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Wer sich ständig Sorgen um seine Gesundheit macht, wird psychisch krank.

Experte im Interview

So krank sind Hypochonder

München - Ausgeprägte Krankheitsängste sind bei Erwachsenen mit etwa sieben Prozent weit verbreitet. Die klinische Diagnose Hypochondrie erfüllen aber nur wenige. Ein Experte erklärt im Interview die Erkrankung.

Glaubt man einem alten Arztwitz, ist ein Gesunder ein Mensch, der nur noch nicht gründlich genug untersucht worden ist. Hypochonder hingehen lassen sich meist überaus penibel untersuchen – ohne dass der Arzt fündig wird. Ausgeprägte Krankheitsängste sind bei Erwachsenen mit etwa sieben Prozent weit verbreitet – betreffen also über 80 000 Münchner! Die klinische Diagnose Hypochondrie erfüllen aber nur wenige.

„Der Prototyp des Hypochonders hat eine klare Hypothese“, erklärt Dr. Gaby Bleichhardt von der Uni Marburg, die gerade ein Buch über die Behandlung von Krankheitsangst geschrieben hat. Er hat also eine feste Vermutung, an welcher Krankheit er leidet. „Die meisten Hypochondrie-Patienten haben Angst vor Krebs“, so Bleichhardt. Dann folgen der Herzbereich und neurologische Erkrankungen.

Nach einem Arztbesuch fühlen sich die meisten Betroffenen erst mal besser, aber bald kommen die Zweifel zurück: Hat der Arzt wirklich gründlich genug untersucht, hat er nichts übersehen? Die starke Fixierung auf die angenommene Krankheit beeinträchtigt das Lebensglück. Die Krankheitsangst bestimmt den Alltag.

Das ist auch für Angehörige sehr belastend. Sie können nur begrenzt helfen. Den Betroffenen ständig zu beruhigen, ist keine Lösung. Hypochondrie-Patienten leiden erheblich und haben oft große Selbstwertprobleme. Daher ist es besonders wichtig, sie ernst zu nehmen und zu motivieren, sich Hilfe bei Psychiater und Psychotherapeuten zu holen.

Die tz sprach mit Professor Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee über die Erkrankung, die viele von uns nur aus Witzen kennen, wie: Geht ein Hypochonder am Krankenhaus vorbei ...

Cyberchondrie

Die Wortschöpfung aus Cyber und Hypochondrie beschreibt die Gefahr, dass Krankheitsängste durch Informationen aus dem Internet ausgelöst oder verstärkt werden. Professor Voderholzer sieht diese Gefahr jedoch als eher gering an: „Aus meiner Sicht ist es positiv, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich im Internet vielfältig zu informieren. Und die Informationen aus dem Internet sind nicht so schlecht, wie sie oft dargestellt werden. So wurde Wikipedia in einer Studie mit einer umfangreichen Enzyklopädie verglichen. Da hat man festgestellt, dass Wikipedia überhaupt nicht schlechter war. Wenn man also einen kritischen Blick bei der Informationssammlung im Internet behält, kann eine Suche dort auch sehr sinnvoll sein.“ Problematisch ist eher die Neigung der Menschen, bevorzugt solche Informationen wahrzunehmen, die ihre Meinung bestätigen, und dass so Krankheitsängste bestätigt werden.

Buchtipp

Gaby Bleichhardt und Florian Weck: Kognitive Verhaltenstherapie bei Hypochondrie und Krankheitsangst, Springer Verlag

Die Angst vor Krankheiten – so wird man sie wieder los!

Kann die Angst vor Krankheiten jeden krank machen?

Voderholzer: Im Grunde genommen ja. Bei jeder psychischen Erkrankung spielt eine gewisse Veranlagung eine Rolle. Hypochonder sind meist Menschen, die eher ängstlich, unsicher und vermehrt besorgt sind. Diese Persönlichkeitsstruktur ist zum großen Teil genetisch bedingt, aber auch Lebenserfahrungen, insbesondere Prägungen in der Kindheit, können eine Rolle spielen. Konkrete Auslöser der Erkrankung sind oft persönliche traumatische Erlebnisse. Etwa, dass enge Bezugspersonen oder gute Freunde schwer erkrankt sind. Eine hypochondrische Störung zeigt sich darin, dass eine übermäßige und andauernde Beschäftigung mit befürchteten körperlichen Erkrankungen vorliegt und der Betroffene darunter leidet. Ich hatte einen Patienten, der bis zu zehnmal am Tag immer wieder seinen Blutdruck messen musste. Dadurch hat er kontrolliert, dass er sich nicht in einem gefährlichen Zustand befindet, der z. B. einen Schlaganfall hätte verursachen können. Wenn er das nicht machen konnte, hat er massive Angstzustände bekommen.

