1. Startseite
  2. Leben
  3. Gesundheit
  4. Klinikführer

Eine unterschätzte Krankheit, die tödlich enden kann

Erstellt:

Kommentare

null
Nachsorge im Krankenhaus: Patient Andreas Stillert mit seinem Arzt Dr. Michael Jakob. Das Bild auf dem Monitor zeigt, dass die Lungenentzündung überstanden ist. © Klaus Haag

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 60 000 Menschen an einer Lungenentzündung. Das ist etwa jeder zehnte Patient. Viele Betroffene unterschätzen aber ihre Krankheit – und bringen sich unnötig in Gefahr. Wer die Fakten kennt, kann richtig reagieren, das sagen Experten.

Andreas Stillert, 48, holte sich seine Lungenentzündung beim Duschen. Schuld waren Legionellen in einer verunreinigten Wasserleitung. Das bestätigte ihm jetzt das Gesundheitsamt – mit einer „80-prozentigen Wahrscheinlichkeit“. Diese gefährlichen Bakterien sind nur für ein bis drei Prozent der Erkrankungsfälle verantwortlich. Andreas Stillerts Fall gehört dazu. Doch sonst verlief bei ihm alles „klassisch“: Er kannte die Symptome einer Pneumonie, so der Fachausdruck, einfach nicht.

Dr. Michael Jakob, Leitender Oberarzt am Klinikum Dritter Orden in München, weiß indes um die Gefahr. „Das Risiko von Patienten zu sterben, die mit einer Lungenentzündung in eine Klinik eingewiesen werden, ist höher als bei einer Einlieferung mit einem akuten Herzinfarkt“, warnt er. „Eine Pneumonie ist ein Notfall. Sie darf auf keinen Fall verharmlost werden.“

Rund 60 000 Menschen pro Jahr sterben in Deutschland an den Folgen. Trotzdem ist diese Gefahr den meisten offenbar nicht bewusst. Viele Betroffene warten deshalb – und kommen erst viel zu spät in die Klinik. Dabei gilt: „Je früher und effektiver die Behandlung beginnt, desto seltener kommt es zu einem lebensgefährlichen Verlauf der Krankheit,“ sagt Jakob. Die Lunge ist extrem leistungsstark, aber zugleich auch sehr empfindlich. Sie muss den ganzen Körper mit ausreichend Sauerstoff versorgen. „Bei einer Lungenentzündung kommt es zu einer Besiedelung des Lungengewebes mit Bakterien, Viren oder Pilzen“, erklärt Jakob. Dadurch werden die Lungenbläschen geschädigt und der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid gestört. Die Folge: eine Einschränkung der Sauerstoffversorgung; Betroffene fühlen sich schon bald extrem schwach, haben Fieber, keinen Appetit, häufig Husten – und vor allem Atemnot. Typisch sei ein schnelles, hektisches Atmen, ein Hecheln und nach Luft schnappen.

null

Oft wird die Krankheit jedoch nicht sofort erkannt – wie bei Andreas Stillert. Denn die Symptome sind unspezifisch: „Es kann wie ein leichter grippaler Infekt anfangen“, sagt Jakob. Dabei braucht es in der Regel nicht viel zu einer klaren Diagnose: Ein aufmerksames Arztgespräch über die Beschwerden und eine körperliche Untersuchung genügen. In etwa 50 Prozent der Fälle kann ein Arzt schon beim Abhören der Lunge „auffällige Rasselgeräusche“ feststellen. Auf keinen Fall sollte ein Patient beim Verdacht auf eine Lungenentzündung eine Röntgenaufnahme verweigern, rät Jakob: „Darauf kann man die typischen Verschattungen der Lunge eindeutig erkennen.“ Die Strahlenbelastung eines Röntgenbildes sei nur so hoch wie bei einem einzigen Langstreckenflug. Durch eine Blutanalyse lassen sich schließlich in maximal 20 Prozent der Fälle die auslösenden Keime nachweisen – aber vor allem auch die Höhe der Entzündungswerte. „Entscheidend ist eine sehr schnelle Antibiotika-Therapie, möglichst in den ersten Stunden“, sagt Jakob. Je nach Keim und Stärke der Erkrankung ein, zwei oder drei Wochen lang. Gegen hohes Fieber helfen Infusionen mit sogenannten Elektrolyt-Lösungen und fiebersenkende Mittel. Mehrmals täglich sollte der Patient zudem Atemübungen machen: Dabei atmet er durch ein Röhrchen gezielt ein und aus. „Das Ziel dieser Therapie besteht darin, die verklebten Lungenbläschen wieder zu öffnen“, erklärt Jakob. Eine Blutgasanalyse zeigt an, ob der Patient eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr über die Nase benötigt. Schlägt die Therapie nach drei Tagen nicht an, kann unter anderem eine Computertomografie sinnvoll sein, um zum Beispiel einen Verdacht auf eine mögliche Rippenfellentzündung zu klären. Die Patienten brauchen vor allem eines: Geduld. Denn selbst wenn die Therapie schnell anschlägt und erfolgreich verläuft, ist man nach zwei Wochen noch nicht wieder voll arbeits- und leistungsfähig. „Es gibt Patienten, die auch ohne Komplikationen drei Monate für eine vollständige Heilung brauchen“, sagt Jakob.

Für die Einschätzung der individuellen Gefahr eines Patienten hilft Lungenexperten ein Punktesystem. Medizinisch heißt es „CRB-65-Score“ – und hat vier Kriterien: Ist der Patient verwirrt? Ist seine Atemfrequenz erhöht? Hat er einen zu niedrigen Blutdruck? Ist er älter als 65 Jahre? Trifft nur ein Parameter zu, muss der Patient sofort in eine Klinik: Sein Sterberisiko liegt dann bei bis zu zehn Prozent; bei drei bis vier erfüllten Kriterien steigt es sogar auf 35 Prozent. Alle anderen Patienten können ambulant versorgt werden – solange die Therapie innerhalb von drei Tagen anschlägt und keine Komplikationen auftreten. Ihr Sterberisiko liegt bei einem Prozent.

Wer nicht erkranken will, sollte sich schützen – das gilt vor allem für besonders gefährdete Personen. Dazu zählen etwa chronisch Kranke und ältere Menschen. Fachleute empfehlen Patienten mit einer geschwächten Immunabwehr eine Impfung gegen sogenannte Pneumokokken und jährlich gegen die Grippe. Denn: Etwa jeder Zehnte der rund 600 000 Erkrankten pro Jahr stirbt. Doch diese Gefahr sei leider noch nicht im Bewusstsein der Bevölkerung, sagt Jakob.

Andreas Stillert wird in Zukunft vorsichtiger sein: „So eine Lungenentzündung möchte ich nicht noch einmal erleben“, sagt er.

Michael Backmund

Hier finden Sie das Online-Themenspecial zum Klinikreport 2015!

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion