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Die Mammografie macht den Krebs sichtbar: Prof. Nadia Harbeck zeigt Marianne von der Höh, wo der Knoten saß.

STIEFS Sprechstunde

Keine Chemo dank Prognosetest

Bis zu 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebs können geheilt werden – auch dank Chemotherapie. Doch nicht immer ist diese sinnvoll. Tests helfen, unnötige Therapien zu vermeiden. Sie sind aber noch immer nicht Standard.

Marianne von der Höh ist eine schlanke, dynamische Frau Mitte 60. Sie trägt eine dunkelrote Lederjacke. Das volle Haar fällt ihr in Wellen über die Schultern. Dass sie Brustkrebs hat, sieht ihr niemand an – dank modernster Methoden. Sie konnten ihr eine Chemo ersparen. Im Gegensatz zu vielen ihrer Leidensgenossinnen. Spezielle Tests könnten zwar auch bei ihnen zeigen, ob eine Chemo sinnvoll ist. Doch werden sie nicht jeder Patientin angeboten. Brustkrebsexpertin Prof. Nadia Harbeck ist sich sicher: „Sie könnten jedes Jahr etwa 10.000 Patientinnen in Deutschland eine Chemo ersparen.“ Und damit eine Menge unnötiger Strapazen – und auch Kosten. Doch nicht alle Krankenkassen zahlen die Tests.

"Viele haben vor der Chemo mehr Angst als vor der Operation"

„Ich war schon sehr froh, dass ich meine Haare behalten konnte“, erzählt Marianne von der Höh. Wenn es um Leben und Tod geht, mag das unbedeutend scheinen. Dennoch: „Viele Patientinnen leiden erstmal sehr unter dem Haarverlust“, sagt Prof. Nadia Harbeck, Leitung des Brustzentrums des Klinikums der Universität München. Und der ist auch heute noch die Folge vieler Chemotherapien. Für die Patientinnen bedeutet dies auch: Jeder sieht ihnen ihre Erkrankung sofort an.

Doch dabei bleibt es nicht: Die Frauen fühlen sich erschöpft, Fingerkuppen verlieren an Feingefühl. Denn auch die Nerven leiden im harten Kampf gegen den Krebs. Bei jungen Frauen werden oft die Eierstöcke geschädigt. Selbst wenn moderne Medikamente helfen, Nebenwirkungen wie die Übelkeit zu vermeiden: Eine Chemotherapie bedeutet harte Monate. „Viele haben davor mehr Angst als vor der Operation“, sagt Harbeck. Haben sie sich erst mal entschieden, gingen die meisten aber tapfer durch die strapaziöse Zeit. Denn sie wissen: Die Chemo rettet vielleicht ihr Leben.

"70 bis 80 Prozent der Patientinnen werden geheilt"

Auch Marianne von der Höh dachte sofort an eine mögliche Chemotherapie, als sie die Diagnose bekam – und hätte diese, wenn nötig, auf sich genommen. Den Knoten in ihrer Brust hatte sie dabei selbst ertastet – wie zwei von drei Frauen. Trotz Mammografie und Tastuntersuchung beim Frauenarzt, entdecken viele den Tumor in ihrer Brust selbst. Auch Marianne von der Höh fühlte plötzlich an der Seite ihrer rechten Brust eine Veränderung. Sie ging zum Arzt, obwohl sie an eine Zyste dachte. „Genau richtig“, bestätigt Harbeck. Denn auch wenn längst nicht jeder Knoten in der Brust bösartig ist: Er kann es immer sein.

Bei von der Höh war er bösartig. Um das herauszufinden, machte der Arzt eine Biopsie, entnahm also eine Gewebeprobe. Im Brustzentrum des Uniklinikums erhielt sie rasch die Diagnose, die etwa jede zehnte Frau in ihrem Leben trifft: Brustkrebs. Der Boden schien zu wanken. „Doch man hat mich wunderbar aufgefangen“, sagt von der Höh. „Die Versorgung ist toll, man fühlt sich aufgehoben, fast wie in einer Familie.“ Ihre Ärztin Dr. Rachel Würstlein konnte ihr sofort Hoffnung machen. Metastasen waren keine zu finden. Auch die Gewebeprobe ließ erkennen: Ihre Chancen standen sehr gut. Denn Brustkrebs ist keineswegs immer tödlich. „70 bis 80 Prozent der Patientinnen werden geheilt“, sagt Harbeck. Doch steht ihnen häufig erstmal eine schwere Zeit bevor. Denn oft gehört zur Therapie eine Chemo, auch wenn der Krebs in einem frühen Stadium ist. Sie senkt das Risiko für einen Rückfall und die gefürchteten Metastasen. Denn hat der Tumor erst mal solche Absiedelungen gebildet, gibt es kaum noch Aussicht auf Heilung.

