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Schmerz lass’ nach: So wie dieser jungen Frau geht es vielen in Deutschland – sie leiden an Kopfschmerzen. 

Das sollten Patienten wissen

Kopfschmerzen: Wenn es im Kopf hämmert

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Kopfschmerzen gehören heute zu den häufigsten Gründen, einen Arzt aufzusuchen – und gelten somit auch als häufigste neurologische Erkrankung.

Doch was lässt sich gegen sie unternehmen? Ein Experten-Gespräch mit Prof. Thomas R. Tölle.

Wie viele Menschen leiden an Kopfschmerzen?

Weltweit geht man davon aus, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung immer wieder darunter leidet. Eine repräsentative Umfrage zeigt für Deutschland, dass etwa jede dritte Frau und jeder fünfte Mann innerhalb einer Woche von Kopfschmerzen berichtet; allein im vergangenem Jahr waren es zwei Drittel der Frauen und die Hälfte der Männer.

Was sind die häufigsten Ursachen?

Experten unterscheiden mehr als 150 Kopfschmerzarten. Besonders wichtig ist die Differenzierung in primäre und sekundäre Kopfschmerzen: Primäre Kopfschmerzen sind eine eigenständige Erkrankung, ein sogenanntes Kopfschmerzleiden. Hierzu zählen die Spannungskopfschmerzen und die Migräne. Erst kürzlich hat sich durch eine groß angelegte genetische Analyse zeigen lassen, das nicht weniger als 44 Genvarianten dafür verantwortlich sind, ein erhöhtes Risiko für Migräne in sich zu tragen. Zahlreiche dieser Genvarianten sind in den Bereichen des Erbguts lokalisiert – die das Blutkreislaufsystem des Gehirns regulieren, was als Konsequenz den Stoffwechsel und die Erregbarkeit der Nervenzellen entscheidend prägt und somit zur Auslösung einer Attacke beitragen kann.

Was sind sekundäre Kopfschmerzen?

Die sind extrem selten, machen nur etwa zwei bis drei Prozent aus – und sind Folge einer anderen Erkrankung, etwa eines Schlaganfalls, eines Tumors, einer Stoffwechselerkrankung oder einer Medikamenten-Einnahme. Diese Unterscheidung ist dennoch extrem wichtig, da sie zum Beispiel als Notfall eine ganz andere Vorgehensweise in der Behandlung erfordert.

Wo verläuft die Grenze zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne?

Für Spannungskopfschmerzen sind dumpfe, drückende Schmerzen charakteristisch. Der Patient empfindet das häufig wie ein einengendes Band um seinen Schädel, er legt meist spontan beide Hände auf den Kopf, wenn er nach typischen Schmerzen gefragt wird. Bei körperlicher Aktivität zeigt sich indes oft nur eine geringe Zunahme der Beschwerden. 

Im Gegensatz dazu sind die Beschwerden bei Migräne überwiegend halbseitig und von pochendem, pulsierendem Charakter. Bei der Frage nach dem Ort der Beschwerden legt der Patient seine Hand häufig auf ein Auge und die Schläfe, um zu beschreiben, wie die Migräne-Attacke sich zeigt. Er berichtet, dass jede Bewegung zur Qual wird, nur der Rückzug in ein abgedunkeltes Zimmer, Entspannung und Ruhe echte Erleichterung bringen – und die Kopfschmerzen von Übelkeit, ja bisweilen Erbrechen, begleitet werden ...

Kann man die Schmerzarten stets so streng auseinanderhalten?

In der Tat verschwimmen die Angaben zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne bei einigen Patienten insbesondere dann, wenn zu viele Medikamente für die Behandlung eingesetzt werden und sich ein „medikamenten-induzierter“ Kopfschmerz entwickelt hat. Für diese Mischung der Beschwerden, die dann häufig weder vom Patienten präzise geschildert, noch vom Arzt sauber auseinandergehalten werden können, wurden verschiedene Begriffe geprägt – wie transformierte Migräne oder chronische Migräne.

Wie geht der Arzt vor?

Professor Thomas R. Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS), Neurolog. Klinik am Rechts der Isar.

Die Grenze zwischen beiden Erkrankungen zieht er bei genauer Analyse des Patienten über die Zeit und die Charakteristik seiner Angaben. Es ist daher extrem wichtig, die Kopfschmerzform und ihre Auslöser möglichst genau zu kennen. Daher sollten Patienten ein Kopfschmerztagebuch führen, wenn zu Beginn der Behandlung noch Unsicherheit in der Zuordnung der Beschwerden besteht – oder sich im Verlauf eine Änderung des Beschwerdebildes eingestellt hat. Darin werden Dauer, Intensität, Art der Kopfschmerzen sowie mögliche Auslöser notiert. Außerdem sollte eingetragen werden, welche Medikamente angewandt wurden – und ob sie geholfen haben.

Wann sollte man Medikamente einnehmen?

