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Autorin Waltraud Berle hat ihre demente Mutter fünf Jahre lang begleitet, als diese ins Pflegeheim musste.

Buch über Missstände in Pflegeheimen

„Ich habe geweint, war verzweifelt und zornig“

Immer mehr ältere Menschen verbringen ihre letzten Jahre im Pflegeheim – so wie die Mutter von Waltraud Berle. Die gebürtige Stuttgarterin begleitete ihre demente Mutter fünf Jahre lang und hat ein Buch darüber geschrieben.

Es ist ein erschütternder Bericht über Pflegefehler, grobe Behandlungen und Übergriffe auf die Menschenwürde. Berles Mutter ist inzwischen gestorben. Die Bedingungen in den meisten Pflegeheimen haben sich nicht geändert, sagt Berle. Ein Gespräch, das nachdenklich macht.

Ihre Mutter wurde im Pflegeheim vernachlässigt – wie fiel Ihnen das auf?

Meine Mutter hatte zwei bis drei Wochen lang ein offenes Bein. Und niemand hat das bemerkt – bis ich es schließlich entdeckte. Das ist schlimm! Denn wenn dieses Ulkus, also diese offene Wunde, nicht sofort behandelt wird, kann es sogar zu einer Amputation des Beines kommen. Eine medizinische Behandlung fand dann zwar statt, aber sie bekamen das Geschwür nicht in den Griff. Als meine Mutter starb, war das Bein noch immer nicht verheilt. Und warum wurde es nicht rechtzeitig entdeckt? Weil meine Mutter offensichtlich selten geduscht oder gewaschen wurde.

Sie schreiben in Ihrem Buch, ihre Mutter wurde mindestens zwei Wochen lang nicht geduscht?

Ja. Das erkannte ich auch daran, weil sie plötzlich furchtbar nach Urin stank. Bei älteren Menschen ist es ganz normal, dass mal ein paar Tropfen in die Unterhose gehen, beispielsweise beim Husten. Aber anstatt die Wäsche zu wechseln, haben die Pfleger meine Mutter darin sitzen lassen. So sparten sie sich auch die Reinigung, denn auch die kostet Geld.

Wie fühlten Sie sich, als Sie die Vernachlässigung Ihre Mutter herausfanden?

Ich habe geweint, war verzweifelt und zornig. Natürlich versuchte ich, mit den Verantwortlichen zu reden, aber das nützt nichts, wenn die Stationsleiterin plötzlich eingespart wird oder Heimleitung und Pfleger alles schönreden! Sie fühlten sich für Fehler nicht verantwortlich, sie empfanden alles ganz normal – und sie änderten auch nichts.

Wie haben Sie den Umgang des Pflegepersonals gegenüber den anderen Heimbewohnern wahrgenommen?

Ganz schlimm war diese Gleichgültigkeit! Die Bewohner saßen resigniert in ihrem Stuhl, kein Mensch interessierte sich für sie. Viele schienen nur noch auf den Tod zu warten. Andere schlichen herum und schauten mich so ängstlich an, als sei ich die böse Lehrerin, vor der sie als Kind Angst hatten. Das hat mir furchtbar wehgetan.

Was glauben Sie, ist die Ursache für diesen menschenunwürdigen Umgang?

Die älteren Leute werden behandelt, als ob sie ein Gnadenbrot erhalten. Diese Einstellung wird ausgestrahlt von der Heimleitung und von vielen Pflegern – nicht von allen, es gibt auch engagierte Leute. Dabei haben die alten Menschen in die Pflegeversicherung eingezahlt. Und viele zahlen privat noch eine Menge Geld drauf.

Wie viel kostete das Pflegeheim Ihrer Mutter?

Die Pflegeversicherung übernahm weit weniger als die Hälfte der Kosten, also finanzierten wir jeden Monat fast 1700 Euro aus eigener Tasche. Meine Mutter hatte Pflegestufe 1, dafür verlangte das Pflegeheim etwa 2700 Euro pro Monat. Das ist ein Haufen Geld. Dafür sollten die Bewohner nicht als Gnadenbrot-Esser behandelt werden. Ein Pflegeheim sollte sich als Dienstleister betrachten, der die zahlenden Kunden mit Würde und Anstand behandelt.

Was müsste sich am Pflegesystem ändern?

Wir brauchen radikale Reformen des ganzen Systems: Bisher haben wir eine Aufbewahrungs-Pflege und Beschäftigungstherapie. Völlig unzeitgemäß! Auch ältere Menschen können aktiviert werden – nicht nur lieblos verwahrt. Da könnte man viele Arzneimittel einsparen. Dazu sind moderne Pflegekonzepte nötig, die sich aus der Hirnforschung und der lösungsorientierten Psychologie ableiten lassen.

Was muss die Politik leisten?

Die Bundeskanzlerin muss das Thema zur Chefsache machen und ordnungspolitische Willenskraft entwickeln, zusammen mit den besten Hirnforschern, Pflegesachverständigen und Juristen. An den Bundestag appelliere ich, den Grundgesetz-Artikel 3 um den Zusatz zu ergänzen: Niemand darf wegen seines Alters benachteiligt werden. Wer von den vielen fitten Leuten von „60 plus“ gewählt werden will, sollte das tun.

Wie ging es mit Ihrer Mutter weiter?

Nach fünf Jahren brachte ich sie in ein anderes Pflegeheim, obwohl alle warnten, sie würde die Strapazen nicht überstehen. Ich wollte, dass sie in Frieden sterben konnte. Der Umzug war ein riesiger Glücksfall: Die Pfleger dort behandeln die Bewohner mit echtem Interesse und voller Respekt. Zum Faschings-Fest kam der Bürgermeister, es gab Blasmusik, und sogar meine Mutter setzte sich ein Hütchen auf, sang mit und lachte aus vollem Herzen.

Konnte Ihre Mutter am Ende in Frieden sterben?

Ja. Eines Abends, sie war gerade sieben Wochen im neuen Pflegeheim, fühlte sie sich nicht gut. Sie setzte sich in ihrem gemütlichen Zimmer aufs Bett, bekam schwer Luft. Ein junger Pfleger brachte Tee und setzte sich neben sie. Er legt seinen Arm um sie, so wurde mir erzählt, und dort, an seiner Schulter, starb sie.

Interview: Myriam F. Goetz

Buchtipp 

Waltraud Berle: „Schluss, sag’ ich! – Von Menschen, die in Würde altern wollen; Osburg-Verlag; 18 Euro.

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