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Rudolf Berger* mit Professor Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des Klinikums der Universität München (LMU).

Klinikreport 2016 - Teil 5: Herzkranzgefäße

Eine Rettung in – fast – letzter Minute

Ein Herzinfarkt kann jeden treffen – und nicht selten sind die Symptome unspezifisch. So wie bei Rudolf Berger*, der „brennende“ Bauchschmerzen bekam. Hätte ihn sein Hausarzt nicht zu einem Kardiologen geschickt, vielleicht wäre Berger heute tot. Eine Geschichte, die bewegt.

Rudolf Berger* hatte nie Herzprobleme. Doch eines Tages spürte er „brennende“ Bauchschmerzen, sie kamen ganz plötzlich. „Harmloser Blähbauch“, dachte sich der 74-Jährige zunächst. Aber als im Lauf der Woche das „Brennen“ immer stärker wurde und Berger immer nervöser, ging er zum Hausarzt. Der wiederum schickte ihn zum Herzspezialisten. Sicherheitshalber, denn er hatte keine Ursache gefunden.

Das war Bergers Glück: Er hatte einen akuten Herzinfarkt – aber keine „klassischen“ Symptome, wie heftige Beschwerden im Brustbereich, die Betroffene häufig als „Vernichtungsschmerz“ erleben und die bis in die Arme ausstrahlen können.

Klinikbewertungen bei Untersuchung und Behandlung der Herzkranzgefäße

Professor Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des Klinikums der Universität München (LMU), weiß jedoch, dass bei rund einem Drittel der männlichen Patienten die Beschwerden sehr unspezifisch sind – und viele Ärzte erst mal vor einem Rätsel stehen, wie bei Berger. Noch häufiger ist das bei Frauen der Fall: Diffuse Schmerzen im Oberbauch oder im Unterkiefer, Atemnot mit Übelkeit und Rückenschmerzen können ebenfalls Hinweise auf einen Herzinfarkt sein. Bis heute werden sie aber oft nicht erkannt.

Zu einer fachgerechten Diagnose für den Herzinfarkt, das sogenannte akute Koronarsyndrom, gehören drei Kriterien: Erstens die Kenntnis aller Symptome. Zweitens ein auffälliges EKG. Drittens ein auffälliger Laborbefund. Dazu muss man wissen, dass der Herzmuskel das Eiweiß Troponin enthält. Lässt ein Infarkt die Zellen im Herzmuskel absterben, tritt dieses Troponin durch die geschädigte Zellmembran in die Blutbahn aus – und lässt sich dort schon eine halbe Stunde später nachweisen. Deshalb ist dieses Eiweiß heute ein sehr wichtiger Hinweis für die Diagnose eines Herzinfarkts.

Nicht selten kündigt sich ein Herzinfarkt auch über einen längeren Zeitraum an: Durch Engegefühle oder Atemnot, die zunächst nur bei körperlicher Belastung auftreten. Wer dann sofort zum Arzt geht, kann damit oft einen Infarkt verhindern.

Bei einem Herzinfarkt reißen indes Kalkablagerungen an der Gefäßwand plötzlich ein, es bildet sich ein Blutgerinnsel und verstopft das betroffene Gefäß. Dann zählt jede Minute: Wenn durch diese Engstellen in den Herzkranzgefäßen kaum noch Blut zur Versorgung des Herzens fließen kann oder wenn das Gefäß gar komplett verschlossen ist, stirbt Herzmuskel-Gewebe ab.

Bayern hat eine geringere Sterblichkeit nach einem akuten Herzinfarkt als der Bundesdurchschnitt – im Freistaat gibt es nur 61 statt 65 Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Der Grund: Beim kleinsten Verdacht schreibt hier der Notarzt schon während des Transports ein EKG, stellt die Diagnose und bringt den Patienten ins Katheterlabor einer „Chest Pain Unit“ – also einer „Brustschmerzeinheit“ in kardiologischen Notfallkliniken. So eine findet sich zum Beispiel im neuen OP-Zentrum des Klinikums Großhadern, keine zehn Meter von der Anfahrts- und Haltezone für den Notarzt entfernt.

