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Mit dem Rauchen aufzuhören, ist eine der sinnvollsten Investitionen in die Gesundheit. Jeder zweite Raucher stirbt an seiner Krankheit vor dem 70. Lebensjahr und im Schnitt zehn Jahre früher als Nichtraucher.

Mit dem Rauchen aufhören

Keine Angst vor der letzten Zigarette

Es ist einer der beliebtesten Vorsätze für das neue Jahr – mit dem Rauchen aufzuhören. Mark Twain soll gesagt haben: „Das ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.“ Genau da liegt das Problem: Nichtraucher werden, ist schwer.

Mit der sogenannten Silvestermethode von heute auf morgen Schluss zu machen, schaffen nur fünf von 100 Rauchern den Entzug. Dabei kann jeder diese Sucht besiegen – davon ist der Psychiater Tobias Rüther von der Tabakambulanz am Klinikum der Universität München überzeugt. Man braucht einen festen Willen, einen langen Atem und professionelle Hilfe – erklärt er im tz-Gespräch.

Kann es wirklich jeder schaffen?

Psychiater Dr.  Tobias Rüther von der Tabakambulanz am Klinikum der Universität München.

Dr. Tobias Rüther: Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Allerdings kann es eine Weile dauern, und es kann sein, dass mehrere Aufhörversuche nötig sind. Im Schnitt braucht ein Raucher sechs Aufhörversuche, bis er es schafft, rauchfrei zu leben. Aber von jedem Versuch profitiert man gesundheitlich, und aus jedem Versuch lernt man. Das Wichtigste ist die mentale Einstellung: Ich will damit aufhören.

Wer hat es leichter, wem fällt es schwerer aufzuhören?

Rüther: Rauchen ist eine schwere chronische Suchterkrankung. Je früher in der Jugend mit dem Rauchen begonnen wurde, umso schwieriger ist es aufzuhören. Bis zum 19. Lebensjahr wächst das Gehirn und formt sich. Wer in dieser Zeit raucht, wird meist schwer abhängig. Wer erst nach dem 20. Lebensjahr angefangen hat, hat es deutlich leichter. Anhand des Fagerström-Tests (siehe unten) kann jeder seinen Grad der körperlichen Abhängigkeit einschätzen. Wir sagen, bei ein bis drei Punkten kann man es durch reine Willensentscheidung schaffen. Alle anderen brauchen in der Regel professionelle Unterstützung.

Selbst mit Unterstützung schafft es nur rund die Hälfte. Ist das nicht zu wenig?

Rüther: Im Vergleich zu anderen Suchtmitteln hat Tabakrauch die höchste körperliche und psychische Abhängigkeit: Vom Suchtstoff Nikotin wird man körperlich abhängig. Das kann man an Veränderungen im Gehirn feststellen, dort vermehren sich die Rezeptoren fürs Nikotin. Ohne Rauchen kommt es zu körperlichen Entzugserscheinungen. Vom Rauchen wird man aber auch psychisch abhängig. Der Raucher raucht 20-mal am Tag in bestimmten Situationen. Auch das hat sich in seinem Gehirn eingebrannt: Zum Kaffee gehört eine Zigarette, zum Warten auf den Bus gehört eine Zigarette, zum Sex gehört eine Zigarette. Natürlich wird bei solchen Anlässen die Zigarette stark vermisst. Das Gehirn kann sich umstellen, aber es braucht zwei bis drei Monate. Wer drei Monate überstanden hat, wird viel seltener rückfällig.

Wie kann man dem Gehirn bei der Umgewöhnung helfen?

Rüther: Das ist individuell verschieden, aber bei stärkerer Abhängigkeit ist oft eine doppelte Strategie mit Medikamenten und einem Gruppenkurs am wirksamsten. Ab einer mittleren Abhängigkeit empfehlen die Leitlinien eine Behandlung mit Medikamenten. Es sind zwei rezeptpflichtige Präparate zugelassen, die gegen die Entzugserscheinungen helfen und bewirken, dass die Zigaretten langweilig schmecken, falls doch geraucht wird. Frei erhältlich in der Apotheke sind Nikotinpräparate. Meist werden diese jedoch zu kurz und zu niedrig dosiert angewendet.
Wir geben sie zwei bis drei Monate lang. In Gruppenkursen überlegen wir uns Strategien für Situationen, in denen sonst geraucht wurde. Also, was tue ich beim Warten auf den Bus, wenn ich mich ärgere oder nach dem Sex? Zum Beispiel: Am Bus lesen, bei Stress eine Freundin anrufen und nach dem Sex kuscheln anstatt in der Küche zu rauchen. Oder wir fragen uns, was man sagen kann, wenn einem eine Zigarette angeboten wird. Das sind oft ganz einfache Dinge, die man sich jedoch vorher überlegt haben muss. Wer aufhören will, sollte alle Rauchutensilien wegwerfen. Freunde und Verwandte informieren, damit es schwerer fällt, wieder anzufangen. Und wenn es doch nicht klappt, es nicht als Niederlage sehen, sondern als Zwischenetappe auf dem Weg zum Nichtraucher. Die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige beim nächsten Mal länger durchhält, ist sehr groß.

