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Früherkennung ist bei der Krebsbehandlung zentral: Eine Frau im Computer-Tomographen (CT)

Erschreckende Fakten, aber auch Hoffnung

Der neue Krebs-Atlas Bayern

München - Der Krebs-Atlas Bayern zeigt, dass die Krankheit immer noch die zweithäufigste Todesursache in Deutschland ist, gibt aber auch Hoffnung. Ein Interview mit der Leiterin des Tumorregisters München:

Er ist, nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, immer noch die zweithäufigste Todesart in Deutschland: Krebs. Laut neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes erlagen im Jahr 2011 rund 26 Prozent aller hierzulande verstorbenen Personen einem Tumorleiden. Frauen und Männer starben dabei am häufigsten an Magen-Darm-Krebs – 32 Prozent aller männlichen Karzinomtoten und 30 Prozent aller weiblichen Tumoropfer. Der Anteil von Krebs als Todesursache ist in den letzten 30 Jahren um fast 25 Prozent gestiegen. Aber es gibt einen Lichtblick: Die an Krebs gestorbenen Personen lebten 3,1 Jahre länger mit ihrer Krankheit als vor 30 Jahren – Männer 72,1 Jahre, Frauen 74 Jahre. Was hat sich getan in der Krebstherapie? Die tz fragt nach bei Frau Prof. Dr. med. Jutta Engel , Leiterin des Tumorregisters München:

Krebs ist um 25 Prozent häufiger geworden. Wie kommt das?

Professor Dr. med. Jutta Engel : Das hängt mit der demografischen Entwicklung zusammen: Wenn es mehr ältere Menschen gibt, dann können auch mehr erkranken. Der Altersmittelwert für eine Krebserkrankung liegt bei zirka 66 Jahren. Das heißt also, die Hälfte der Krebskranken ist über 66 Jahre alt. Alter ist nun mal ein „Risikofaktor“ für Krebs. Auch die geburtenstarken Jahrgänge vor 1964 kommen jetzt zunehmend in die für Krebs relevanten Altersgruppen. Aber wichtig zu erwähnen ist: Die Sterberate sinkt seit Jahrzehnten.

Erkranken Männer und Frauen gleichermaßen?

Professor Engel: Männer erkranken etwas häufiger als Frauen. Häufigste Krebsart beim Mann ist das Prostatakarzinom, eine Krebsart mit einer extrem guten Prognose. Wenn hier eine massive Früherkennung im Rahmen eines sogenannten PSA-Screenings betrieben wird, dann steigert man deutlich die Neuerkrankungsrate, aber trotzdem sterben nicht unbedingt mehr Menschen. Wenn Sie mich fragen, wer häufiger erkrankt: Männer oder Frauen. Dann sage ich Ihnen: Kommt darauf an, wie viele PSA-Screenings durchgeführt wurden.

Brustkrebs - Anleitung zur Selbstuntersuchung

Brustkrebs - Anleitung zur Selbstuntersuchung

Sind die Heilungschancen bei unterschiedlichen Krebsarten gleich?

Professor Engel: Krebs ist nicht gleich Krebs. Es gibt aggressivere Tumoren, die mehr Metastasen bilden können. Bauchspeicheldrüsenkrebs hat oft von vornherein eine schlechte Prognose, auch Lungenkarzinome haben keine so gute Prognose. Die Prognose für das Prostatakarzinom hingegen ist in der Regel sehr gut, für Brustkrebs fast sehr gut, der schwarze Hautkrebs ist bei früher Erkennung extrem gut zu heilen.

Gibt es einzelne Krebsarten, die auf dem Vormarsch sind?

Professor Engel: Grundsätzlich nimmt durch die Altersverschiebung jeder im Alter auftretende Krebstyp zu. Relativ gesehen nimmt das Magenkarzinom seit 20 Jahren ab, der Speiseröhrenkrebs nimmt dagegen zu, die Prognose hat sich aber verbessert. Schilddrüse nimmt zu, warum, wissen wir nicht. Brustkrebs nimmt leicht ab.

Wieso ist das so?

Professor Engel: Bei Brustkrebs spielt zum Beispiel mehr Früherkennung rein. Diesen Effekt erhofft man sich auch beim Darmkrebs.

Wo gibt es denn noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten?

Professor Engel: Die Forschung tut ihr Bestes. Es ist ja nicht so, dass man sich beim Darmkrebs reinhängt und den Rest der Krebserkrankungen schleifen lässt. Beim schwarzen Hautkrebs ist die ohnehin sehr gute Heilungsprognose seit 20 Jahren gleich, weil es weder einen Früherkennungseffekt gab noch eine neue Therapie gefunden wurde. Dann ändert sich auch nichts.

