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Wo der Hypophysen-Tumor wuchs zeigt Dr. Walter Rachinger seinem Patienten Arthur Loibl auf dem Bildschirm.

Hypophyse

Wenn ein Tumor zu Hormon-Chaos führt

Das Sichtfeld wird enger, der Blick verschwimmt: Selbst Ärzte denken da zuerst an ein Augenleiden. Manchmal liegt die Ursache aber ganz woanders. 

Tief im Schädel sitzt eine kleine Drüse mit großer Wirkung: die Hypophyse. Arthur Loibl (52) erfuhr, was passiert, wenn sie verrückt spielt.

Fast jeder plagt sich hin und wieder damit. Nur für Arthur Loibl, 52, war das neu: Kopfschmerzen. Bis zu jenem sonnigen Frühlingstag vergangenen Jahres kannte der Straubinger so etwas nicht. Er wunderte sich und tat, was fast alle dann tun: Er schluckte Tabletten und hoffte, dass die Schmerzen verschwinden. Eine Woche lang.

Schließlich ging Loibl doch zum Hausarzt. „Ein typischer Fall von Migräne, das vergeht“, meinte der nur. Loibl bekam ein Rezept für ein anderes Schmerzmittel.

Dann war erst mal Fußball angesagt. Loibl, begeisterter Bayernfan, saß mit Bekannten in der Allianzarena. Der Schmerz war immer noch da, trotz Medikamenten. Und es kamen neue Beschwerden dazu. „Auf dem linken Auge sah ich plötzlich verschwommen“, sagt er. Loibl schob es auf das Schmerzmittel, denn er hatte es zu hoch dosiert.

Bis er nach Barcelona reiste, wieder mal des Fußballs wegen: Erneut vergällte ihm das linke Auge das Vergnügen. Das Gesichtsfeld war seltsam eng geworden, drumherum alles schwarz. Diesmal konnte es nicht an zu viel Schmerzmitteln liegen. Loibl hatte einen neuen Verdacht: Vielleicht passten seine Kontaktlinsen nicht mehr richtig. Zurück in Deutschland wollte er sofort zum Optiker gehen.

Der fand schnell heraus: An den Kontaktlinsen lag es nicht. Loibl erinnert sich, dass der Optiker merkwürdig nervös wirkte. Plötzlich ging alles ganz schnell: Der Optiker organisierte sofort einen Termin in einer Augenklinik. Noch am selben Tag starteten erste Untersuchungen. Weitere sollten am Morgen folgen.

Dazwischen lag eine lange, unruhige Nacht. „Gesichtsfeld-Verlust“ – einer der Ärzte hatte diesen Begriff genannt. Daheim schaute Loibl im Internet nach, was sich dahinter verbirgt. „Da war mir gar nicht mehr wohl“, sagt er.

Plötzlich sah Loibl auf dem linken Auge verschwommen

Auch am nächsten Tag, keine Entwarnung. „An den Augen liegt es nicht“, erklärte ihm der Augenarzt. „Das muss vom Kopf kommen.“ Er schickte ihn weiter zu einer Neurochirurgin. Auch diese drängte zur Eile, noch am selben Tag sollte Loibl zum Kernspin. Doch es war Freitag vor Pfingsten und schon später Nachmittag. Er bekam nur einen Termin zur Computertomografie (CT). Mit dem Überweisungsschein in der Hand stieg er ins Taxi. „Verdacht auf Schlaganfall, Ischämie“ stand da.

Aufatmen konnte Loibl auch nach dem CT nicht. „Da ist was im Kopf, was da nicht hingehört“, sagte die Ärztin. Sie vermutete einen gutartigen Tumor der Hypophyse, der Hirnanhangdrüse, und schickte ihn weiter ins Klinikum Großhadern. Wieder stieg Loibl ins Taxi. Aus Unruhe war Angst geworden. Was, wenn es doch ein bösartiger Hirntumor war? „Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt er.

Erst in der Klinik erfuhr er: Es war tatsächlich ein Tumor an der Hypophyse. Loibl hatte noch nie zuvor davon gehört. Er erfuhr, dass es sich um eine nur kirschkerngroße, aber sehr wichtige Hormondrüse handelt. Und dass diese nicht im Hirn, sondern darunter liegt. „Es ist ganz wichtig, das den Patienten zu vermitteln“, sagt Dr. Walter Rachinger, Neurochirurg am Klinikum Großhadern. Auch, dass Tumore der Hypophyse fast immer gutartig sind.

Etwa zweieinhalb Zentimeter maß die Geschwulst in Loibls Kopf. „Wir sehen aber auch Tumore von vier bis fünf Zentimetern“, sagt Rachinger. Wenn sie wachsen, führen sie meist irgendwann zu Beschwerden. So kreuzen sich knapp oberhalb der Hypophyse die Sehnerven. Wird die Drüse größer, geraten sie unter Druck. Ausfälle des Gesichtsfelds, manchmal auch verschwommenes Sehen wie bei Arthur Loibl sind die Folge. „Die meisten Patienten kommen über den Augenarzt“, sagt Rachinger. Oft suchen sie sogar zwei oder drei Augenärzte auf, ehe einer an einen Tumor denkt.

Tückisch auch: Der Tumor wächst in der Regel langsam. Das Sehen verschlechtert sich daher meist nicht plötzlich. „Die Patienten nehmen die Ausfälle oft kaum wahr“, sagt Rachinger. „Das Gehirn passt sich an.“ Zum Notfall wird ein Tumor der Hypophyse nur, wenn es zu einer Blutung kommt. Betroffene können plötzlich nicht mehr sehen, müssen sofort operiert werden. Der Eingriff gibt ihnen aber ihr Augenlicht zurück.

Leiden Patienten wie Arthur Loibl an Kopfschmerzen, liegt das oft daran, dass der Tumor auf umliegendes Gewebe drückt. Auch ein hängendes Lid kann Folge einer Geschwulst an der Hypophysen sein. Denn knapp daneben verlaufen Muskeln, die Augenbewegungen steuern. Andere Symptome sind weniger auffällig. „Nach der Operation stellt sich oft heraus, dass die Patienten schon seit Monaten abgeschlagen waren“, sagt Rachinger. Auch daran kann der Tumor schuld sein. Der führt oft zu einem Hormon-Chaos – etwa, indem er selbst Hormone bildet (Artikel unten). Ist er wie bei Arthur Loibl hormoninaktiv, bildet also selbst keine Hormone, kann er durch sein Wachstum die Produktion stören – es kommt zu einem Mangel. Ist der Tumor entfernt, erholt sich die Hypophyse aber meist wieder.

Der Eingriff erfolgt in Vollnarkose. In den meisten Fällen kann man wie bei Loibl durch die Nase operieren (Artikel unten). „Schon am Tag danach habe ich auf dem linken Auge wieder normal gesehen“, sagt er. Unangenehm sei aber die Tamponade gewesen, die für zwei Tage in seiner Nase steckte. Loibl konnte nur durch den Mund atmen. „Ich habe kaum geschlafen“, sagt er. Nach der Entfernung dauerte es noch einige Wochen, bis die letzten Reste geronnenen Blutes abgelaufen waren.

Nach der OP muss sich die Hypophyse wieder erholen

Als Loibl wieder zuhause war, kämpfte er mit dem hormonellen Chaos in seinem Körper. „Ich war müde und fertig, so viel geschlafen habe ich noch nie“, erzählt er. Denn oft dauert es Wochen, bis sich die Hypophyse erholt. Um den Mangel an Cortisol auszugleichen, dessen Produktion die Hormondrüse unter anderem steuert, bekamLoibl Kortison. Ständig hatte er Hunger, fühlte sich auch nach dem Essen nicht satt. „Ich habe in vier Wochen zehn Kilo zugenommen“, sagt er. Besser wurde es, als man das Kortison reduzierte. Heute muss Loibl noch Testosteron zuführen. Zudem lässt er einmal pro Jahr seinen Hormonstatus testen. Denn inzwischen ist klar: Die Hypophyse hat sich nicht völlig erholt. Er wird ein Leben lang Kortison einnehmen müssen, wenn auch niedrig dosiert.

Dennoch: Dass es ihm wieder gut geht, wollte Arthur Loibl auch seinem Operateur mitteilen. Vier Monate nach dem Eingriff bekam der ein Foto zugeschickt. Loibl hatte sich einen Traum erfüllt: Stolz sitzt er als Pilot in einem Kampfflugzeug, mit erhobenem Daumen.

Der Experte

Der Experte des Beitrags ist Dr. Walter Rachinger, Neurochirurg am Zentrum für endokrine Tumoren des Klinikums der Universität München in Großhadern.

Stichwort: Hypophyse

Sie ist klein wie ein Kirschkern, doch ihre Wirkung ist dafür umso größer: Die Hypophyse, auch Hirnanhangdrüse genannt, ist eine der wichtigsten Hormondrüsen. Sie liegt unterhalb des Hypothalamus, einem Teil des Zwischenhirns, mit dem sie über einen Stiel verbunden ist.

Im Hypophysenvorderlappen werden etwa Wachstumshormone gebildet, zudem das adrenocorticotrope Hormon (ACTH), das wiederum in der Nebennierenrinde die Bildung von Aldosteron (Regulation des Salzhaushalts), Cortisol und Androgenen (männliche Sexualhormone) steuert. Die Hypophyse produziert zudem weitere Hormone zur Steuerung der Sexualfunktion. So regt das follikel-stimulierende Hormon (FSH) und das luteinisierende Hormon (LH) den Eisprung bzw. die Spermienproduktion an.

Auch Prolaktin wird hier gebildet, das die Milchproduktion anregt. Zudem das schildrüsen-stimulierende Hormon TSH. Im Hypophysen-Hinterlappen wird das Wehen- und Kuschelhormon Oxytocin gespeichert, außerdem das antidiuretische Hormon ADH, wichtig für den Wasserhaushalt des Körpers. Im Zwischenteil der Hypophyse entsteht das melanozyten- stimulierende Hormon, das die Pigmentbildung in der Haut anregt.

Andrea Eppner

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