Mit Prognosetests hilfreich, aber nur in frühem Stadium

Um zu entscheiden, ob eine Chemo sinnvoll ist, werden die Krebszellen genau unter die Lupe genommen. Denn auch bösartige Zellen unterscheiden sich. Die einen reagieren etwa auf Hormone, andere auf bestimmte Wachstumsfaktoren. Eine Rolle spielt zudem der Entartungsgrad. Er gibt an, wie stark sich die Zellen vom Ursprungsgewebe unterscheiden. Ist der Krebs sehr aggressiv, raten Experten in jedem Fall zu einer Chemo. Ist er wenig aggressiv, kann man darauf verzichten. Unklar ist dies, wenn der Krebs mittelgradig aggressiv ist – wie bei von der Höh. Dann können Prognosetests helfen, die etwa bestimmte Tumorgene untersuchen.

Harbeck ist Expertin auf diesem Gebiet und hat selbst bei der Entwicklung eines Prognosetests mitgearbeitet. „Die Tests sind sehr zuverlässig“, sagt sie. Eine Vorhersage erlauben diese allerdings nur, wenn der Krebs in einem frühen Stadium erkannt wird, etwa noch keine oder nur wenige Lymphknoten befallen hat.

Bei Marianne von der Höh genügte eine Antihormon-Therapie

Im Uniklinikum geht man in einer Studie noch einen Schritt über die Tests hinaus, um das Risiko einzuschätzen: Die Patientinnen erhalten bereits vor der Operation Medikamente, die das Wachstum des Tumors hemmen. Nach der Operation werden die Krebszellen dann untersucht. So lässt sich erkennen, wie gut die Medikamente wirken. Marianne von der Höh erhielt drei Wochen lang eine Antihormon-Therapie, bevor sie operiert wurde. Denn ihr Tumor war hormonempfindlich.

„Die Krebszellen haben hervorragend angesprochen“, sagt von der Höh. Der Tumor wuchs kaum mehr. Hinzu kam die gute Einschätzung des Prognosetests. Die Folgerung der Ärzte: Nach der OP genügt eine Antihormon-Therapie. Von der Höh muss sie mindestens fünf Jahre lang einnehmen. Manchmal sind ihre Muskeln etwas steif, wohl eine Nebenwirkung der Mittel. Doch sonst fühlt sie sich fit – und genießt das Leben. „Was ich früher aufgeschoben oder mir nicht gegönnt habe, das packe ich jetzt viel öfter an“, sagt sie. Auch wenn sie weiß: Ihre Aussichten, dass sie den Krebs überwunden hat, sind hervorragend – auch ohne Chemo.

Von Sonja Gibis

Moderne Brustkrebstherapie: Gezielt gegen jede bösartige Zelle

Krebs ist nicht gleich Krebs – und Tumor nicht gleich Tumor. Die Krebsforschung weiß das längst und arbeitet mit Nachdruck daran, die jeweiligen Eigenarten ihres Feindes in Schwachstellen zu verwandeln. Moderne Therapien, etwa mit Antikörpern, treffen die bösartigen Zellen daher immer gezielter – auch bei Brustkrebs.

Wie gut die Aussichten sind, entscheidet zunächst das Stadium der Erkrankung. So ist ein Tumor in der Brust in einem frühen Stadium, wenn der Krebs noch lokal begrenzt ist, meist gut heilbar. Anders, wenn er einmal viele entfernte Lymphknoten befallen oder sogar Metastasen in anderen Bereichen des Körpers gebildet hat. Dann lässt sich die Erkrankung meist nur noch kontrollieren. Daher raten Experten dazu, die Angebote zur Früherkennung unbedingt wahrzunehmen.

