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Der italienische Fußballstar Balotelli hat sie leuchtend blau auf dem breiten Rücken. Das Tape reizt die Rezeptoren der Haut, die Wahrnehmung von Schmerz wird gedämpft. Muskeln können sich entspannen, die ganze Körperregion wird wieder beweglicher

Dem Schmerz eine kleben

Der italienische Fußballstar Balotelli hat sie leuchtend blau auf dem breiten Rücken, die Tennisspielerin Serena Williams trägt sie auf der Wade und auch die Kollegin in der Redaktion ist plötzlich auffallend pink und schwarz am Knie.

Es handelt sich nicht um moderne Kriegsbemalung, sondern um kinesiologische Tapes. In Japan werden damit schon seit 30 Jahren Muskelverspannungen, Schmerzen, aber auch Probleme wie Schwellungen und heftige Blutergüsse behandelt. Das Tapen kann auch Beschwerden bei Rheuma, Arthrose, während der Schwangerschaft oder nach einer Operation lindern.

Physiotherapeut für Leistungssportler Siegfried Breitenbach

Der Sportphysiotherapeut Siegfried Breitenbach (52) aus Wiesthal betreute 20 Jahre lang die deutsche Triahtlon-Nationalmannschaft und war Mitglied des Deutschen Olympiateams in Sydney und Athen. Bereits bei den Spielen im Jahr 2000 wurde er zum ersten Mal auf diese Tapes aus Japan aufmerksam. Er ließ sich beim Erfinder, dem japanischen Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase, selbst ausbilden und schult heute weltweit mit seinem Team dieses Taping und ist somit einer der westlichen Pioniere für diese Methode. Hier erklärt er, was die Tapes bewirken und was nicht.

Wofür wurden kinesiologische Tapes erfunden?

Siegfried Breitenbach: Der Erfinder Dr. Kenzo Kase kannte als Chiropraktiker das Problem, dass sich der Patient unmittelbar nach der Behandlung besser fühlt, der Effekt jedoch oft schnell nachlässt und die alten Probleme wieder da sind. Mit den speziellen Tapes hält die Wirkung der Therapie länger an. Sie können somit die Behandlung sinnvoll unterstützen, jedoch soll immer eine sorgfältige Untersuchung und Diagnose vor der Anlage erfolgen. Bei herkömmlichen Tapes wurden die Gelenke meist funktionell unterstützt oder auch bewusst versteift. Das kinesiologische Tape arbeitet ganz anders, es besteht aus weichem Baumwoll­material und kann durch die richtige Anlage dem Körper helfen, seinen natürlichen Bewegungsablauf wiederzufinden.

Wie wirken die Tapes?

Breitenbach: Das Besondere ist, dass die Tapes der menschlichen Haut ähneln. Sie sind ähnlich dick, schwer und elastisch. Je nachdem wie sie aufgeklebt werden, entspannen oder spannen sie die Haut und Muskeln oder das Gewebe. Diese Bänder sind wie eine zweite Haut und setzen so ganz verschiedene Reize und verändern sanft Muskeln und Gewebe. Sie regen z.B. Durchblutung und Lymphabfluss an. Nicht anders, als ich das bei einer Behandlung mit meinen Händen mache. Aber diese Bänder wirken 24 Stunden am Tag, mehrere Wochen lang. Dadurch hat man permanent die gewünschten Einflüsse auf die Muskelaktivität und über die Rezeptoren in der Haut auf das Nervensystem – und nimmt so selbst Einfluss auf innere Organe.

Klebt man dort, wo es wehtut?

Breitenbach: Schmerz ist sehr wichtig, denn er macht uns Probleme im Körper bewusst. Immer mehr setzt sich der Gedanke dabei durch, dass der Körper ganzheitlich betrachtet werden sollte. Die moderne Faszien-(Gewebe)-Forschung bestätigt, dass alle Strukturen des Körpers miteinander in Verbindung sind. Ein Schulterschmerz muss nicht unbedingt aus einer verletzten oder überlasteten Schulter herrühren, er kann dorthin projiziert worden sein. Der Therapeut muss die Ursache finden. Wenn ich diesen Schlüsselpunkt finde, und dem Körper dort den richtigen Impuls gebe, kann ich seine Selbstheilungskräfte aktivieren. Die Muskeln wurden lange Zeit nur isoliert als Bewegungsinstrumente für den Körper angesehen, dabei geschieht viel mehr: Bei jeder Bewegung entsteht Wärme, die unser Stoffwechsel für seine Funktion benötigt.

