Münchner Experte warnt vor Tetanus & Co.

Deshalb sind Impfungen so wichtig

München - Warum sind Impfungen so wichtig? Was tun, wenn der Impfpass weg ist? Welche Impfungen sind sinnvoll? Wir liefern den Überblick zum Thema.

Eigentlich ist es nur ein kleiner Pieks – aber er kann Leben retten. Trotzdem nehmen es viele Menschen mit dieser wichtigen Investition in ihre Gesundheit nicht so genau: „Mehr als die Hälfte der Deutschen haben Defizite beim Impfschutz“, schätzt der erfahrene Münchner Infektiologe Dr. Nikolaus Frühwein (59) und liefert die Begründung gleich mit: „Gesunde denken nun mal nicht so oft an Prävention.“ Warum solche Schluderei ein Fehler ist, welche Impfungen sinnvoll sind und in welchem Alter sie vorgenommen werden sollten – die tz liefert den Überblick.

Andreas Beez

Experte rät zu Impfungen

Der Mann ist Arzt und kein Schulmeister, deshalb formuliert Dr. Nikolaus Frühwein seinen Appell an die Münchner diplomatisch: „Es wäre toll, wenn jeder von uns mal wieder in seinen Impfpass schauen und – falls nötig – damit bei seinem Hausarzt vorbeischauen würde.“

Die Bitte des Präsidenten der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen hat einen ernsten Hintergrund: Zwar kommen schwere Erkrankungen wie Wundstarrkrampf, Diphtherie oder Keuchhusten bei uns kaum noch vor – dank moderner Impfverfahren. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die krankmachenden Bakterien vom Erdboden verschluckt worden wären. Impfmuffel können sich die Infektionen nach wie vor einhandeln – mit fatalen Folgen (siehe Artikel unten). Zumal manche Infektionskrankheiten hoch ansteckend sind.

Die wichtigsten Standardimpfungen (siehe Tabelle) werden von allen Kassen bezahlt. Dazu zählt auch die Grippeimpfung. Frühwein empfiehlt diesen Schutz Schwangeren sowie generell Menschen ab 60 Jahren – insbesondere, wenn sie an chronischen Herz- oder Lungenerkrankungen leiden. „Hier gibt es große Defizite und auch Vorbehalte in der Bevölkerung.“ Einer lautet: Manche Patienten seien erst durch die Impfung an Grippe erkrankt. „Diese Impfung ist eine sogenannte Totimpfung, sie beinhaltet keine lebenden Erreger. Sie kann also gar nicht krank machen“, erklärt Frühwein.

Generell seien Impfungen heutzutage für die Patienten relativ unproblematisch, sie müssen allenfalls „lokale Reaktionen“ in Kauf nehmen, etwa kurzzeitige Hautrötungen oder Muskelschmerzen. „Nebenwirkungen mit bleibenden Schäden wurden bereits seit Jahren nicht mehr gemeldet“, weiß Frühwein.

Wichtige Fragen rund um das Thema Impfen: Die Antworten

Was ist eigentlich ein Impfpass?

Dieses international standardisierte Dokument wird vom Arzt ausgestellt. Er trägt darin alle Impfungen und den jeweiligen Impfstoff ein. So kann jeder Mediziner überall auf der Welt nachschauen, ob sein Patient noch Impfschutz hat oder ob eine Auffrischung erforderlich ist. Wer eine Fernreise macht, der sollte eine Kopie in seinen Geldbeutel stecken. „Wenn das Reiseland allerdings Pflichtimpfungen vorschreibt, etwa gegen Gelbfieber, dann müssen Sie den Impfpass im Original mitnehmen“, so Dr. Frühwein.

Was kann ich unternehmen, wenn ich meinen Impfpass nicht mehr finde?

Dr. Frühwein: „In der Regel kann man davon ausgehen, dass alle Standard­impfungen im Kindesalter gemacht worden sind. Erwachsene können sich in der Arztpraxis erkundigen, wo sie früher geimpft worden sind. Normalerweise haben die Praxen die Daten mindestens zehn Jahre lang im Computer gespeichert.“ Wer in diesem Zeitraum nicht geimpft worden ist, der braucht zumindest gegen Wundstarrkrampf sowieso eine Auffrischung – am besten in Kombination mit den Impfstoffen gegen Diphtherie und gegen Keuchhusten.

Wie sollte ich reagieren, wenn die Arztpraxis verlangt, dass ich den Impfstoff selbst in der Apotheke besorge?

Am besten zu einem anderen Arzt gehen. Eine professionelle Praxis organisiert den Impfstoff selbst – schon allein, damit die wichtige Kühlkette eingehalten wird. Bei den Standardimpfungen müssen sich die Patienten der gesetzlichen Kassen nicht um die Abrechnung kümmern, das übernimmt wie gewohnt der Arzt.

Welche zusätzlichen Impfungen neben den Standardimpfungen sind empfehlenswert?

Dr. Frühwein: „Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wer beispielsweise viel in unserer oberbayerischen Natur unterwegs ist, der sollte eine Zeckenimpfung machen lassen.“ Die Insekten übertragen das ­FSME-Virus, welches das zentrale Nervensystem angreift. 2011 wurden in Deutschland 423 klinische Fälle gemeldet. Die Zeckenimpfung wird von der Krankenkasse übernommen.

Wer in tollwutgefährdeten Ländern beziehungsweise Regionen mit Hunden in Kontakt kommt, sollte sich sicherheitshalber impfen lassen. „Mit Tollwut ist nicht zu spaßen“, warnt Frühwein, „sie endet immer tödlich.“ Diese Impfung ist allerdings nicht ganz billig. Für die drei Spritzen innerhalb von drei bis vier Wochen werden circa 200 Euro fällig.

