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Unsichtbare Hörhilfe: Das Minihörgerät Lyric verschwindet im Gehörgang direkt vor dem Trommelfell. Der Schall aus dem Minicomputer wird über die Gehörknöchelchen im Mittelohr auf die flüssigkeitsgefüllte Gehörschnecke im Innenohr übertragen, wo die Sinneszellen fürs Hören sitzen. Die Bogengänge sind fürs Gleichgewicht zuständig.

Hightech-Hörgeräte

Der Computer im Ohr

Während Brillen schick und modisch sind, gilt der Kauf eines neuen Hörgeräts nicht gerade als Vergnügen. Zu Unrecht: Außer dass sie immer unauffälliger werden, sind Hörgeräte mittlerweile winzige Hightech-Meisterwerke.

Jedes Gerät besteht wie ein Computer aus einer Hard- und einer Software, die individuell auf Hörprobleme und persönliche Wünsche programmiert wird. Moderne Hörhilfen sind in der Lage 552 Millionen Rechenoperationen pro Sekunde durchzuführen, zum Vergleich: die Apollo-Landefähre schaffte gerade mal eine Million Rechenoperationen. Womit eindrücklich bewiesen wäre, dass es technisch einfacher ist, auf dem Mond zu landen als einen Hörverlust auszugleichen. Marco Faltus, Leiter der Abteilung Audiologie des Herstellers Phonak hat uns erklärt, was moderne Geräte können.

Das Wunder des Hörens

Experte für Hörgeräte: Marco Faltus Leiter der Abteilung Audiologie des Herstellers Phonak.

Das Ohr übersetzt den Schall der Geräusche in elektrische Signale, die vom Gehirn verarbeitet werden können. Töne treffen auf das Trommelfell, bringen es zum Schwingen, die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel bewegen sich und klopfen an die Gehörschnecke. Die Flüssigkeit gerät in Bewegung und aktiviert je nach Frequenz des Tons die haarfeinen, winzigen Sinneszellen. Diese Impulse kann das Gehirn verarbeiten. Das Innenohr verfügt über circa 3000 innere und 12 000 äußere Haarsinneszellen. Sie sind äußerst empfindlich und können durch Lärm zerstört werden. Bei der typischen Schwerhörigkeit des Alters geht zuerst die Fähigkeit verloren, die hohen Töne zu hören. Nach Schätzungen sind circa 15 Millionen Menschen in Deutschland schwerhörig, aber nur vier Millionen verwenden Hörhilfen. Wer zum ersten Mal beim Hörgeräte-Akustiker vorstellig wird, hat im Schnitt zehn Jahre schlecht gehört.

Wie funktioniert ein Hörgerät?

Ein Hörgerät registriert über Mikrofone mehrmals pro Sekunde sämtliche Geräusche der Umgebung, analysiert und filtert sie und gibt das Ergebnis verstärkt ans Ohr weiter. Störende Geräusche werden unterdrückt und sinnvolle Töne verstärkt, sodass der Träger einer Unterhaltung folgen kann, egal ob er sich im Restaurant, im Museum oder im Auto befindet. Arzt und Hörgeräte-Akustiker messen, wo das Gehör noch gut arbeitet und welche Frequenzbereiche geschädigt sind. Diese Daten werden von der Software des Geräts verarbeitet, sodass jeder Hörbereich optimal unterstützt wird.

Wie macht man sich das Leben mit Hörgerät angenehmer?

Die eleganteste Lösung fürs Telefonieren und Fernsehen ist es, den Ton direkt via Bluetooth aufs Hörgerät zu übertragen. Das geht mit bestimmten Telefonen oder beim Fernseher mit einem zusätzlichen Gerät, einem Streamer. Diese drahtlose Anbindung gibt es auch für Mobiltelefone. Auf dem Markt sind zudem mobile Richtmikrofone (Roger Pen), die bei Konferenzen z. B. in die Mitte des Tisches gelegt werden und die Signale direkt ans Hörgerät schicken.

Worauf muss ich beim Kauf achten?

Die eleganteste Lösung fürs Telefonieren und Fernsehen ist es, den Ton direkt via Bluetooth aufs Hörgerät zu übertragen. Das geht mit bestimmten Telefonen oder beim Fernseher mit einem zusätzlichen Gerät, einem Streamer. Diese drahtlose Anbindung gibt es auch für Mobiltelefone. Auf dem Markt sind zudem mobile Richtmikrofone (Roger Pen), die bei Konferenzen z. B. in die Mitte des Tisches gelegt werden und die Signale direkt ans Hörgerät schicken.

