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Herzfrequenz, Ausdauer: Das Handy zeigt, wie fit man ist. Praktisch für den Nutzer, aber was wenn die Daten in die falschen Hände geraten?

Der gläserne Patient

Fitness-Apps: Das gefährliche Geschäft mit den Daten

Digitale Körperdaten sind der derzeit im Trend, Und alle wollen damit Geschäfte machen. Der Bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Petri warnt vor den Folgen.

Jogger Simon Früh liebt seine Fitness-App

Wenn Simon Früh durch den Englischen Garten joggt, steckt sein Handy immer in seiner Brusttasche. Der 28-jährige Student überprüft mit einer App seine Leistung. „Nach dem Laufen kann man sich mit den Daten belohnen: So weit bist du heute gekommen, so schnell warst du.“ Im Sommer will er einen Halbmarathon laufen. „Auf dem Handy zu sehen, wie ich mich steigere, motiviert mich.“

Das geht nicht nur Früh so, fast jeder dritte Deutsche macht schon mit beim sogenannten Self-Tracking, so eine Studie des IT-Verbands Bitkom: Mit Apps, Fitness-Armbändern oder Smartwatches messen sie ihren Blutdruck, zählen ihre Schritte oder überwachen ihre Ernährung. Doch bei der digitalen Selbstvermessung entstehen jede Menge Daten. Und die bedeuten für viele Unternehmen bares Geld.

„Die Internetwirtschaft hat da großes Interesse daran“, sagt Thomas Petri, der Bayerische Landesbeauftragte für Datenschutz. Denn sie kann die Daten teuer weiterverkaufen, zum Beispiel an Pharmafirmen, Marktforscher oder Versicherer. Die wollen so viel wie möglich über die Gesundheit ihrer Kunden wissen, um Risiken und Tarife genauer zu berechnen.

Der bayerische Datenschutzbeauftragte Thomas Petri warnt vor den negativen Folgen.

Schon heute werden Versicherte belohnt, wenn sie sich gesundheitsbewusst verhalten. Wenn sie ihrer Krankenversicherung in Zukunft per Self-Tracking noch Daten über jeden Schritt, jeden Pulsschlag und jede Kalorie liefern, können sie mit weiteren Vorteilen rechnen, zum Beispiel mit günstigeren Tarifen oder Bonus-Zahlungen.

An der Umsetzung dieser Idee arbeitet gerade das Versicherungsunternehmen Generali mit dem Programm „Vitality“. Es richtet sich an Kunden, die ihre Körperdaten regelmäßig messen und an Generali schicken wollen. Im Gegenzug bekommen sie Gutscheine bei Sportartikelherstellern oder vergünstigte Tarife bei Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Das ist besonders für fitnessbewusste Kunden attraktiv, auch wenn das Unternehmen betont, dass „Vitality“ allen offensteht, die etwas für ihre Gesundheit tun wollen.

Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern vermutet, dass der Datensammel-Trend nicht mehr aufzuhalten ist, auch nicht bei den gesetzlichen Krankenkassen: „Die Gruppe der jungen, gesunden Versicherten zu bedienen, bedeutet auch für sie niedrigere Kosten.“ Den Anfang macht die Techniker Krankenkasse (TK). Sie möchte die Körperdaten ihrer Versicherten nutzen – auf freiwilliger Basis.

Dass die Gesundheitsversorgung durch die Digitalisierung schneller und besser wird, ist die große Hoffnung. Doch nicht alle sind so optimistisch: „Das kommt alles als Serviceleistung daher“, sagt der Landesdatenschutzbeauftragte Petri. „Wer brav seine 3000 Schritte am Tag geht, bleibt gesund und wird auch noch belohnt. Aber am Ende wird so auf alle Versicherten Druck ausgeübt.“ Er befürchtet, dass in Zukunft alle, die ihren Lebensstil nicht von der Krankenkasse überwachen lassen wollen, finanzielle Nachteile hinnehmen müssen.

