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Menschen haben auch Winterschlaf-Gene. Doch warum tun wir es dann nicht?

Die richtigen Gene sind vorhanden

Können Menschen Winterschlaf halten?

Wenn die kalte Jahreszeit anbricht, verkriechen sich Tiere gerne in den verdienten Winterschlaf. Auch Menschen haben die Gene dazu. Doch wieso tun wir es dann nicht?

Der Winter naht – die Tage sind kürzer, grauer und nasser – der Mensch wird müde und müder. Da scheint es verlockend, sich in den Winterschlaf beziehungsweise die Winterruhe zu verkriechen, so wie Tiere es machen. Gemütlich schlafen, kurz aufstehen, was essen aus dem gehorteten Vorrat. Wieder schlafen. So wie Haselmäuse oder Bären, die erst wieder im Frühling richtig wach werden – erholt und erschlankt.

Könnten Menschen die kalte Jahreszeit verschlafen, so wie viele Säugetiere es tun?

Diese Frage wird ganz ernsthaft wissenschaftlich erforscht – von Weltraumagenturen. Wenn es gelänge, Raumfahrer in einen andauernden Tiefschlaf zu versetzen, wären lange Reisen zu entfernten Planeten und Sternen möglich. Weiter noch als zum Mars, wo der einfache Weg schon acht Monate in Anspruch nimmt. Der Neurowissenschaflter Vladyslav Vyazovskiy lehrt an der Uni Oxford und gehört zu einem Forscherteam der Europäischen Weltraumbehörde ESA. Er sagt: "Die Frage ist noch nicht geklärt. Aber wir können nicht ausschließen, dass es tatsächlich möglich ist."

Dafür spricht, dass Menschen einige Winterschlaf-Gene besitzen. Es sind die gleichen Schalter im Erbgut, die bei den Lemuren, einer Affenart auf Madagaskar, dafür sorgen, dass sie in eine Erstarrung verfallen. Allerdings nicht, wenn es zu kalt, sondern wenn es auf ihrer Insel zu heiß wird. Winterschlaf hat mit schlafen nichts zu tun, es geht nicht um Erholung vom Tag, sondern ums Überleben in nahrungsarmen Zeiten. Die Gehirnströme sind dabei komplett verschieden, sie wechseln nicht wie im normalen Nachtschlaf zwischen Tiefschlaf- und Traumphasen ab.

Wissenschaftlich gesprochen heißt der Winterschlaf daher auch Torpor, wörtlich für Erstarrung. Der Stoffwechsel wird heruntergefahren, die Tiere gehen in einen Energiesparmodus, sie halten gerade mal ihre wichtigsten Lebensfunktionen aufrecht. Kurioserweise wachen sie meist sehr müde auf und brauchen dringend einen Erholungsschlaf. Allerdings bleiben sie jünger: Die körperliche Alterung verlangsamt sich während des Torpors.

Wenn die Gene vorhanden sind, warum also macht der Mensch keinen Winterschlaf?

Der Schlafforscher Alfred Wiater meint kurz und bündig: "Er braucht eben keinen", weil er weder wegen der Kälte Energie sparen müsse, noch die Nahrung knapp sei. Es gibt jedoch Berichte von Menschen in extremen Situationen, die in eine Erstarrung gefallen sind – aus purem Instinkt zum Überleben. Es ist nicht genau bekannt, was bei Tieren den Torpor auslöst. "Manchmal ist die Temperatur ausschlaggebend, bei manchen Tieren gibt es eine Körperfettgrenze, bei anderen ist es tageslichtabhängig", so die Biologin Lisa Warnecke, die ein Buch über die Geheimnisse des Winterschlafs veröffentlicht hat.