Jede Bewegung unterstützt die Gefäße, deren Funktion wichtig für den Transport von Nährstoffen und den Abtransport von Abfallprodukten innerhalb der Gewebe ist. Wichtige Hormone werden vor allem bei Bewegung ausgeschüttet. Schmerzt die Bewegung, wird der Patient sich weniger bewegen, ein Teufelskreis entsteht, den ich mithilfe der Bänder wirkungsvoll durchbrechen kann.

Kann man den Schmerz weg­kleben?

Breitenbach: Es gibt das Phänomen, dass jemand kommt, wir kleben das Tape auf, und der Patient sagt: „Wow! Der Schmerz ist fast weg.“ Es hat unbestreitbar einen Effekt auf den Schmerz. Aber es gibt ja z.B. auch Arthrosen, und da ist es nicht möglich, diese Patienten mithilfe von Tapes zu heilen. Die Tapes können aber den Abfluss von Gewebeflüssigkeiten fördern. Wenn sich weniger Entzündung und Flüssigkeit im Gelenk befindet, ist die Schwellung geringer, und die Patienten freuen sich, dass sie besser schlafen und auch besser laufen können und somit über mehr Lebensqualität verfügen. Die Tapes sind ein wunderbares Tool in Verbindung mit allen ärztlichen und therapeutischen Möglichkeiten. Aber man kann damit nicht alle Probleme wegblasen.

Bei wem und wo wirkt es besonders gut?

Breitenbach: Die Einsatzmöglichkeiten sind groß, und viele vermutlich noch gar nicht bekannt. Besonders populär sind die Tapes im Leistungssport, dort sind die Athleten, obwohl gut trainiert, meist durch die hohen Trainings- und Wettkampfbelastungen überlastet. Wir haben sehr gute Erfahrungen z.B. bei Achillessehnenreizungen, Tennisarmen und natürlich bei allen Sportverletzungen. Bei dem italienischen Fußballer Balotelli sollten die Streifen vermutlich die Stabilität der Lendenwirbelsäule unterstützen. Auch Schwangere können profitieren, da bei Schmerzen der Arzt keine Medikamente verordnen kann.

Tapes werden von Kindern ebenfalls gut akzeptiert, sie werden z.B. eingesetzt bei der Behandlung von Fuß-Fehlstellungen. Aber auch bei Kindern mit Rheuma gibt es vielversprechende Erfahrungen. Kürzlich haben wir den Eltern von einer Rheuma-Selbsthilfegruppe gewisse Techniken gezeigt. Wenn die Mutter z.B. über Nacht dem Kind einen Lymphzügel am betroffenen Gelenk anlegt, hat das Kind am Morgen weniger Schwellung im Gelenk und geht deutlich schmerzfreier zur Schule. In solchen Fällen habe ich kein Problem damit, wenn Eltern oder Patienten die Verantwortung für das Tapen nach entsprechender Einweisung übernehmen. Lymphtechniken sind auch gut für Krebspatienten geeignet, denen u.a. die Lymphknoten entfernt werden mussten. Nach einer Lymphdrainage können die Tapes die Wirkung der Drainage deutlich verlängern. Und das Ganze ohne Nebenwirkungen: Man kann mit den Tapes duschen oder baden. Wenn wir sie gut angelegt haben, ist das größte Kompliment des Patienten, dass er die Tapes gar nicht spürt.

Interview: Susanne Stockmann

DIE KOSTEN

Krankenkassen zahlen das Tapen mit kinesiologischen Bändern in den meisten Fällen nicht. Der Patient muss also selbst in die Tasche greifen. Je nach dem wie intensiv die Diagnostik eingesetzt wird und auch wie viele Tapes für die Behandlung benötigt werden, liegen die Kosten zwischen zehn und 50 Euro. Ein Knietape wegen beginnender Arthrose kostet zum ­Beispiel rund 23 Euro.

Was bedeuten die Farben?

In Japan werden meist hautfarbene Tapes geklebt, die möglichst wenig auffallen sollen. In Deutschland werden eher die farbigen Klebestreifen von Ärzten und Therapeuten eingesetzt. Manche Therapeuten verwenden die bunten Tapes nach der klassischen Farbenlehre, Siegfried Breitenbach und sein Team lehren, die Farben kinesiologisch für den optimalen therapeutischen Reiz vor der Anlage auszutesten: „Wie bei der Sportmedizin üblich entscheiden viele Kleinigkeiten über den Erfolg einer Therapie, und diese positiven Erfahrungen sollten wir auch in den Bereich der Allgemeinmedizin übertragen.“

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