Antihormon-Therapien sinnvoll, falls Tumorzellen hormonempfindlich sind

Doch entscheidet nicht nur das Stadium über die Aussichten: „Auch die Biologie der Tumorzellen ist wichtig, um Aussagen zu machen“, sagt Prof. Nadia Harbeck. So lässt sich etwa feststellen, ob diese hormonempfindlich sind, das Wachstum also von weiblichen Geschlechtshormonen beeinflusst wird. Ist das der Fall, gibt es heute Antihormon-Therapien, die das Wachstum hemmen. Auf der Oberfläche mancher Krebszellen findet sich indes der Rezeptor für einen bestimmten Wachstumsfaktor in großer Zahl, HER2 genannt. Ist der Krebs HER2-positiv, wächst er besonders schnell. Doch gibt es eine Antikörper-Therapie, die genau hier ansetzt.

Auch Bestrahlung und Chemotherapie haben in der Brustkrebs-Behandlung einen wichtigen Platz: Sie werden heute nicht nur eingesetzt, wenn der Krebs fortgeschritten ist. Im Gegenteil: Als adjuvante Therapie unterstützen sie die Heilung, indem sie einzelne versprengte Krebszellen abtöten und so einem Rückfall vorbeugen.

Tumorprobe muss in die USA verschickt werden

Teil der Therapien sind zudem immer öfter Tests, die eine Voraussage über den Verlauf der Krankheit erlauben. Diese lassen allerdings nur eine Aussage zu, wenn sich der Krebs in einem frühen Stadium befindet. „Doch ist das bei etwa der Hälfte der Patientinnen der Fall“, sagt Harbeck. Als zuverlässig gilt etwa der Onkotype-DX. Er wird bei hormonempfindlichem Brustkrebs eingesetzt, dessen HER2-Status negativ ist. Der Test untersucht das Erbgut des Tumors und gibt die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls innerhalb von zehn Jahren an. Zudem zeigt er, ob eine Chemotherapie nötig ist. Da der Test allerdings nur im Labor des Herstellers durchgeführt wird, muss eine Tumorprobe in die USA verschickt werden.

Inzwischen gibt es aber auch weitere zuverlässige Tests, die Voraussagen erlauben, etwa EndoPredict oder Femtelle. In den USA sind Prognosetests bereits Standard. In Deutschland werden sie dagegen noch nicht flächendeckend angeboten, da manche Krankenkassen die Übernahme verweigern.

Von Tests, bei denen Tumorzellen in vitro im Reagenzglas gezüchtet und dann einem Chemotherapeutikum ausgesetzt werden, rät Harbeck allerdings ab. Denn im Organismus verhalten sich die Zellen oft ganz anders.

Patientinnen werden nicht sofort operiert

Jedes Stadium und jede Tumorart erfordert eine angepasste Therapie. Dies macht die Behandlung heute äußerst komplex. Erfahrung damit hat man vor allem an zertifizierten Brustzentren, an denen Experten aller Fachrichtungen gemeinsam die beste Therapie für jede einzelne Patientin festlegen. Hier sind Patientinnen auf jeden Fall an der richtigen Adresse. Die neusten vielversprechenden Medikamente und Therapien erhalten sie vor allem an Unikliniken im Rahmen medizinischer Studien. So erhalten die Patientinnen in der ADAPT-Studie in Brustzentrum des Klinikums der Universität München Antihormon-Mittel oder Antikörper als neoadjuvante Therapie, das heißt bereits vor der OP. „So kann man etwas über die Biologie des Tumors lernen“, erklärt Harbeck. Diese Informationen sind später wichtig, um ihn langfristig erfolgreich zu bekämpfen. Für die Patientinnen bedeutet das: Sie werden nicht sofort operiert. In anderen Studien warten sie während einer Chemotherapie sogar Monate auf die OP, was für manche belastend sein kann. Denn nach der Diagnose reagieren viele reflexartig mit dem Wunsch: So schnell wie möglich raus damit! „Hier ist ein Umdenken nötig“, sagt Harbeck. Denn ein bisschen Geduld kann die Chancen auf Heilung deutlich verbessern.

Dies zeigen auch die Erfolge an der Uniklink. Harbeck hofft, dass auch die Ergebnisse der ADAPT-Studie bald in die Standard-Therapie einfließen. „Die Tendenz geht dahin, Übertherapie zu verhindern“, sagt die Expertin. Etwa eine unnötige Chemo.

sog

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