Auch Rudolf Berger kam gerade noch rechtzeitig. Massberg konnte problemlos einen Katheter über seine Arterie am rechten Unterarm einführen und bis zur Aortenklappe vorschieben. Über eine Injektion von Kontrastmittel wurde dann unter Röntgenkontrolle der Zustand von Bergers Herzkranzgefäßen sichtbar gemacht. Mit einer solchen Koronarangiografie können Experten Engstellen oder den Verschluss von Herzkranzgefäßen genau lokalisieren und sofort behandeln.

Bei Berger behandelte Massberg mit einem Stent, einer Gefäßstütze, eine vollständig verschlossene Hinterwandarterie. Und mit zwei weiteren Stents Engstellen in Arterien der Vorderwand. Dafür platzierte der Kardiologe jeweils einen „Ballonkatheter“ in den drei Engstellen, um diese mit relativ hohem Luftdruck zu öffnen. Der Stent hält das behandelte Gefäß dann offen. Auch die intensivmedizinische Nachbehandlung von Patienten, die einen schweren Herzinfarkt erlitten hatten, verbessert sich kontinuierlich: So helfen katheterunterstützte Pumpensysteme, genug Blut aus den Herzkammern in den Blutkreislauf zu transportieren – solange bis sich der Herzmuskel erholt und eine ausreichende Pumpleistung zurückgewonnen hat.

Inzwischen werden vielen Patienten auch moderne Stents aus resorbierbarem Biomaterial eingesetzt, das sich nach rund zwei Jahren im Körper von selbst auflöst. Der Vorteil: Es bleibt kein Metallstent, die klassische Variante, im Körper zurück. Langzeitstudien müssen aber noch zeigen, ob solche Biostents auch tatsächlich die Lebenserwartung von Herzpatienten (noch) weiter erhöhen können.

Eine Koronarangiografie, eine spezielle Form der Röntgenuntersuchung, ist bei einem akuten Herzinfarkt oder Verdacht auf eine Verengung der Gefäße Standard. Dabei kann man heute vor und nach der Engstelle den Blutdurchfluss messen. Ist dieser um mindestens 20 Prozent reduziert, ist eine Behandlung mit Stents medizinisch sinnvoll. Studien belegen, dass dadurch die Sterblichkeit sinkt. Eine Katheter-Untersuchung ohne Eingriff dauert durchschnittlich zehn Minuten. Wird ein Stent eingesetzt sind es etwa 20 bis 30 Minuten.

Für den Eingriff reicht eine lokale Betäubung, der Patient bleibt wach. Wie auch Rudolf Berger. „Professor Massberg hat mir alles am Bildschirm erklärt und ich konnte den gesamten Eingriff mitverfolgen“, erzählt er heute. „Es ist schon toll, was die Medizin alles kann.“ Zumal die Komplikationsrate sehr gering ist; sie liegt bei 0,3 bis 0,4 Prozent pro Eingriff. Bei Infarktpatienten klettert sie allerdings auf drei Prozent.

Besonders wenn in der Familie bereits nahe Angehörige an einem Infarkt gestorben sind, empfiehlt Massberg die Hauptrisikofaktoren für die Erkrankung der Herzkranzgefäße bewusst zu vermeiden – etwa das Rauchen. Andere, wie Diabetes, Bluthochdruck und erhöhte Bluttfettwerte, sollten möglichst gut eingestellt werden. Wer dem Herzen Gutes tun will, achtet auf eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung – wer bei starkem Übergewicht zehn bis 15 Kilogramm verliert, kann damit in der Regel seinen Blutdruck und seine Zuckerwerte verbessern und das Risiko für Gefäßschäden deutlich reduzieren. Wer zudem wöchentlich mit Sport und Bewegung 1500 Kalorien Energie abbaut, hat Studien zufolge eine um drei bis sechs Jahre erhöhte Lebenserwartung.

Rudolf Berger ist inzwischen nachdenklicher geworden. „Ich bin gerade noch dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagt er. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Berger weiß, dass er Glück hatte, dass er gerade noch rechtzeitig auf die Warnzeichen reagiert hat – nun achtet er noch mehr auf die Signale seines Körpers. Und: „Ich freue mich darauf, schon bald wieder ein normales Leben führen zu können.“ Das wird er auch können.

*Name geändert

Michael Backmund

Hier finden Sie das Online-Themenspecial zum Klinikreport 2015. 

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