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Tausende mögliche Kinder. Die Samenspenden werden in Behältern mit flüssigem Stickstoff aufbewahrt.

Die Cryobank im Portrait

In Solln müssen Samenspender vor allem eines sein: durchschnittlich

Keine eigenen Kinder haben und trotzdem Vater sein – als Samenspender. Die Cryobank in Solln bringt auf diese Weise etwa 90 Kinder pro Jahr auf den Weg. Die Spender werden sorgfältig ausgewählt und müssen damit leben, das Kind wohl niemals kennenzulernen.

München - In den grauen Metalltanks lagert in flüssigem Stickstoff die Hoffnung vieler kinderloser Paare: eingefrorene Samenproben mit auffälligen Decknamen. „Klopp“ oder „Bond“ steht auf kleinen Etiketten. Mit den Spendern haben die prominenten Namen freilich nichts zu tun. Im Gegenteil. Wer bei der Cryobank in Solln Spender werden will, muss vor allem eines sein: besonders durchschnittlich.

Für die Bewerbung als Samenspender ist ein Foto notwendig, manchmal ist es sogar ausschlaggebend. „Wir suchen vor allem durchschnittliche Gesichter ohne auffallende Nase oder viele Muttermale“, sagt Geschäftsführerin Constanze Bleichrodt. Solche Merkmale könnten nämlich dazu führen, dass sich Eltern und Kind besonders unähnlich sehen, und das will man vermeiden.

Manche Frauen bringen ihren eigenen Spender aus dem Bekanntenkreis mit

Pro Monat bewerben sich um die 20 Männer bei der Cryobank an der Wolfratshauser Straße in Solln. „Davon kommt aber nur jeder Fünfte oder Sechste infrage“, sagt Bleichrodt . Die Anforderungen an die Spender sind hoch. Die Bewerber müssen zwischen 20 und 45 Jahren alt und gesund sein. Mithilfe von Blut-, Urin- und Gentests werden Infektions- und Erbkrankheiten ausgeschlossen. Besonders wichtig ist aber die Spermaprobe. Unter dem Mikroskop zählen Mitarbeiter, wie viele Spermien in einer Probe enthalten und auch fit genug für den Weg zur Eizelle sind.

Der etwas andere Weg zum Kind: Chefin Constanze Bleichrodt zeigt zwei Röhrchen mit frischen Samenspenden.

Die meisten Bewerber erfüllen die notwendigen Kriterien nicht. „Das heißt aber nicht, dass die Männer unfruchtbar sind. Nur für die Samenspende reicht es nicht“, sagt Bleichrodt. Die Spermienqualität ist am besten, wenn der Spender zuvor vier Tage enthaltsam war. Die meisten Spender sind Single, andere aber auch in einer Beziehung. Manch leidenschaftliches Liebesleben mache eine Spende letztlich unmöglich, erzählt Bleichrodt.

Nach erfolgreicher Bewerbung und ersten Tests stehen weitere zehn Termine an, sodass sich die Spende über ein halbes Jahr erstreckt. Der Aufwand wird pro Spende mit 80 Euro entschädigt. Das Geld ist aber selten der Grund, Samen zu spenden. Die meisten kennen Paare mit Kinderwunsch, bei denen es nicht klappt. „Die ein oder andere Frau hat auch schon ihren eigenen Spender aus dem Umfeld mitgebracht“, erzählt Bleichrodt.

Für die Spende müssen die Männer in den Keller. Der Raum ist schlicht, weiß gefliest. „Wir hatten natürlich schon überlegt, das anregender zu gestalten“, sagt Bleichrodt. „Rote Wände oder eine Ledercouch haben dann aber mit dem eigentlichen Ziel der Samenspende nicht mehr viel zu tun.“ Die Spender geben sich daher mit einer kleinen Sitzmöglichkeit und Erotik-DVDs zufrieden. „Die Männer haben sich noch nie beschwert“, sagt Bleichrodt. Dafür sind aber schon einige DVDs verschwunden.

Die Cryobank München gibt es seit 1983. Constanze Bleichrodt hat die Leitung vor einigen Jahren von ihrem Vater übernommen. Eigentlich wollte die Diplom-Psychologin einen anderen beruflichen Weg wählen. Nun also bringt sie Paare mit Kinderwunsch und Samenspender zusammen.

In Solln läuft es anders als etwa in den USA. „Es ist abstrus, dass die Spender dort IQ-Tests durchlaufen müssen und sich Eltern gezielt Spender aussuchen, die wie Promis aussehen. Das läuft eher nach dem Motto: Ich back mir mein eigenes Wunschkind“, sagt Bleichrodt. „Uns ist wichtig, dass das Kind gesund ist. Für die meisten Eltern ist das auch das Wichtigste.“ Ein Führungs- oder Abschlusszeugnis, das mancher Bewerber mitbringt, spielt keine Rolle. Im ausführlichen Gespräch geht es Bleichrodt vielmehr um den Gesamteindruck des möglichen Spenders.

Die Kinder haben das Recht, den namen des biologischen Vaters zu erfahren

„Es ist wichtig, dass man sich Gedanken über die Konsequenzen der Samenspende gemacht hat“, sagt Bleichrodt. „Es könnte schließlich sein, dass später mal ein eigenes Kind irgendwo herumläuft. Damit muss man klarkommen.“ Die Samenspende läuft grundsätzlich anonym ab. Paare und Spender kennen sich nicht. Die meisten zukünftigen Eltern wollen auch gar kein Bild vom Spender haben.

Trotzdem können sich Kind und Spender später kennenlernen. Vor einem Jahr entschied der Bundesgerichtshof, dass auch minderjährige Kinder ein Recht darauf haben, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren. Davon haben bislang aber nur wenige Gebrauch gemacht. „Interessant ist, dass vor allem Mädchen auf uns zukommen“, sagt Bleichrodt. Spender haben dieses Recht nicht. In Einzelfällen seien auch Spender am Status quo ihrer Spermien interessiert, sagt Bleichrodt. „Da geben wir aber keine Details raus. Wir formulieren das dann so, dass die Probe erfolgreich im Einsatz ist.“

Rein theoretisch könnte ein Spender auch unterhaltspflichtig werden. Dazu müsste das Kind allerdings erst die Vaterschaft des Ziehvaters anfechten. „Bisher gab es noch nie solch eine Klage“, sagt Bleichrodt. „Ich glaube aber auch nicht, dass dem stattgegeben würde. Sonst ist die Samenspende tot.“ Bei der Cryobank müssen die Empfänger der Samenspende im Vertrag vorsorglich eine Klausel unterschreiben, mit der sie den Spender von eventuellen Kosten freisprechen.

Etwa 90 Kinder bringt die Cryobank jährlich hervor. Immer wieder entsteht ein langjähriger Kontakt mit den Eltern. Bleichrodt: „Wir fiebern schon ein wenig mit und freuen uns, wenn wir später Kinderfotos bekommen.“

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