Gibt es regelmäßige Treffen so wie bei Weight Watchers?

Rüther: Nein, aber das würde ich mir wünschen. Meist ist die Stimmung in so einem Kurs sehr gut. Für mich ist es jedes Mal wieder toll zu sehen, wie die Menschen davon profitieren, nicht mehr zu rauchen. Sie bekommen so einen Schub an Lebensqualität und neuer Lebensfreude. Viele verändern auch andere Dinge in ihrem Leben, sie werden sportlicher oder beginnen andere Aktivitäten. Das gilt übrigens auch für alte Menschen. Neue Studien haben gezeigt, dass selbst 70- bis 80-Jährige noch enorm profitieren. Nicht rauchen ist eben die beste Medizin.

Susanne Stockmann

Die Furcht vor den Extra-Kilos

Im Durchschnitt nimmt jeder Raucher, der aufhört, vier Kilo zu. Das hängt damit zusammen, dass Rauchen zusätzlich Kalorien verbrennt: Leber und Lunge müssen zur Entgiftung des Körpers mehr arbeiten und brauchen am Tag 200 kcal mehr. Zudem erhöht Rauchen den Blutzuckerspiegel künstlich. Wer aufhört, hat am Anfang immer ein bisschen Unterzucker und neigt dazu, Süßes zu essen. Das hat sich nach circa drei Monaten eingespielt. Neue Nichtraucher sollten sich also ein bisschen mehr bewegen oder etwas weniger essen bzw. darauf achten, nicht zusätzlich Bonbons und Süßigkeiten zu essen, wo sie sonst vielleicht zur Zigarette gegriffen hätten.

Kinder schützen

Viele Raucher haben sehr jung begonnen. Auch heute noch greifen schon viele der Zwölf bis 13-Jährigen zur Zigarette. Was können Eltern tun, damit ihre Kinder Nichtraucher bleiben? Der Psychiater Tobias Rüther hat seinem Sohn ein verlockendes Angebot gemacht: „Ich habe gesagt, wenn du bis 18 nicht rauchst, bezahle ich deinen Führerschein.“ Wenn Kinder bis 18 nicht rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihnen abhängige Raucher werden, viel geringer. Eine Erfahrung des Arztes: Schimpfen bringt gar nichts. Erfolgversprechender ist es, positive Anreize zu setzen, wenn nicht geraucht wird. Wenn Eltern selbst rauchen, sollten sie den Jugendlichen klarmachen, dass sie es selbst loswerden möchten und wissen, dass es für sie nicht gut ist.

Adressen zum Aufhören

Die Chancen es zu schaffen, sind mit professioneller Hilfe deutlich größer als ohne. Wer einen Kurs sucht, sollte nur solche Angeboten wahrnehmen, die von den Krankenkassen anerkannt und unterstützt werden. Denn diese Kurse sind evaluiert, das heißt ihre Methoden und Wirksamkeit stehen ständig auf dem Prüfstand – im Gegensatz zu den meisten Angeboten aus dem Internet. In München gibt es mehrere gute Anlaufstellen:

  • Spezialambulanz für Tabak­abhängigkeit am Klinikum der LMU: www.tabakambulanz.de, Tel. 089/51 60 57 07
  • Institut für Raucherberatung und Tabakentwöhnung Bayern mit Kursen an Münchner Kliniken, Tel. 089/68 99 95 11 
  • Institut f. Therapieforschung: www.rauchfrei-programm.de

Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit

Wann nach dem Aufstehen rauchen Sie Ihre erste Zigarette?

nach 5 Minuten
(3 Punkte)

nach 6 – 30 Minuten
(2 Punkte)

nach 31 – 60 Minuten
(1 Punkt)

nach mehr als 60 Min.
(0 Punkte)

Finden Sie es schwierig, an Orten, wo das Rauchen verboten ist, das Rauchen zu unterlassen?

nein (0 Punkte)

ja (1 Punkt)

Auf welche Zigarette würden Sie nicht verzichten wollen?

die erste am Morgen (1Punkt)

andere (0 Punkte)

Wie viele Zigaretten rauchen Sie im Allgemeinen pro Tag?

31 und mehr (3 Punkte)

21 – 30 (2 Punkte) 

11-20 (1 Punkt)

bis 10 (0 Punkte)

Rauchen Sie am Morgen im allgemeinen mehr als am Rest des Tages?

ja (1 Punkt)

nein (0 Punkte)

Kommt es vor, dass Sie rauchen, wenn Sie krank sind und tagsüber im Bett bleiben müssen?

ja (1 Punkt)

nein (0 Punkte

Auswertung: Die Gesamtpunktzahl liefert eine zuverlässige Einschätzung der Stärke der Tabakabhängigkeit.

0 – 2 Punkte sprechen für eine geringe körperliche Abhängigkeit.
3 – 4 Punkte sprechen für eine mittlere körperliche Abhängigkeit.
5 – 6 Punkte sprechen für eine starke körperliche Abhängigkeit.
7 – 10 Punkte sprechen für eine sehr starke Abhängigkeit.

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