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Alkoholmissbrauch kommt in allen Altersgruppen vor. Immer mehr Senioren haben ein Alkoholproblem.

Alt, einsam, abhängig

Immer mehr Senioren haben ein Alkoholproblem

Die Zahlen sind ernüchternd – gerade, weil es um den Rausch geht. Ein Drittel aller Männer und jede fünfte Frau im Alter zwischen 65 und 79 Jahren in Deutschland hat ein Alkoholproblem: deutlich mehr als früher!

Diese alarmierenden Werte sind das Ergebnis einer neuen Studie des Robert-Koch-Instituts. Demnach sind allein in Bayern rund 600.000 Personen (München: 60.000) von sogenanntem riskantem Alkoholkonsum betroffen. 250.000 (München: 25.000) gelten sogar als abhängig.

Die Fachleute sehen eine ganze Reihe von Ursachen – etwa Einsamkeit nach Verlust des geliebten Partners oder vermindertes Selbstwertgefühl nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Auf ein Gläschen Wein am Abend folgt da schnell der regelmäßige Griff zur Flasche. Das Institut für Therapieforschung (IFT) in München hat jetzt zusammen mit der Technischen Universität Dortmund ein neues Therapiekonzept speziell für ältere Menschen entwickelt. Die Behandlung wurde gestern vorgestellt und soll in Südbayern in Zusammenarbeit mit der Caritas getestet werden. Wie das Konzept funktioniert und wie schwer der Kampf gegen die Sucht aus Sicht einer Betroffenen ist, lesen Sie auf dieser Seite.

Frau (72): So wurde ich zur Alkoholikerin

Die ehemalige Lehrerin Marianne K. (72, Name geändert) hat nie viel getrunken. Mal ein Glas Wein am Abend oder ein Glas Sekt zum Anstoßen, aber nie übermäßig – bis ihr geliebter Mann stirbt.

Drei Monate pflegt sie ihren Mann zu Hause, ist auch im Pflegeheim immer an seiner Seite und trinkt in dieser Zeit keinen Tropfen.

Nach dem Tod ihres Gatten aber fällt sie in ein Loch. Sie hat kaum soziale Kontakte. Diese Einsamkeit lässt sie unruhig werden. Sie kann es kaum mehr ertragen, alleine am Tisch zu sitzen. Der Alkohol betäubt. So wird sie im Alter von 67 Jahren zur Alkoholikerin.

Etwa einen Monat nach der Beerdigung ihres Mannes fängt sie an, alte Bestände an Wein gegen Hochprozentiges einzutauschen. In der Früh eine kleine Flasche Wodka, gegen Mittag eine zweite, um den Pegel zu halten. „Es ging nie um Genuss, sondern um die Wirkung. Ich wollte mich von der Welt verabschieden, in der ich keinen Sinn mehr sah.“

Sie ist ganz unten, sowohl körperlich als auch psychisch. Irgendwann merkt sie, in welch schlechtem Zustand sie sich befindet und beschließt für sich selbst: Es muss sich etwas ändern!

Zeitweise versucht sie, kontrolliert zu trinken, erkennt aber schnell, dass sie auf professionelle Hilfe angewiesen ist. Sie macht eine ambulante Therapie. Für diese Form entscheidet sich Marianne K. ganz bewusst, weil sie eigenverantwortlich handeln will. Heute, fünf Jahre später, besucht sie weiterhin eine Selbsthilfegruppe, hat aber kein Verlangen mehr nach Alkohol. Stattdessen gibt ihr ihr soziales Engagement als Kinderbetreuerin die nötige Stabilität und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Sie sagt klar und ohne Scham: „Ja, ich bin Alkoholikerin!“ – um das Thema öffentlich zu machen und anderen Mut zu machen, offensiv mit der Sucht umzugehen.

Christina Riße

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