Mikrostimulator im Zahnfleisch

Neuartige Mini-Operation hilft gegen Kopfschmerzen

München - Es trifft einen von 1000 – und dieser Mensch ist wirklich zu bedauern: Clusterkopfschmerzen gehören zu den schlimmsten Schmerzen, die Kranke aushalten müssen.

„Meine Patienten beschreiben es meistens so, als ob jemand ihnen mit einem glühenden Draht von hinten ins Auge sticht“, sagt der Neurologe Holger Kaube aus München mitfühlend. Das Einzige, was sich der Leidende dann wünscht, ist ein Knopf, um die höllischen Schmerzen auszuschalten. Dieser Traum ist jetzt Wirklichkeit geworden: Mithilfe eines kleinen Implantats kann der zuständige Nervenknoten deaktiviert werden – die Attacke verebbt, der Schmerz verschwindet!

Der Schalter gegen den Kopfschmerz

Dr. Holger Kaube hat schon seit Jahren auf diese Therapie gewartet, bei der ein 1,2 Gramm leichter Mikrostimulator durch einen Einschnitt im Zahnfleisch oberhalb des zweiten oberen Backenzahns implantiert wird. In dem Stimulator steckt ein Chip, der von außen mithilfe einer Fernbedienung aktiviert wird. Die Signale des Chips treffen auf einen etwa drei bis vier Millimeter großen Nervenknoten, das Ganglion spenopalatinum. Schon seit über 100 Jahren weiß man, dass dieser Nervenknoten für die schrecklichen Qualen der Clusterpatienten verantwortlich ist. Betäubungsmittel schalten ihn immer nur kurzfristig ab, die Schmerzen kommen wieder. Durch die Elektrostimulation jedoch lässt sich der Anfall komplett abstellen. Dr. Kaube: „Wenn der Patient spürt, dass er einen Anfall bekommt, hält er den Stimulator an die Wange. Nach wenigen Minuten lässt der Schmerz nach, bis er schließlich ganz verschwindet.“ Die sogenannte SPG-Stimulationstherapie ist seit zwei Jahren zugelassen, in München wurden bisher 25 Patienten operiert. Die Erfahrungen sind sehr positiv: „Außerdem haben die Patienten deutlich seltener Anfälle. Dieser vorbeugende Effekt ist ein willkommener Zusatznutzen der Behandlung, den wir vorher gar nicht erwartet haben“, freut sich Dr. Kaube im tz-Gespräch.

Die Behandlung ist aufwendig und teuer. Rund 26 000 Euro kosten die Implantation, die Justierung des Chips und die Nachbetreuung durch den Arzt und den spezialisierten Techniker. Es ist an sich kein großer Eingriff. Dr. Kaube: „Eine Zahnimplantation ist invasiver im Kieferbereich.“ Das Schwierige ist, das Implantat nah genug an den Nervenknoten in der Nähe der Kieferhöhle zu schieben. Kaube: „Man sieht den Knoten nicht auf Röntgenbildern, man kann nur ungefähr erkennen, wo er sich befinden müsste.“ Da jeder Schädel individuell geformt ist, wird jeder Patient exakt vermessen und sein Schädel in Plastik nachgebildet. Daran übt der Chirurg in der Kiefer- und Gesichtschirurgie der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo die Implantationen stattfinden, jeden Eingriff so lange, bis er ein Gefühl dafür bekommt, wohin er das Implantat schieben muss.

