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Verschreiben die Ärzte zu viele Medikamente, müssen sie im schlimmsten Fall einen Teil der Kosten selbst zahlen. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns hält die Prüfverfahren für willkürlich und fordert die Aussetzung.

Medikamente

Kassenärzte fordern Ende der Regress-Strafen

München - Wenn Ärzte zu viele oder zu teure Medikamente verschreiben, drohen ihnen Strafen. Bayerns Mediziner kritisieren das Verfahren und sehen durch die Regresse die Versorgung in Gefahr.

Rund vier Milliarden Euro geben Bayerns Krankenkassen im Jahr für Arzneimittel aus. Damit die Kosten nicht explodieren, darf ein niedergelassener Arzt nur ungefähr so viele Medikamente verschreiben wie seine Fachkollegen. Dazu werden in jedem Quartal die Durchschnittskosten in den einzelnen Arztgruppen ermittelt. Liegt die Praxis deutlich über den Vergleichswerten, wird ein Prüfverfahren eingeleitet. Im schlimmsten Fall muss die Praxis einen Teil der Kosten zurückzahlen.

„Bei jeder Verordnung sitzt den Ärzten die Angst vor Regressen im Nacken“, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), Wolfgang Krombholz. Die Furcht, für Arzneikosten haftbar gemacht zu werden, schrecke gerade junge Mediziner ab, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen, so Krombholz. „Daher sind Regresse eine Gefahr für die Versorgung der Patienten in Bayern.“

Krombholz forderte die sofortige Abschaffung der Regress-Strafen. Die Wirtschaftlichkeitsprüfung sei willkürlich und treffe meist die Falschen. „Die vom Gesetzgeber vorgegebenen Regeln passen nicht mehr zur Wirklichkeit“, so der KVB-Chef. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Durchschnittswerte als Grundlage für die Einleitung eines Prüfverfahrens. So gebe es Hausarztpraxen, die nur sehr wenige Medikamente verschreiben, weil sie sich etwa auf Psychotherapie spezialisiert haben. Dies drücke jedoch den Durchschnitt.

Auch Hausärzte auf dem Land, die nicht jeden Versicherten gleich an den Facharzt weiterverweisen würden, seien oftmals von Prüfungen betroffen, klagte Krombholz. „Je konsequenter der hausärztliche Versorgungsauftrag übernommen wird, umso wahrscheinlicher wird man bestraft.“

Statt die Ärzte mit überflüssigen Prüfverfahren zu überziehen, sollten die Krankenkassen an anderer Stelle sparen. „Bei den Arzneimittelpreisen ist Deutschland ein absolutes Hochpreisland.“ Vor allem die innovativen Medikamente treiben die Ausgaben nach oben. Auf die Preispolitik der Pharmakonzerne hätten die Ärzte allerdings keinen Einfluss, sagte Krombholz. Auch der Missbrauch bei Versichertenkarten – manche Chipkarte wurde in einem Quartal bei über 60 Ärzten eingesetzt – werde nur schleppend bekämpft. Die KVB schätzte den bundesweiten Schaden durch Kartenmissbrauch auf bis zu eine Milliarde Euro. Allerdings dürfte sich das Problem, dass gestohlene Versichertenkarten weiter eingesetzt werden, durch das neue Foto auf der Chipkarte deutlich verringern.

Bayerns Krankenkassen wiesen die Kritik an den Prüfverfahren zurück. Das Verfahren sorge für den „sorgsamen Umgang mit Versichertengeldern“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Kassenverbände. Im Jahr 2010 seien nur 207 Mediziner in Bayern in Regress genommen worden, betonten die Kassen. Dies entspreche gerade mal 0,7 Prozent der Vertragsärzte.

„Die Ängste werden durch die überzogene Darstellung bewusst geschürt“, sagte Georg Engelhard, zuständig für die Wirtschaftlichkeitsprüfung bei der Techniker Krankenkasse in Bayern. Engelhard forderte eine sachliche Debatte. „Gründe, Patienten wichtige Verordnungen unter Hinweis auf drohende Regresse vorzuenthalten, gibt es schlicht nicht.“

Krombholz warnte dagegen vor einer Verharmlosung der Regress-Strafen. Auch wenn letztendlich nur wenige Regresse eingeleitet wurden – „allein 2010 wurden knapp 1000 Hausärzte mit einem Prüfverfahren konfrontiert“, sagte Krombholz. Für viele Mediziner sei es ein Schock, wenn ihnen mit der Rückzahlung von zehntausenden Euro gedroht werde.

Steffen Habit

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