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Kaiserschnitt: Jedes dritte Baby kommt per Operation zur Welt.

Geplant oder natürlich?

Ärzte warnen vor Kaiserschnitt

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München - Jedes dritte Baby in Deutschland wird mittlerweile per Kaiserschnitt geboren. Nur die Hälfte dieser Operationen ist wirklich medizinisch notwendig.

Vor 100 Jahren war der Bauchschnitt, der jeder zweiten Gebärenden das Leben kostete, das allerletzte Notmittel. „Heutzutage hat sich in der ­Öffentlichkeit der Eindruck verfestigt, man könne zwischen zwei Wegen der Geburt wählen“, ist der Eindruck von Professor Frank Louwen von der Uniklinik Frankfurt. Auch für ihn ist der Kaiserschnitt, wenn das Leben von Mutter und Kind gefährdet ist, ein sehr sicherer und ungemein hilf­reicher Eingriff. Dennoch warnte er nun auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München vor einem allzu unbekümmerten Umgang mit der sectio caesarea – denn für Mutter und Kind habe diese Art der Geburt gravierende Nachteile.

Sie sehen besonders den Kaiserschnitt auf Wunsch als problematisch an. Warum?

Prof. Frank Louwen: Die sectio auf Wunsch wird gern in der 38. Schwangerschaftswoche geplant. Das Baby gilt nicht mehr als Frühgeburt, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass die natürliche Geburt dem Kaiserschnitt zuvorkommt. Doch die Datenlage hat sich dramatisch verändert, neue Studien zeigen große Risiken in der Sterblichkeit und Krankheitsanfälligkeit für Mutter und Kind. Am wenigsten Nachteile hat ein Kaiserschnitt, der erst dann vorgenommen wird, wenn die 40. Woche erreicht wurde oder die Wehen schon begonnen haben. Wir haben im letzten Jahr viele Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte organisiert, und ich gehe davon aus, dass ein geplanter Kaiserschnitt in vielen Kliniken jetzt auf einen späteren Termin gelegt wird.

Was genau sind diese Risiken, von denen Sie sprechen?

Louwen: Nach einem Kaiserschnitt bei einer gesunden Frau und einem gesunden Kind ohne medizinische Notwendigkeit ist die Zahl der akut kranken Kinder höher als nach einer Spontangeburt. Es haben z. B. mehr Babys eine Atemanpassungsstörung und müssen auf der Kinderintensivstation versorgt werden. Neuere Daten zeigen jedoch auch, dass die Babys langfristig gefährdeter sind, Diabetes mellitus, Allergien und Zöliakie zu bekommen.

Hat man eine Erklärung dafür?

Louwen: Nein, es gibt natürlich Vermutungen. Ein Baby im Bauch der Mutter ist in steriler Umgebung. Auf seinem Weg durch den Geburtskanal wird es normalerweise zuerst mit den Bakterien der Mutter besiedelt, gleichzeitig bekommt es von ihr die Antikörper mit, den sogenannten Nestschutz. Ein Baby, das per Kaiserschnitt geboren wird, kommt nicht zuerst mit seiner Mutter, sondern mit dem Arzt oder der Kinderkrankenschwester und deren Bakterien in Kontakt.

Was sind die Risiken für die ­Mütter?

Louwen: Es gibt ganz typische Probleme. Da für einen Kaiserschnitt die Bauchdecke und die Gebärmutter eröffnet werden müssen, gibt es nach dieser Entbindung immer Schmerzen. Es gibt Frauen, die einen Kaiserschnitt wünschen, weil sie den Geburtsschmerz fürchten. Diesen Frauen muss man sagen, dass sie die Schmerzen nur auf die Zeit danach verschieben. Eine Mutter im Wochenbett hat immer ein erhöhtes Thrombose- und Embolierisiko. Dieses Risiko erhöht sich nach einem Kaiserschnitt nochmals. Die Rückbildung der Gebärmutter und die Stillphase sind häufig gestört. Diesen Frauen fehlt das Hormon Oxytocin, das während einer natürlichen Geburt massenhaft ausgeschüttet wird, außerdem hemmen die Schmerzen die weitere Ausschüttung. Nicht zuletzt gibt es ein erhöhtes Risiko für alle folgenden Schwangerschaften. Selten reißt die Narbe, aber häufiger kommt es zu einem falschen Sitz der Plazenta, was für Mutter und Kind lebensbedrohliche Blutungen zur Folge haben kann.

Es heißt, ein Kaiserschnitt sei schonender für den Beckenboden.

Louwen: Eine Beckenbodensenkung ist schwangerschaftsbedingt und kann durch einen Kaiserschnitt nicht verhindert werden. Allerdings gibt es Daten, dass eine verlängerte Geburtsdauer in der Phase, in der das Kind durch den Gebärkanal tritt, später häufiger zu Komplikationen im Beckenboden und zu Inkontinenzproblemen führen kann.

Es gibt ja auch zwingende Gründe für einen Kaiserschnitt.

Louwen: Natürlich. Er ist immer dann eine gute Geburtsmethode, wenn die Gesundheit von Mutter und Kind durch eine natürliche Entbindung gefährdet ist. Doch wenn eine Schwangere ohne medizinische Indikation einen Kaiserschnitt möchte, sollte sie wissen, dass der Eingriff selbst zwar sehr sicher durchgeführt werden kann, dass sie damit aber vermeidbare Risiken für sich und ihr Kind in Kauf nimmt, ganz akut, für das weitere Leben und für folgende Schwangerschaften. Diese relativ neuen Erkenntnisse sollten bei der Aufklärung und der Entscheidung berücksichtigt werden.

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Mehr Zeit im Mutterleib macht die Kinder schlauer

Es geht nur um zwei, drei Wochen mehr oder weniger, die Babys im Bauch der Mutter Zeit zur Entwicklung hatten. Und doch wirkt sich das auf die späteren Leistungen in der Schule aus. Eine amerikanische Studie hat Schulkinder untersucht, die zwischen der 37. und 40. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Beobachtet wurden 128.000 Kinder an öffentlichen New Yorker Schulen. Die Drittklässler, die früher ins Leben gestartet waren, hatten häufiger Schwierigkeiten beim Lesen und Rechnen. Die Forscher stuften Kaiserschnitte demnach als Risiko ein, ähnlich wie Rauchen in der Schwangerschaft, geringes Geburtsgewicht oder unzureichende Versorgung vor der Geburt.

Wann ein Kaiserschnitt nötig wird:

Nach der Geburt wird der Säugling gemessen.

Ein Kaiserschnitt muss z.B. erfolgen bei: Querlage des Kindes, einem absolutem Missverhältnis zwischen kindlichem Kopf und mütterlichem Becken, einem (drohender) Gebärmutterriss, vorzeitiger Plazentaablösung, Nabelschnurvorfall und bei ungleicher Versorgung von Mehrlingen. Diese zwingenden Gründe machen nur zehn Prozent aller Schnittentbindungen aus. Bei den übrigen 90 Prozent liegt eine relative Indikation vor, das heißt bei Abwägung der Risiken entscheiden sich Arzt und Schwangere für die Operation. Die häufigsten Gründe sind die Beckenendlage, ein sehr schweres Baby, eine Mehrlingsschwangerschaft oder Geburtsstillstand und Erschöpfung der Mutter. (Quelle: Leitlinien der DGGG)

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