Wenn die Wunde in der Mundhöhle verheilt ist, wird das Gerät vom Techniker der Herstellerfirma so programmiert, dass es optimal auf den Nervenknoten wirkt. Das Implantat selbst hat keine Batterie, es ist auf die Stromversorgung aus der Fernbedienung angewiesen. Das Ganze funktioniert drahtlos und individuell. Dr. Kaube: „Zwei Clusterpatienten könnten sich z. B. nicht gegenseitig ihre Fernbedienungen ausleihen. Jedes Implantat kooperiert nur mit der dazugehörigen Fernbedienung.“ 

tz-Stichwort: Clusterkopfschmerz

Der Name ist bei dieser Krankheit Programm – Cluster bedeutet Häufung. Diese Kopfschmerzattacken treten zu bestimmten Zeiten gehäuft auf. Viele Patienten leiden besonders in den Übergangsjahreszeiten Frühling und Herbst. In so einer Schmerzphase kommen die Attacken mehrmals am Tag, sie können von 15 Minuten bis zu drei Stunden andauern. Sehr oft bringt es die Männer, die deutlich häufiger als Frauen betroffen sind, nachts um den Schlaf. Die Ursache der Erkrankung ist nicht bekannt, aber Attacken können durch starke Gerüche wie Lacke, Parfüms, kleinste Mengen Alkohol oder den Aufenhalt über 2000 Metern Höhe ausgelöst werden. Bei einer akuten Attacke kann das Einatmen von reinem Sauerstoff und Spritzen mit Medikamenten gegen Migräne und Cluster-kopfschmerz helfen. Für den größten Wunsch der Patienten, die Attacken möglichst zu verhindern, stehen drei Mittel zur Wahl, die jedoch bei sehr vielen Patienten starke Nebenwirkungen haben und die Lebensqualität deutlich einschränken.

Mikrostimulator: Für wen ist er geeignet?

Der Neurologe Dr. Holger Kaube behandelt im Neurologie- und Kopfschmerzzentrum an der Münchner Freiheit etwa 500 Patienten mit Clusterkopfschmerz. Der tz stellte er die neue Therapie vor.

Für wen ist die Operation geeignet?

Dr. Holger Kaube: Jeder, dessen Lebensqualtität durch die häufigen Schmerzattacken zu stark eingeschränkt ist. Diese Krankheit belastet die ganze Familie stark, Angehörige müssen das Leid mitansehen und wissen, sie können gar nichts tun. Das ist furchtbar. Es gibt Medikamente, um den Schmerz zu lindern, reinen Sauerstoff sowie Nasensprays und Spritzen. Auch haben wir drei Präparate zur Vorbeugung von Attacken. Doch muss man leider sagen, dass diese bei vielen Menschen starke Nebenwirkungen verursachen. Die Patienten sind einer Operation am Kopf meist sehr skeptisch gegenüber eingestellt und probieren die zur Verfügung stehenden Therapien aus. Aber oft ist der Leidensdruck so hoch, dass dann eine Operation in Frage kommt.

Die Operation ist sehr teuer, zahlen die Krankenkassen trotzdem?

Kaube: Ja, der Arzt muss allerdings gut dokumentieren, was bisher an Therapien versucht wurde und wie es gewirkt hat. Die Krankheit verursacht im Übrigen hohe Kosten im Gesundheitswesen, die Medikamente sind auch nicht günstig. Studien zeigen, dass sich die Operation nach drei bis fünf Jahren amortisiert hat und auf Dauer günstiger ist als eine Therapie mit Medikamenten. Zumal die Anfälle mit dem Implantat zurückgehen.

Die Operation hat bisher bei einem Drittel der Patienten nicht gut gewirkt. Weiß man warum?

Kaube: Das liegt nach unserer Erfahrung daran, dass der Stimulator nicht nah genug an den Nervenknoten herangebracht wurde und diesen nicht ausschalten kann. Es ist ein anspruchsvoller Eingriff, es gibt erst wenige Chirurgen, die ihn praktizieren. Je mehr Implantationen stattfinden, desto weniger Patienten wird es hoffentlich geben, bei denen der Eingriff nicht so gut gelingt. Meine Patienten sind überwiegend sehr zufrieden, fast alle sagen, dass sie den Eingriff wieder machen und ihn auch anderen Betroffenen empfehlen würden.

Rubriklistenbild: © mzv-mm

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