Wer merkt meist zuerst, dass etwas nicht stimmt?

Voderholzer: Das ist unterschiedlich. Es kann sein, dass der Arzt aufmerksam wird. Es kann aber auch sein, dass der Partner genervt ist. Zum Krankheitsbild gehört es, sich Rückversicherungen einzuholen. Das bedeutet, dass ständig andere Menschen aus dem privaten Umfeld oder dem Gesundheitsbereich befragt und eingebunden werden, um kurzfristig Beruhigung zu erreichen. Und das führt natürlich zu häufigen Arztbesuchen und auch zu übertriebenen medizinischen Tests, weil der Patient immer wieder ein EKG fordert oder zum fünften Mal ein HIV-Test gemacht werden soll, obwohl es überhaupt kein Infektionsrisiko gab. Um Hilfe zu erhalten – das gilt für alle Angst- und Zwangsstörungen –, muss der Betroffene erst einmal einsehen, dass sein Verhalten übertrieben und als Krankheit anzusehen ist.

Wie können Sie helfen?

Voderholzer: Am besten hilft die kognitive Verhaltenstherapie. Man kann in schweren Fällen auch Medikamente einsetzen. Bei allen Angststörungen haben Stimmungsaufheller vom Typ der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eine gewisse Wirkung. Aber diese sollten nur eingesetzt werden, wenn man mit einer Psychotherapie allein nicht weiterkommt. In der kognitiven Verhaltenstherapie wird nach den Ursachen geforscht, und es werden auch die aktuellen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen analysiert. So versteht man, wann und warum das Verhalten auftritt. Der Betroffene lernt schrittweise, sein Verhalten zu verändern. Einer meiner Patientinnen hatte ihre ganzen medizinischen Befunde in DinA4-Ordnern abgeheftet. Wenn sie Angst bekam, ging sie stundenlang immer wieder ihre Befunde durch, um sich dadurch zu beruhigen. In der Therapie hat sie es nach und nach geschafft, ihre Ängste zu bewältigen, ohne die Befunde zu kontrollieren, und sie konnte auch ihre exzessiv häufigen Arztermine auf eine Normalmaß herunterschrauben. In der Therapie lernen die Betroffenen, ihre Aufmerksamkeit nicht andauernd auf Körpersignale zu lenken. Hypochonder achten viel mehr auf alles, was im Körper passiert, und sie fokussieren sich auf das, was der Körper zurückmeldet. Die Symptome werden dadurch verstärkt wahrgenommen und als gefährlich interpretiert. Bei jeder psychischen Erkrankung gibt es effektive Hilfen. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen. Wenn das Leben immer mehr eingeschränkt wird, oder wenn man merkt, dass die Partnerschaft oder der Job leiden. Wenn man den ganzen Tag an die eigene Gesundheit denken muss – dann sollte man sich Hilfe holen.

Wer sich viel mit Krankheiten beschäftigt, neigt oft dazu, Symptome bei sich selbst festzustellen. Muss jeder Medizinstudent eine hypochondrische Phase durchmachen?

Voderholzer: Es gibt bei vielen Medizinstudenten eine temporäre Phase der Eigendiagnose. Wenn man viel Neues über alle Krankheiten lernt, kann das vermehrt zur Selbstbeobachtung führen. Es bedeutet aber nicht, dass die Betroffenen zu Hypochondern werden. Krank werden meist diejenigen, die schon eine entsprechende Veranlagung haben. Also eher die ängstlich veranlagte Medizinstudentin, die erst 13 war, als ihre Mutter gestorben ist. Bei Ärzten trifft dann oft eher das Gegenteil zu: Manche haben ein sehr nachlässiges Verhalten gegenüber der eigenen Gesundheit. Sie wähnen sich fälschlicherweise in Sicherheit, nach dem Motto: Ich bin ja Arzt, mir kann nichts passieren.

Professor Ulrich Voderholzer ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck

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