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200.000 künstliche Hüften werden nach Angaben des neuen deutschen Endoprothesenregisters in Deutschland in jedem Jahr eingesetzt, sowie 25.000 Hüftprothesen durch neue ersetzt.

Keine Frage des Alters

Hüfte kaputt – was nun?

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Es ist keine reine Erkrankung des Alters: Schon jede fünfte künstliche Hüfte wird einem Patienten eingesetzt, der jünger ist als 60 Jahre. Unfälle und Krebstherapien können die Hüfte schädigen.

Leistungssport, schwere berufliche Belastungen oder angeborene und erworbene Fehlstellungen können im Laufe des Lebens dazu führen, dass der Knorpel, der im Hüftgelenk für die reibunglose Bewegung zuständig ist, krank wird.
Wenn schließlich Knochen auf Knochen reibt, werden die Schmerzen unerträglich und die Beweglichkeit zunehmend schlechter. Worauf die Patienten achten müssen und wie sie den für sich besten Arzt finden, darüber sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit dem Orthopäden Dr. Martin Nolde von der Orthopraxx-Praxis in München.

Eine künstliche Hüfte hat eine begrenzte Lebensdauer, durchschnittlich lockert sie sich nach 15 Jahren. Sollte man daher möglichst lange mit der Operation warten?

Dr. Martin Nolde zeigt eine Endoprothese. Ihm ist es wichtig, dass Arzt und Patient Vertrauen zueinander haben.

Dr. Martin Nolde: So lange eine Operation vermeidbar ist, sollte sie vermieden werden. Gleichzeitig können die Patienten versuchen, ihre Hüfte zu entlasten: Übergewichtige Personen sollten abnehmen. Sportarten mit hohem Laufpensum und mit häufigem Richtungswechsel wie Squash und Tennis sollten vermieden werden. Wer gern in die Berge geht, sollte Wanderstöcke verwenden und bergab mit der Seilbahn fahren. Der richtige Zeitpunkt für eine Operation wird nicht mehr ausschließlich vom Alter des Patienten bestimmt. Entscheidend ist der Leidensdruck. Wer nicht mehr als 500 Meter schmerzfrei gehen kann, wer nicht schlafen kann und dauernd Schmerzmittel nehmen muss – der sollte sich zu einer Operation entschließen.

Wie findet man den richtigen Arzt und die richtige Prothese?

Die Endoprothesen gibt es in verschiedenen Größen und Neigungswinkeln, für jeden Patienten kann das passende Ersatzgelenk gefunden werden.

Nolde: Wer einen guten Arzt sucht, sollte sich an Stellen wenden, wo viele Informationen zusammenlaufen: Krankenkassen, Hausärzte oder Orthopäden, die selbst nicht operieren, aber Patienten sehen und Erfahrungsberichte hören. Letztlich muss der Patient sich selbst ein Bild von seinem Operateur machen. Die meisten Ärzte haben sich für die Endoprothesen von ein oder zwei Herstellern entschieden, der Patient sollte ruhig fragen, warum diese Implantate gewählt wurden. Von der Gleitpaarung her, also der Werkstoffkombination der beiden Gelenks­partner, hat sich die Polyethylen-Keramik-Gleitpaarung als sicherste Kombination durchgesetzt. Keramik-Keramik ist mittlerweile kritisch zu sehen, weil eine der beiden Komponenten brechen kann und die Folgen kaum noch dauerhaft behoben werden können. Die Prothesen gibt es in verschiedenen Designs und Größen mit unterschiedlichen Neigungswinkeln, sodass für jeden Patienten die für ihn passende Prothese gefunden werden kann.

Kann man als Patient zu lange warten?

Nolde: Es gibt Extremfälle, wo die Pfanne durchgerieben wird, wo der Kopf ins kleine Becken durchbricht. Zwei Landwirte habe ich als Patienten gehabt. Diese Männer mussten täglich raus, sie haben gegen unerträglichen Schmerz gearbeitet. Das ist ein Fall für einen sehr erfahrenen Operateur.

In Internet-Foren sorgen sich Betroffene, dass hinterher die Beine verschieden lang sind. Ist das ein Problem?

Nolde: Das Ziel ist es, die Beinlänge auszugleichen. Das ist tatsächlich auch für den erfahrensten Operateur unter Umständen immer wieder eine Herausfoderung, für nicht geübte Operateure natürlich noch mehr. Die Operation wird am Computer anhand der digitalen Röntgenbilder mit einer speziellen Software geplant, sodass bereits vor der Operation Design, Größe und richtige Position der Implantate in sehr engem Rahmen feststehen. Somit weiß man genau, wie man arbeiten muss.

Ist die minimalinvasive Technik immer die beste?

Nolde: Ich operiere zu 99 Prozent mit dieser Methode und bin auch als Ausbilder tätig. Der Trend geht dahin, Muskeln und Sehnen so wenig wie möglich zu verletzen. Dabei ist die AMIS-Technik, die ich anwende und bei der nicht von der Seite, sondern von vorne operiert wird, sehr vorteilhaft. Wenn alles planmäßig läuft, muss der Operateur keinen Muskeln durchtrennen und keine Sehne ablösen – das beschleunigt natürlich die Heilung.

Wann ist es sinnvoll, gleich beide Seiten zu operieren?

Nolde: Das halte ich für vertretbar, wenn der Patient abgesehen von den Hüftgelenken kerngesund, nicht übergewichtig und psychisch stabil ist. Er muss auf beiden Seiten so starke Beschwerden haben, dass er bei der Versorgung nur einer Seite schlechter dran wäre. Das ist zum Beispiel bei einer Beugekontraktur der Fall, bei der der Patient beide Seiten nicht strecken kann. Eine neue Hüfte allein würde ihm keine Linderung bringen.

Sind Sie beleidigt, wenn ein Patient Sie verlässt und sich eine Zweitmeinung holt?

Nolde: Nein, ich merke ja im Gespräch, ob der Patient unsicher ist und zögert. Ich würde nie jemanden zu der Operation drängen. Operateur und Patient bilden ein Team und haben gemeinsam ein Ziel: ein optimales Ergebnis. Dies ist nur zu erreichen, wenn sich beide aufeinander verlassen können und bei Auftreten von Schwierigkeiten an einem Strang ziehen.

Dabei gilt die Hüft-OP doch als Routine-Eingriff!

Acht Prozent der Bevölkerung zwischen 50 und 70 Jahren erkranken an einer schmerzhaften Hüftgelenksarthrose. Meist sind im Abstand von wenigen Jahren beide Seiten betroffen.

Nolde: Respekt sollten sowohl der Operateur als auch der Patient vor der Operation haben. Dieser Respekt zeugt von Sachkenntnis. Der Eingriff dauert in der Regel 45 bis 60 Minuten. Die Prothese wird genau in den Knochen eingepasst. Das wird vorher ausgemessen und dann ausgefräst. Der Knochen hat zunächst eine sehr hohe Vorspannung, also sitzt die Prothese fest im Knochen. Aber diese Vorspannung lässt mit dem zunächst einsetzenden Verlust der Knochensubstanz nach, und der Körper muss die knöcherne Fixierung übernehmen. Nur bei etwa fünf Prozent meiner Patienten wird die Prothese einzementiert, dabei handelt es sich entweder um sehr betagte Patienten mit schlechter Knochenqualität oder manchmal um eine erneute Hüftoperation, bei der eine Prothese entfernt und durch eine neue ersetzt wird. Früher hieß es, ab 60 Jahren muss zementiert werden, aber das trifft nach neueren Erkenntnissen nicht zu: Ein älterer gesunder Knochen kann die Prothese genauso fest umwachsen wie ein junger Knochen – und zementfreie Prothesen halten länger.

Wie verläuft die Heilung?

Nolde: Schon am ersten bis zweiten Tag nach der OP können die Patienten aufstehen und die ersten Meter gehen. Sie belasten die Hüfte voll, die ja das ganze Körpergewicht tragen muss, benützen aber noch die Gehstützen zur Sicherung des Gangbildes. Es dauert drei bis neun Monate, bis eine nicht zementierte Prothese vollständig eingewachsen ist. In den ersten sechs Wochen nimmt die Knochendichte um die Prothese ab, bevor sie dann stetig wieder zunimmt. Ich rate meinen Patienten zu Krankengymnastik und Lymphdrainage zweimal in der Woche und sage ihnen, welche Bewegungen und Belastungen sie vermeiden sollen, um das Einwachsen nicht zu stören. Gerade für jüngere Patienten ist es manchmal schwierig, beim Sport zurückzustecken. Für ältere Patienten, die sich daheim allein versorgen, kann eine Reha sinnvoll sein. Kann alles gut einwachsen, und ist die Prothese auch nach fünf Jahren noch so fest wie direkt nach der OP – hat der Patient gute Chancen, sie lange zu behalten.

Haben Sie auch junge Patienten?

Nolde: Aufgrund der guten Entwicklung in der Endoprothetik kann man heutzutage bei entsprechend problematischer Sachlage guten Gewissens auch schon einem 40-Jährigen eine Prothese einsetzen. Dann aber nicht mit dem Ziel, ihn wieder uneingeschränkt sportfähig zu machen. Das Ziel ist, seine Lebensqualität und auch seine Berufsfähigkeit wieder herzustellen.

Gibt es ein Höchstalter für diese Operation?

Nolde: Wenn Menschen bis in das hohe Alter gesund und geistig aktiv sind und sie unter den Einschränkungen richtig stark leiden, ist es auch bei 90-Jährigen unter Umständen sinnvoll. Wer sich in seiner Lebensqualität deutlich eingeschränkt fühlt, der profitiert von einer neuen Hüfte. Wie für Jüngere gilt auch für Ältere: Das Alter ist nicht das entscheidende Kriterium.

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