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Lichtmangel und schlechtes Wetter können aufs Gemüt schlagen. Viele Menschen leiden unter einer Winterdepression. Foto: Julian Stratenschulte

In der grauen Glocke: Die Psyche im Wintertief

Frankfurt/Main (dpa) - Die Tage sind grau, die Straßen matschig. Bei Vielen sinkt im Winter die Laune mit den Temperaturen. Manchmal bleibt es aber nicht bei einem Stimmungstief: Ein Betroffener beschreibt seine Depression.

Auf den Fenstersims prasselt der Regen. Graue Nebelschleier trüben den Blick durch die beschlagene Scheibe. Noch bevor Hans Schmid morgens das warme Haus verlässt, kreisen seine Gedanken um das nasse und kalte Herbstwetter. Tief im Inneren fröstelt es den 46-Jährigen. Und mit der Kälte kommen der Frust und die Traurigkeit in Schmid hoch. Seit 15 Jahren leidet er an Depressionen. In der dunklen Jahreszeit sei es am schlimmsten, sagt er. "Am meisten fehlen mir die Sonne und die Wärme."

Schmid verfällt dann in eine Winterdepression. "Wenn es dunkel wird, macht das Leben eine Pause", erklärt er. Für den Frankfurter beginnt die Zeit der Isolation und des Rückzugs - stundenlang gerät der 46-Jährige manchmal ins Grübeln. "Ich fühle mich dann wie in einem Gedanken-Chaos gefangen", verrät er. "Die Zeit rennt davon, während ich am Tisch sitze und ins Leere starre."

Den passenden Vergleich zieht er mit einem Motor: "Man dreht sehr hoch, aber eigentlich ist es, wie wenn man im ersten Gang über die Autobahn fährt." Jeder noch so kleine Streit geht ihm tief unter die Haut, negative Erlebnisse quälen den Kommunikationsdesigner mehr als sonst. Die Psyche spiele solange verrückt, wie das schlechte Wetter anhalte, erklärt Schmid.

Thorsten Bracher, Psychiater und Chefarzt der Burghof-Klinik in Bad Nauheim, spricht in diesem Fall von einer saisonal abhängigen Depression. "Bestimmte Personen reagieren in der lichtarmen Jahreszeit mit einer depressiven Stimmungslage, Antriebsstörung und Freudlosigkeit", sagt er. Das kann sich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich auswirken: Betroffene klagen dem Psychologen zufolge über Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen oder Schlafstörungen.

Ulrike Brandi überrascht das nicht. Die Licht-Expertin aus Hamburg weiß, welche Auswirkung das Tageslicht auf das menschliche Gemüt hat. "Licht hat eine biologische Wirkung, die neben dem, was wir sehen, über das Auge aufgenommen wird." Das beeinflusst den Hormonhaushalt: Licht hemme die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Der Mensch fühle sich schlapp und könne sich schlechter konzentrieren. "Die Folge kann eine Depression sein", sagt Brandi.

Für Brandi gilt deshalb: Lieber einen Spaziergang bei trübem Wetter als einen Tag im beleuchteten Zimmer. Denn selbst eine Glühlampe kommt gegen die Stärke des Tageslichts, die nach ihren Angaben zwischen 10 000 und 20 000 Lux liegt, nicht an. Im Büro gelte bereits ein Zwanzigstel des Tageslicht-Wertes als ausreichend. Eine Alternative sei außerdem eine Lichttherapie, sagt Psychiater Bracher. "Lampen mit Tageslichtspektrum sind intensiv und ersetzen das Licht ein Stück".

Ein Einzelfall ist Hans Schmid nicht. Bei fast jedem Dritten sinkt im Winter die Stimmung in den Keller, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa und der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2009 zeigt. Sie hatten Menschen in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland befragt.

Der Kampf gegen die Depression ist für den 46-Jährigen aber nicht ausweglos. Sonnige Momente fängt er in einem geistigen "Marmeladenglas". "Wenn es draußen dunkel ist, rufe ich mir bewusst leuchtende Farben ins Gedächtnis und halte mir die Schönheit vor Augen." Am Ende des Tages zieht er ein Resümee: "In mein Notizbuch schreibe ich alle schönen Momente auf, dass ich mich im Notfall daran erinnere." Und mit diesen Gedanken legt sich Hans Schmid schlafen - und wartet darauf, dass am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen in sein Zimmer fallen.

Service:

Selbsthilfegruppen sind im Netz bei www.depressionsliga.de oder www.nakos.de zu finden.

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