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Ein kleiner Sturz mit großen Folgen

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Sprechstunde: Professor Ulrich H. Brunner erklärt seiner 82-jährigen Patientin Monika Schwende anhand eines Modells, wo genau ihr Oberschenkelhals gebrochen war. © Andreas Leder

Monika Schwende, 82, stolperte über ihren Teppich – und brach sich den Oberschenkelhals. Eine Verletzung, nach der ältere Menschen oft nicht mehr auf die Beine kommen. Es sei denn, sie werden schnell und optimal versorgt. So wie Monika Schwende.

Ihr kleiner Perserteppich wurde Monika Schwende zum Verhängnis – sie verhedderte sich beim Fensteröffnen darin. „Ich bin gestolpert, habe mich in der Luft um 180 Grad gedreht – und bin dann voll auf den rechten Oberschenkel geknallt“, erzählt sie. Am Boden liegend ahnte sie schon, dass etwas „kaputt“ gegangen sei. Am Tag darauf ließ sich die 82-Jährige ins Krankenhaus Agatharied einliefern. Dort brachte ein Röntgenbild Gewissheit: Sie hatte einen hüftgelenksnahen Bruch (Fraktur) des Halses (Collum) am oberen Ende ihres Oberschenkelknochens erlitten.

„Häusliche Stürze sind bei älteren Menschen die häufigste Ursache für solche Verletzungen“, sagt Unfallchirurg Professor Ulrich H. Brunner. „In diesen Fällen sollte man auf keinen Fall abwarten oder die Zähne zusammenbeißen, sondern sofort den Notarzt verständigen“, rät der Chefarzt der Abteilung Unfall-, Schulter- und Handchirurgie des Krankenhauses Agatharied. Er sagt auch: „Unsere wichtigsten Ziele sind die schnelle Stabilisierung des Bruchs, die Schmerzfreiheit und eine sofortige Mobilisierung des Patienten.“ Gerade bei älteren Menschen wollten er und sein Team Bettlägerigkeit verhindern. Denn damit steige das Risiko für Thrombosen, aber auch für eine Lungenentzündung oder -embolie deutlich: „Ein alter Mensch, der drei Wochen im Bett liegt, tut sich ungeheuer hart, wieder aufzustehen.“

Auch Monika Schwende bekam schon am Tag nach ihrer Einlieferung eine sogenannte Doppelkopfprothese eingesetzt – und nur einen Tag später begann dann ihr „Training“.

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Klinikbewertungen beim OBERSCHENKELHALSBRUCH.

Bundesweit erleiden jährlich rund 132 000 Menschen eine sogenannte hüftgelenksnahe Fraktur – rund 96 Prozent sind über 60 Jahre alt. Frauen sind öfter betroffen als Männer, da sie häufiger an Osteoporose leiden. Das ist eine Erkrankung des Skeletts, bei der die Knochen an Festigkeit verlieren und leichter brechen. „Die Zahlen werden weiter steigen, weil wir immer älter werden“, sagt Brunner. Deshalb gibt es seit rund vier Jahren im Krankenhaus Agatharied eine Modellstation für Alterstraumatologie: Hier werden Patienten von Ärzten der Unfallchirurgie und der Geriatrie, also der Altersmedizin, gemeinsam versorgt. Das soll auch das Risiko reduzieren, nach einem Oberschenkelhalsbruch zu sterben. Laut Statistik trifft das deutschlandweit immerhin jeden vierten Patienten im ersten Jahr nach der OP. Gerade ältere Patienten wünschen sich zudem eine wohnortnahe und zugleich exzellente Versorgung. „Wir haben dieses Jahr bereits mehrere 100-Jährige wieder auf die Beine gestellt“, sagt Brunner – ein Ergebnis des besonderen Konzepts in Agatharied. Die operative Versorgung, wie Brunner sagt, sei dabei aber noch nicht mal die größte Herausforderung. Je nach Alter und Art des Bruchs stehen den Spezialisten erprobte OP-Verfahren zur Verfügung: Das reiche von „hüftkopferhaltenden dynamischen Systemen“ mit Titannägeln im Oberschenkelknochen über Trägerschrauben im Schenkelhals bis hin zu einem künstlichen Hüftgelenk. Ärzte richten sich bei der Wahl der besten Therapie nach dem genauen Ort der Fraktur – sie unterscheiden in „mediale Brüche“, die sich nahe am Hüftkopf befinden, und „laterale“, also kopfferne Brüche, sowie danach, ob die Bruchlinie steil oder flach verläuft. Bei sogenannten pertrochantären Frakturen am oberen Ende des Oberschenkels sind in der Regel keine Prothesen nötig.

Nach erfolgreicher OP sollen die Patienten so schnell wie möglich wieder aufstehen. „Durch eine gezielte Frühmobilisierung und gezielte Gangschulung wollen wir erreichen, dass die Patienten sofort wieder in Bewegung kommen und damit ihre Selbstständigkeit nicht verlieren“, sagt Brunner. Denn Knochen seien „lebende Organe“, die für ihre Versorgung mit Nährstoffen und ihre Stabilität ausreichend Belastung und Bewegung brauchten.

Davon hat auch Monika Schwende profitiert. „Das war wie im Campingurlaub mit einer vertrauten Gemeinschaft!“, erzählt sie heute. Alle seien professionell gewesen – und unheimlich nett. Experten wissen, dass es beim Heilungsprozess auch darauf ankommt, ob sich die Psyche wohl fühlt. Zusätzlicher Stress bremst eher.

Um neuerlichen Stürzen vorzubeugen, ist es aber auch wichtig, Stolperfallen wie Teppiche, freiliegende Kabel und kleine Schwellen in der Wohnung zu beseitigen. „Als ich wieder daheim war, hatten meine Töchter bereits alle meine geliebten Perserteppiche entfernt“, erzählt Monika Schwende. Dann lacht sie. „Diese Kröte musste ich schlucken. Ich will ja auch nicht mehr hinfallen.“ Deshalb tut die 82-Jährige viel für ihre Mobilität: „Es macht mir riesigen Spaß, dass ich jetzt schon wieder täglich im Tegernsee schwimmen kann.“ Und das bereits kurz nach ihrer Reha.

Michael Backmund

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