aber nicht.
Influenza 2017: Wie lange ist man eigentlich ansteckend?
Parodont-Creme begeistert - dahinter steckt ein uraltes Heilmittel
Wer die vierte Staffel von "Die Höhle der Löwen" nochmal Revue passieren lässt, stößt schnell auf die Parodont-Zahncreme. Dahinter steckt ein uraltes Heilmittel.
Parodont-Creme begeistert - dahinter steckt ein uraltes Heilmittel

Kommentare