Wo ist es besser geworden?

Professor Engel: Bei Darmkrebs oder Brustkrebs z.B. durch verbesserte Operationsmethoden und die eine oder andere Form der Chemotherapie bzw. andere zielgerichtete Medikamente. Paradebeispiel für eine erfolgreiche Chemotherapie ist der Krebs im Kindesalter mit Heilungen mittlerweile über 80%.

Was heißt im Zusammenhang mit einer Krebstherapie überhaupt erfolgreich?

Professor Engel: Weniger Rezidive, weniger Metastasen, weniger Todesfälle, längeres Überleben und weniger therapiebedingte Nebenwirkungen.

Wie wichtig ist eine möglichst frühzeitige Erkennung der Erkrankung?

Professor Engel: Das kommt auf den Tumor an. Da gibt es dieFrüherkennungsrichtlinien, in der bestimmte Krebsarten bestimmte Vorsorgeuntersuchungen zugeordnet sind. Aber wenn man von entsprechenden Vorerkrankungen bzw. genetischen Belastungen in der Familie weiß, dann gelten andere Regeln. Außerdem: Wenn eine Erkrankung extrem selten ist, dann ist es nicht unbedingt sinnvoll, in der gesamten Bevölkerung solche Früherkennungsprogramme zu starten. Zudem muss es effiziente Therapien geben. Metastasensuchprogramme machen zum Beispiel keinen Sinn, weil früher erkannte Metastasen in der Regel nicht besser behandelbar sind als später erkannte Metastasen.

Wie kann man Vorsorgemuffel besser motivieren?

Professor Engel: Bei Darmkrebs und beim Gebärmutterhalskrebs sollen Einladungsmodelle – wie schon jetzt beim Brustkrebs – eingeführt werden. Gerade Männer sind Früherkennungsmuffel. Frauen nehmen Maßnahmen ernster, das sieht man bei Darmkrebs, der ja beide Geschlechter betrifft.

Interview: M. Brommer

An diesen Krebsarten starben die Deutschen im Jahr 2011
Statistik des Statistischen Bundesamtes, Stand Februar 2013
Krebsart Frauen Männer davon in Bayern
Alle Krebsarten zusammen 101 836 119 755 30 528
Bösartige Neubildungen
der Verdauungsorgane 31 694 38 531 10 142
darunter fällt Speiseröhrenkrebs 1172 3966 656
Magenkrebs 4 399 5 691 1 526
Dickdarmkrebs 8 663 8 630 2 385
Bauchspeicheldrüsenkrebs 8 128 7 812 2 400
Lungenkrebs 14 281 29 627 5 127
Hautkrebs 1 212 1 709 440
Brustkrebs 17 815 159 2 698
Gebärmutterhalskrebs 1 626 0 224
Eierstockkrebs 5 837 0 901
Prostatakrebs 0 13 324 1 883
Nierenkrebs 2 104 3 223 735
Harnblasenkrebs 1 891 4 046 678
Bösartige Neubildungen des lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes 8 654 9 523 2 601

Diese Vorsorgeuntersuchungen zahlen die gesetzlichen Kassen

Gesetzlich versicherte Männer haben Anspruch auf folgende Krebsvorsorgeuntersuchungen:

ab dem 45. Lebensjahr: digitale Untersuchung der Prostata und des Rektums, Abtasten der Lymphknoten, Untersuchung der Haut

zudem ab dem 50. Lebensjahr: Untersuchung auf okkultes Blut im Stuhl, bis zur Vollendung des 55. Lebensjahrs jährlich, danach alle zwei Jahre.

ab dem 55. Lebensjahr zusätzlich Darmspiegelung.

Frauen ab 20 haben Anspruch auf: gynäkologische Untersuchung der Genitalorgane, Zervixabstrich vom Gebärmutterhals

ab dem 30. Lebensjahr: Abtasten der Brustdrüse und der Achselhöhlen auf Lymphknoten, Untersuchung der Haut

ab dem 50. Lebensjahr zusätzlich: Untersuchung auf okkultes Blut im Stuhl, bis zur Vollendung des 55. Lebensjahr jährlich, danach alle zwei Jahre, falls keine Darmspiegelung durchgeführt wurde. Mammographie: bis zum vollendeten 70. Lebensjahr alle zwei Jahre

ab dem 55. Lebensjahr zusätzlich: digitale Untersuchung des Rektums, Darmspiegelung: einmalig, eine zweite Koloskopie frühestens zehn Jahre später.

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