Krankenkassen bestreiten Nutzung von Fitness-Daten - bieten aber eigenen Apps an

Die gesetzlichen Krankenkassen in Bayern wie die AOK und die GEK Barmer Bayern bestreiten, dass sie die Körperdaten von Versicherten in ihre Tarife einbeziehen wollen. Das sei überhaupt nicht geplant, so Stefan Wandel, Pressesprecher der DAK Bayern. Und selbst die TK Bayern, die das Self-Tracking fördern will, hält die Verbindung von Körperdaten und Tarifen für „einen Kardinalfehler“. Gleichzeitig bieten aber alle eigene Gesundheits- und Fitnessapps an. Bei der TK Bayern und der Barmer GEK Bayern können Teilnehmer an den Bonusprogrammen sogar Tracking-Geräte als Prämien wählen.

Gesetzlich Versicherte sind bisher noch gut geschützt vor einer Verpflichtung zum Self-Tracking. Denn die Rechtslage verbietet es gesetzlichen Krankenkassen, die Tarife an den Gesundheitszustand ihrer Patienten anzupassen. Das macht das Datensammeln für sie weniger attraktiv als für private Versicherer. Aber Gesetze können sich ändern, zum Beispiel durch geschickte Lobbyarbeit. [

Doch der Tracking-Trend birgt für die Nutzer von Apps und digitalen Fitness-Geräten noch weitere Risiken. „Man gibt so viele intime Daten von sich preis, ohne zu wissen, wo sie tatsächlich landen und wer damit langfristig arbeitet. Aus Verbrauchersicht ist das eine ganz schwierige und bedenkliche Entwicklung.“

Die Krankenkassen beteuern zwar, dass die Körper­daten ihrer Kunden bei ihnen sicher sind und jeder Herr seiner Daten bleibt. Doch Straub von der Verbraucherzentrale Bayern ist skeptisch: „Natürlich kann man auf der Sicherheitsebene alles tun, um zu verhindern, das Dritte an die Daten kommen. Aber es gibt im Internet einfach keine hundertprozentige Sicherheit.“

Digitale Körperdaten - Ein Spielplatz für Kriminelle

Petri, der Landesbeauftragte für Datenschutz, rät den Nutzern von Gesundheits­apps und Fitnesstrackern deshalb, ganz genau hinzuschauen: Wohin gehen meine Daten? Wo kommen die App-Entwickler her? An welche Gesetze sind sie gebunden? „Da geht es um hochsensible Informationen. Da sollte sich jeder genau überlegen, welche Abstriche er machen will.“

Denn die Gesundheits­daten sind nicht nur für Versicherungen interessant, sondern auch für Kriminelle. „Wenn jemand meinen App-Account hackt, kann er sagen: Geben Sie mir 10 000 Euro oder ich leite Ihre Daten an Ihren Arbeitgeber weiter“, so Verbraucherschützer Straub. Und weil sich Gesundheitsdaten nicht einfach ändern lassen, sind sie für kriminelle Hacker noch wertvoller als Bankdaten. Doch Straub ist sich sicher: Der Self-Tracking-Trend wird sich weiter durchsetzen, trotz Datenklau und Internetkriminalität.

„Aber die Problematik mit dem gläsernen Patienten lässt sich nicht so einfach aus der Welt schaffen wie Sicherheitslücken im EDV-System. Ich sehe da vor allem das Solidaritätsprinzip bei den Krankenkassen in Gefahr“, erklärt Straub. Wenn sich die Entwicklung fortsetze, würden Ältere oder Kranke irgendwann keinen bezahlbaren Versicherungsschutz mehr bekommen.

Das will auch unser Jogger Simon Früh nicht, obwohl er jung und gesund ist. „Die Gesundheitsversorgung sollte fair und gleich für alle sein. Wenn es nur noch um Selbstoptimierung geht, die von den Krankenkassen auch noch finanziell belohnt wird, finde ich das überhaupt nicht gut.“

Anna-Lena Rippberger

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