Welche Impfungen sollte man vor einer Fernreise machen lassen?

Dr. Frühwein: „Auf jeden Fall Hepatitis A, besser A und B. Alle anderen Impfungen sind davon abhängig, in welches Land Sie reisen und was Sie dort unternehmen wollen. Lassen Sie sich von einem Reisemediziner beraten! Außerdem empfiehlt es sich, vor der Reise noch einmal die Standardimpfungen zu überprüfen.“

Wie finde ich einen Reisemediziner in meiner Nähe?

Gute Tipps bietet das Forum Reisen und Medizin im Internet unter der Adresse frm-web.de. Auf der Homepage gibt es auch eine umfangreiche Adressliste von Ärzten, die sich in der Reisemedizin fortgebildet haben. Interessenten können die Spezialisten sogar nach Postleitzahlen suchen.

Gefährliche Krankheiten

Wundstarrkrampf? Diphtherie? Keuchhusten? Jeder hat schon mal davon gehört – aber nur wenige wissen, was es mit diesen schweren Erkrankungen auf sich hat. Lesen Sie mal, warum Sie beim Impfen besser nicht schludern sollten:

Wundstarrkrampf (Tetanus):

Verursacher ist das Bakterium Clostridium tetani. Es kommt fast überall vor – auch im Straßenstaub oder in der Gartenerde. Die fiesen Racker sondern Giftstoffe ab, die sich an den Nervenzellen ablagern. „Bezogen auf das Gewicht ist Tetanus das stärkste Gift, das wir kennen“, erläutert Dr. Frühwein. Zuerst spürt man Grippesymptome – Schweißausbrüche und Gliederschmerzen. Die Muskelkrämpfe werden immer schlimmer: im Gesicht so stark, dass eine Kieferklemme eintritt. Der Mund verkrampft bis hin zum sogenannten Teufelsgrinsen. Am Rücken kann es durch Überstreckung zu Wirbelbrüchen kommen. Die Giftstoffe schädigen das Herz – bis hin zum Tod. Trotz der vorhandenden Impfung sind weltweit 2009 fast 10 000 Menschen an Tetanus erkrankt, 4700 Babys starben daran. Immerhin: Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich.

Diphtherie:

Im Mittelalter wurde die Infektionskrankheit noch Rachenbräune genannt – die Farbe kommt von einem Mix aus abgestorbener Schleimhaut und Blutbestandteilen. Zunächst nisten sich Giftbakterien in den oberen Atemwegen ein. Von dort aus schwimmen sie im Blut zu anderen Organen, etwa Herz, Leber oder Niere. In manchen Fällen entzünden sich die Hirnnerven. Mögliche Symptome: eitrig-blutiger Schnupfen, Krustenbildung am Naseneingang, Geschwüre oder bellender Husten. Noch 1994 erkrankten in Russland 48 000 Menschen an Diphtherie. Sie kann durch Tröpfcheninfektion übertragen werden.

Keuchhusten:

Die Husten­attacken steigern sich bis hin zu regelrechten Anfällen. Diese können bei Säuglingen im Atemstillstand enden. Die Patienten leiden über Wochen – einige husten so heftig, dass sie sich dabei einen Leisten- oder Nabelbruch zuziehen. Während des Hustens spucken die Kranken oft glasigen Schleim, phasenweise müssen sie sich übergeben. Keuchhusten ist hoch ansteckend. Nach neuen Erkenntnissen sind auch zunehmend Ältere betroffen.

Der Impfkalender: Wann Sie zum Arzt gehen sollten

Die Tabelle basiert auf den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (StiKo) des Robert-Koch-Instituts

Zeitpunkt Impfung gegen:
Ab 2. Lebensmonat Diphtherie, Wundstarrkrampf (Tetanus), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten, Hepatitis B,

Erkrankungen durch Haemophilus influenzae b (Hib), Pneumokokken (Lungenentzündung)

Drei Kombinationsimpfungen im Abstand von mindestens vier Wochen, eine vierte Auffrischimpfung circa acht Monate nach der dritten Impfung

Ab 11. bis 14. Lebensmonat

Erste Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (Windpocken)

4. Auffrischimpfung, Diphtherie, Tetanus, Polio, Keuchhusten, Hepatitis B, HiB, Pneumokokken

Ab 12. Lebensmonat Meningokokken der Serogruppe 3 (Meningitis)
Ab 15. bis 23. Lebensmonat Masern, Mumps, Röteln
Ab 5. bis 6. Lebensjahr Auffrischimpfung Diphtherie, Wundstarrkrampf (Tetanus), Keuchhusten
Zwischen 9. und 17. Lebensjahr Auffrischimpfung Diphtherie, Wundstarrkrampf (Tetanus), Keuchhusten, Kinderlähmung
Zwischen 12. und 17. Lebensjahr

Nur für Mädchen: Humanes Papilloma Virus (HPV; Gebärmutterhalskrebs)

Drei Impfungen

Ab 18. Lebensjahr Diphtherie und Tetanus: Auffrischung alle zehn Jahre
Ab 60. Lebensjahr Pneumokokken, eine Impfung. Auffrischung alle sechs Jahre. Influenza (Grippe) jährlich

Erläuterungen und Ergänzungen: Bei Erwachsenen, die nach 1970 geboren worden sind, kann eine Auffrischimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln empfehlenswert sein – nämlich dann, wenn sie bislang noch keine zwei Impfungen erhalten haben. Generell empfiehlt Dr. Frühwein auch die FSME-Impfung (Zecken). Sie ist ab dem ersten Lebensjahr möglich. Quelle: Praxis Dr. Frühwein und Partner; www.drfruehwein.de

Rubriklistenbild: © dpa

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