Menschen können sich offenbar nur in größter Not in den Torpor versetzen. So wurde im Jahr 2006 ein Japaner (35) gefunden, der 24 Tage eingeschneit gewesen war. Sein Stoffwechsel war fast bis zum Stillstand heruntergefahren. Er überlebte deutlich unterkühlt. Die Wissenschaft der Raumfahrt beschäftigt sich daher auch mit der Möglichkeit, zukünftige Raumfahrer während des Fluges herunterzukühlen und so in einen Dämmerzustand zu versetzen. Das aber sei, so Warnecke, äußerst bedenklich.

Die Hirnaktivität ist bei Nacht höher als am Tag

Schlafmangel macht krank, dumm und dick. So würde es der bayerische Schlafforscher Jürgen Zulley von der Uni Regensburg plakativ formulieren. Schlaf ist notwendig und inspirierend. Allerdings nicht jedem ist die ruhige Nacht vergönnt: Einer aktuellen Gfk- Umfrage zufolge schläft fast jeder Dritte (32,3 Prozent) zumindest ab und an schlecht. Vor vier Jahren klagten nur 23,3 Prozent über unruhige Nächte.

Schlaf ist jedoch gut erforscht, die Fakten:

  • In Deutschland wird ziemlich genau sieben Stunden geschlafen, von 23.04 Uhr bis 6.18 Uhr. Mit einer Einschlafzeit von 15 Minuten. Das fand Zulley mit seinem Forscherteam in einer großen Untersuchung heraus.
  • Schlaf ist ein aktiver Erholungsprozess. Es sieht zwar wie ein Ruhezustand aus, ist es aber nicht. Zulley: "Was die Hirnaktivität betrifft, sind wir im Schlaf teilweise wacher als im Wachzustand."
  • Im Schlaf werden alle Prozesse aktiviert, die für eine körperliche Regeneration sorgen. Nur im Tiefschlaf wird zum Beispiel ein Wachstumshormon ausgeschüttet, das für Zellerneuerung und für den Fettabbau sorgt. Alles, was wir am Tag gelernt haben, wird in der Nacht abgespeichert.
  • In jedem Menschen tickt eine innere Uhr, die vom Licht gesteuert ist, aber mithilfe von Proteinen den Tag- Nacht-Rhythmus vorgibt und so über viele Stellschrauben Einfluss auf körperliche Mechanismen hat: Körpertemperatur und Blutdruck sind abends meist höher als am Morgen. Der Taktgeber beeinflusst auch, wann das für den Schlaf wichtige Melatonin ausgeschüttet wird. Für diese Forschungen gab es den Medizin-Nobelpreis.
  • Lebt ein Mensch dauerhaft gegen seine innere Uhr, kann das Risiko für Krebs, Nervenleiden und Stoffwechselkrankheiten steigen.

So klappt's mit der Erholung:

Redaktion: Wann ist Schlaf erholsam? 

Prof. Jürgen Zulley: Auf jeden Fall nicht, wenn man abends vor dem Einschlafen noch am Smartphone oder dem Tablet herumspielt. Die Anspannung reduziert die Schlafqualität. Erholung bekommt man nur im Tiefschlaf. Den hat man immer nur in den ersten vier bis fünf Stunden.

Können Apps und Schlafmessgeräte den Schlaf optimieren? 

Zulley: Damit misst man nicht den Schlaf, sondern die Bewegung. Das Gerät kann nicht unterscheiden, ob man ruhig wach im Bett liegt oder sich im Tiefschlaf befindet. Ich halte diesen Hype für kontraproduktiv. Wir wissen, dass eine Fixierung auf den Schlaf das Risiko für Schlafstörungen erhöht.

Warum hat Schlaf ein schlechtes Image? 

Zulley: Das ist einfach ein großer Irrtum. Gesunder Schlaf ist Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Bei uns gilt Schlaf oft als etwas Negatives. Die Einstellung ändert sich aber langsam. Vor 30, 40 Jahren galt man noch als Penner, wenn man am Tage schlief. Der wichtige Mittagsschlaf galt als unproduktiv. Im Zuge eines verstärkten Gesundheitsbewusstseins erhält Schlaf zunehmend einen anderen Stellenwert.

SUS

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