Für die Behandlung verschiedener Kopfschmerzen bestehen Leitlinien der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der DMKG. Wichtig ist, dass der Patient die Wirkungsweise der Medikamente, die Dosierung und die zu erwartenden Nebenwirkungen, sowie den Einsatz-Zeitpunkt, aber auch die Höchstdosierungen und den maximalen Einsatz pro Monat kennt. Die Einnahme ist immer dann sinnvoll, wenn aus dem Gespräch mit dem Arzt die Kriterien dafür erreicht sind.

Welche Medikamente sind für welche Schmerzen?

Für die Spannungskopfschmerzen sind dies sogenannte Antirheumatika und für die Migräne ebenfalls – oder, bei mangelndem Erfolg, Triptane. Antirheumatika sind in der Apotheke auch ohne Rezept erhältlich, Triptane werden in aller Regel über ein Rezept ausgegeben. Die Einnahme der Medikamente ist bei Beachtung der Warnhinweise und Einhaltung der Dosierungen in aller Regel ohne Risiken und ohne langfristige Schäden möglich. Allerdings könnten sich bei unkontrollierter Einnahme und Dosisüberschreitung Komplikationen entwickeln, etwa eine Abhängigkeit. Daher ist eine enge Kontrolle durch den Patienten und eine Rücksprache mit einem Arzt stets nötig. Der kann unter Umständen auch eine Kopfschmerzprophylaxe einleiten; hierzu werden ganz andere Gruppen von Medikamenten eingesetzt – je nachdem, ob ein Spannungskopfschmerz oder eine Migräne vorliegen.

Was kann ich denn selbst aktiv tun, um Kopfschmerzen vorzubeugen?

Für den Patienten ist es zunächst wichtig, sehr viel über seine Erkrankung zu wissen: Er muss lernen, dass er an einer Krankheit leidet, die ihm häufig auch durch Vererbung mit in die Wiege gelegt wurde – und dass Lebensumstände wie Stress, häusliche oder berufliche Überbelastung zur Verstärkung der Beschwerden oder zum häufigeren Auftreten führen können. Dadurch kann er verstehen, warum die Beschwerden sich ändern, mal stärker, mal milder sein Leben begleiten. Er muss erkennen, dass Nikotin, Alkohol, Koffein, Bewegungsmangel, Schlafstörungen und Stress wichtige Ursachen für die Verschlimmerung sein können. Und: Er muss lernen, diese zu vermeiden, sich Wege zu suchen, wie er mit seelischer Belastung umgehen kann, welche Maßnahmen er ergreifen kann, die Auslöser für seine Kopfschmerzen zu vermeiden.

Was zählt noch dazu?

Die Vermeidung von bestimmten Lebensmitteln, wenn man nachweislich an Unverträglichkeiten leidet, die Kopfschmerzen verstärken. Zudem sollten Patienten ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen, Phasen extremen Hungerns vermeiden, da dies alle Arten von Kopfschmerzen auslösen kann. Ausreichend Schlaf ist wichtig, Sport treiben und seelischen Ausgleich schaffen – wie das Pflegen von sozialen Aktivitäten, Treffen mit Freunden, Kino, Kultur. Wenn alle diese Bemühungen nicht zum Erfolg führen, sollte der Patient mit seinem Arzt über die Teilnahme an einem mehrwöchigen Therapieverfahren der sogenannten multimodalen Schmerztherapie nachdenken. Dort werden alle diese Dinge vermittelt, zudem die richtigen Medikamente und eine notwendige Prophylaxe eingesetzt. Hier übt man auch Verhaltensmaßnahmen – wie Sport und Entspannung – ein.

Wann genau sollte man zum Arzt gehen?

Immer dann, wenn die Kopfschmerzen in irgendeiner Weise untypisch sind, also eine extreme Heftigkeit erreichen, plötzlich häufiger oder aus anderen Ursachen auftreten. Zudem wenn sich der Charakter der Beschwerden verändert und bei Kopfschmerzen längere Einschränkungen der Leistungsfähigkeit auftreten. Spätestens dann sollte ein Neurologe eingeschaltet werden, der nach der Analyse der Beschwerden entscheidet, ob es sich um ein einfaches Kopfschmerzleiden handelt – oder ob ein akut behandlungsbedürftiger Notfall vorliegt.

Kann man Kopfschmerzen auch „verschleppen“ – so wie eine Erkältung?

Wenn Kopfschmerzen über längere Zeit unbehandelt bleiben, obwohl die Beschwerden immer wieder oder dauernd auftreten, schränkt dies die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit nachhaltig ein. Dadurch besteht die Gefahr, dass der ganze Mensch im Sinne einer psychischen Überbelastung in eine depressive Stimmung gerät – oder andere psychosomatische Beschwerden entwickelt. Schon lange bevor dieser Zustand eingetreten ist, müssen die schützenden Gegenmaßnahme für eine solche Entwicklung erkannt und umgesetzt werden. Daher sollte der Patient früh um Beratung und die Entwicklung eines langfristigen Behandlungsplans bei seinem Arzt nachsuchen. Und dann auch nach Kräften versuchen, eigene Ressourcen für die Umgestaltung von Belastungen seines Lebens in die Wege zu leiten.

Unser Experte

Professor Thomas R. Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS), Neurolog. Klinik am Rechts der Isar

Interview: Barbara Nazarewska

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