Viele verzichten auf die Hilfe

Keine Angst vorm Hörgerät

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München - Drei Millionen Menschen in Deutschland tragen ein Hörgerät – dabei haben vermutlich 15 Millionen Männer und Frauen Probleme beim Hören. Die tz sprach mit einem HNO-Arzt.

Während fast jeder, der schlecht sieht, eine Brille hat, gibt es gegen Hörgeräte noch Vorurteile. Dabei hat schlecht hören gravierende Folgen: Wer nicht versteht, was andere sagen, wird einsam. Er kapselt sich ab. Studien haben belegt, dass die Denkleistungen des Gehirns deutlich nachlassen, wenn der Hörverlust nicht ausgeglichen wird. Die tz sprach mit dem HNO-Arzt Dr. Thomas Stark vom Klinikum rechts der Isar darüber, wie er seinen Patienten die Angst vorm Hörgerät nimmt.

Warum nutzt nur einer von fünf Menschen mit Hörproblemen ein Hörgerät?

Dr. Thomas Stark: Es gibt immer noch Vorbehalte. Wer schlecht hört, gilt oft als dumm. Das klingt in unserer Sprache wider: Eine taube Nuss zum Beispiel ist jemand, der ein bisschen doof ist. Die Akzeptanz einer Brille als Sehhilfe ist gesellschaftlich viel größer. Eine Hörhilfe gilt eher als Makel. Dabei gab es in den letzten Jahren große Fortschritte, in der Technik, aber auch im Aussehen: Moderne Hörgeräte sind kosmetisch und vom Design her sehr ansprechend geworden.

Ist Schwerhörigkeit im Alter unvermeidlich?

Stark: Bei Altersschwerhörigkeit lassen meist die Sinneszellen in der Gehörschnecke in ihrer Funktion nach. Typischerweise sterben zuerst die Haarzellen, die für die hohen Frequenzen zuständig sind. Deshalb werden Männerstimmen häufig noch besser verstanden als hochfrequente Frauenstimmen. Das ist zum Teil ein natürlicher Alterungsprozess. Aber die Lebensdauer der Haarzellen hängt auch mit der Lärmbelastung zusammen, die Zeit unseres Lebens auf uns einwirkt. Das ist in Studien klar bewiesen: In Industrieländern ist die Altersschwerhörigkeit viel weiter verbreitet als zum Beispiel bei Naturvölkern, wo sie zum Teil völlig unbekannt ist.

Warum merken viele Menschen nicht, dass sie schlecht hören?

Stark: Hörverlust ist ein schleichender Prozess, das Gehirn passt sich daran zum Teil an. Viele merken erst, wenn sie einem Gespräch nicht mehr gut folgen können, dass sie schlecht hören. Der Prozess selbst hat jedoch schon lange vorher eingesetzt. Das Problem ist: Je länger das Gehirn an die Stille gewöhnt war, desto länger braucht es, sich an ein Hörgerät und die Töne zu gewöhnen. Es muss das Hören erst wieder lernen. Der Mensch muss sich erst wieder an die Geräusche gewöhnen. Er hat Straßenlärm, eine quietschende Tür womöglich jahrelang nicht wahrgenommen. Diese Ruhe kann ja auch sehr angenehm sein.

Es gibt verschiedene Arten von Hörgeräten, welche empfehlen Sie?

Stark: Es gibt die konventionellen, klassischen Hörgeräte, wie wir sie seit Langem kennen. Die Geräte gibt es mit analoger und digitaler Technik, sie können hinter dem Ohr oder im Ohr getragen werden. Ein Mikrofon nimmt den Schall auf, der verstärkt und über einen Lautsprecher direkt in den Gehörgang abgegeben wird. Welche Frequenzen verstärkt werden, muss individuell eingestellt werden.

Für wen kommen Hörgeräte mit Implantat infrage?

Stark: Die klassischen Hörgeräte funktionieren nur, wenn die Sinneszellen im Innenohr noch ein wenig arbeiten. Wenn der Betroffene ertaubt oder hochgradig schwerhörig ist, kommen andere Systeme ins Spiel. Auch wenn jemand zum Beispiel immer wieder eine Entzündung im Gehörgang bekommt, ist er für ein normales Gerät nicht geeignet. Da gibt es teilimplatierbare Geräte. Dabei wird ein kleiner Schwingungsgeber in das Mittelohr implantiert, der dort den Schall verstärkt auf die Gehörknöchelchen überträgt. Dafür ist eine Operation unter Vollnarkose nötig. Wenn die Gehörknöchelchen nicht mehr arbeiten, kann der Schall mithilfe eines Implantats auf den Schädelknochen übertragen werden, durch die Vibration wird die Flüssigkeit in der Schnecke im Innenohr in Schwingung versetzt, und die Sinneszellen können reagieren. Wenn die Sinneszellen kaputt sind, besteht die Möglichkeit des Cochlea-Implantats, das den Hörnerv direkt stimuliert. Mit dieser Innenohrprothese können sogar taube Menschen wieder hören.

Wer entscheidet nun, welches Hörgerät für den Einzelnen das Beste ist?

Stark: Der Arzt untersucht zunächst das Ohr und definiert den Ort der Hörstörung. Wenn ein Hörgerät die richtige Versorgung wäre, dann stellt er eine Verordnung aus, mit der der Patient zum Hörgeräteakustiker geht. Dort werden dem Patienten verschiedene Geräte angeboten, die er auch ausprobieren muss, und zwar richtig im Alltag, also beim Telefonieren, beim Reden mit anderen. Das ist anders als bei einer Brille, wo einfach die Gläser geschliffen werden und der Patient dann besser sieht. Das Hörgerät muss individuell angepasst und eingestellt werden. Hat sich der Betroffene für ein Gerät entschieden, wird der Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit Hörtests prüfen, ob das Hörgerät die Hörleistung wirklich erhöht. Dann erst können die Kosten bei der Krankenkasse eingereicht werden.

Wer schlecht hört, baut geistig ab, heißt es in aktuellen Studien. Verblüfft Sie das?

Stark: Wir sind soziale Wesen, und ein bedeutender Teil der Kommunikation funktioniert über die Akustik. Wenn das nicht funktioniert, ziehe ich mich zurück. Das kann sogar mit depressiven Verstimmungen einhergehen. Das Sprachvermögen lässt nach. Hörverlust ist eine gravierende Einbuße an Lebensqualität. Immanuel Kant wird der Satz zugesprochen: „Nicht sehen können trennt von den Dingen – nicht hören können von den Menschen.“ Und so weit sollte es wirklich niemand kommen lassen.

Susanne Stockmann

Rubriklistenbild: © dpa

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