Worauf muss ich beim Kauf achten?

Suchen Sie sich mit der Verordnung vom HNO-Arzt einen Hörgeräte-Akustiker, der ihnen wirklich sympathisch ist. Sie werden ihn häufiger sehen. Er wird viel über Sie erfahren, weil er wissen muss, wie Sie leben und was Sie tun, damit er das Hörgerät findet, das für Sie passt. Ein Hörgerät wird idealerweise zwölf bis 13 Stunden täglich getragen. Wenn ihnen die Standardohreinsätze nicht gut passen, lassen Sie sich welche anfertigen. Sie werden mehrere Geräte für mehrere Wochen ausprobieren. Testen Sie auch ein Kassenmodell (Zuzahlung 20 Euro) aus – gut möglich, dass es Ihnen reicht.

Was können die Kassengeräte?

Vor knapp einem Jahr haben die gesetzlichen Krankenkassen ihre Festbeträge stark erhöht auf 786 Euro für das erste und 660 Euro für ein zweites Gerät. Ein Kassengerät verfügt über mindestens vier Kanäle, in die der Hörbereich des Menschen, der bei 250 bis 16 000 Hz liegt, in Bereiche bis 10.000 Hz aufgeteilt wird, die einzeln angesteuert und auf den Hörschaden des Patienten eingestellt werden können. Topgeräte haben bis zu 20 Kanäle. Damit ist eine feinere Abstimmung möglich, wenn man z. B. gern in klassische Konzerte geht und auf den Musikgenuss nicht verzichten will. Ein Kassengerät muss drei Programme haben, mit denen bestimmte Geräuschsituationen voreingestellt werden können, z. B. ein Programm für daheim, eins für den Stammtisch und eins für die Gymnastik in einer Turnhalle, wo der Klang sehr hallt. Für das Sprachverständnis ist es wichtig, die Töne im Mittel- bis Hochtonbereich zu verstärken, daheim auf dem Sofa könnte diese Einstellung dann jedoch sehr hell und blechern klingen. Die Programme können mit kleinen Schaltern am Gerät oder mit einer Fernbedienung gesteuert werden. Richtmikrofone können zugeschaltet werden, um z. B. seinen Gegenüber besser zu hören. Bessere Geräte entscheiden automatisch, ob das Richtmikrofon benötigt wird. Eine Rückkopplungskontrolle ist mittlerweile Standard. Faltus: „Hörgeräte pfeifen nicht mehr!“ Menschen mit Hörschäden sind an die Stille im Kopf gewöhnt, ihr Hörzentrum hat verlernt, störende Töne automatisch auszublenden. Marco Faltus: „Die Reduzierung von Störgeräuschen ist wichtig, damit dem Schwerhörigen unsere sehr laute Umwelt wieder erträglicher erscheint.“

Was können Hightech-Geräte?

Marco Faltus: „Das ideale Hörgerät muss nicht mehr bedient werden, sondern findet in jeder Situation automatisch die richtige Einstellung.“ Dazu gehört, dass die Hörgeräte beider Ohren zusammenarbeiten. Sind links zum Beispiel starke Störgeräusche, und der Gesprächspartner sitzt rechts, dann kann sich das linke Mikrofon abstellen und das Signal des rechten Mikrofons wird auch aufs linke Hörgerät geschickt. So wird das Gespräch verständlicher. Laute Geräusche wie Geschirrklappern werden als störend erkannt und unterdrückt. Faltus: „Das Leben mit einem Hörgerät soll so angenehm wie möglich sein.“ Dazu gehört, dass das Gerät so unsichtbar wie möglich ist. So hat der Hersteller Phonak eine Kontaktlinse fürs Ohr im Portfolio (siehe großes Bild). Diese Hörhilfe muss nur circa alle drei Monate für den Batteriewechsel ausgetauscht werden. Da es sich um eine analoge Technik handelt, nutzt Lyric das Außenohr um den Schall ganz natürlich und direkt in den Gehörgang zu leiten, ohne dass verschiedene Einstellungen oder Programme benötigt werden, es eignet sich für leichten bis minderen Hörverlust.

Warum halten die Batterien nur so kurz?

Faltus: „Die Stromversorgung ist eine große Herausforderung für die Entwickler. Unser neues Gerät hat eine Stromersparnis von 30 Prozent, das heißt, dass die Batterien jetzt zwei Wochen statt zehn Tage halten. Ich denke die Zukunft gehört der Akkutechnologie, ein Hörgerät wird aufladbar sein. Ähnlich wie ein Smartphone, das ja auch jede Nacht wieder aufgeladen wird.“

tz/mm

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