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Misteln werden seit jeher verehrt, aber helfen Mistelpräparate Krebspatienten wirklich?

Zum Weltkrebstag

Krebs: Helfen Misteln & Co.?

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Auf die Diagnose Krebs folgen oft belastende Therapien: Betroffene kämpfen dann auch mit den Nebenwirkungen der Behandlung. Die Komplementärmedizin hilft, diese zu lindern – zum Beispiel mit grünem Tee und Misteln. Zum Weltkrebstag am 4. Februar lesen Sie, was sie leistet.

Was versteht man unter „Komplementärmedizin“? 

Geht es um Mistelkur & Co., sprechen viele Menschen von „Alternativmedizin“. Dabei meinen die meisten etwas anderes – nämlich die „Komplementärmedizin“. Dazu gehören zum Teil naturheilkundliche Verfahren, die die „üblichen schulmedizinischen Verfahren ergänzen“, erklärt Prof. Dieter Melchart, Direktor des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) am Klinikum rechts der Isar in München. Sie steht also im Gegensatz zur „Alternativmedizin“ – damit wäre der vollständige Verzicht auf schulmedizinische Therapien gemeint. Die allermeisten Patienten vertrauen aber auf die Wirkung von Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Das ist ihnen aber nicht genug: Sie wollen zum Beispiel auch naturheilkundliche Angebote nutzen.

Reicht die Schulmedizin nicht – oder warum ist dieser Wunsch so groß? 

Viele Krebspatienten fühlen sich durch die schulmedizinischen Therapien in eine sehr passive Rolle versetzt, sagt Melchart. Der Arzt schlägt eine Behandlung vor, verordnet Medikamente. Dabei wollten viele auch gerne selbst aktiv werden. Und: Viele Patienten wollten schlicht nichts verpassen, was vielleicht die Heilung ein wenig unterstützt.

Auf welche Weise helfen naturheilkundliche Verfahren den Patienten? 

Krebspatienten erhalten oft aggressive Therapien – und die haben teils starke Nebenwirkungen. Ein Beispiel sind Polyneuropathien. Diese Nervenreizungen können bei einer Chemotherapie oder Bestrahlung auftreten. Dann fühlen sich Hände oder Beine unangenehm kribbelig oder taub an. Melchart rät Betroffenen, erst Olivenöl auf die Haut aufzutragen und danach Salz oder Zucker darauf streuen – „je nachdem, wie empfindlich die Haut ist“. Die Mischung werde dann wie bei einem Peeling eingerieben. Das führt Melchart zufolge zu einer „Gegenirritation“ und die wirke lindernd. „Das ist einfach, nebenwirkungsfrei und kostet auch nicht viel“, sagt er.

Was hilft gegen Nebenwirkungen der Bestrahlung? 

Auf die Strahlentherapie reagiert die Haut oft gereizt, so ähnlich wie bei einem Sonnenbrand. Sie ist gerötet, kann brennen und sich sogar schälen. Hier habe sich grüner Tee bewährt, sagt Melchart. Der wird wie gewohnt zubereitet. Nach dem Abkühlen befeuchtet man ein Tuch damit und tupft den Tee auf die betroffenen Hautflächen auf – und zwar vor und nach der Behandlung. Das beruhige die Haut. Bestimmte Inhaltsstoffe des grünen Tees, die „Epigallocatechingallate“, sollen nämlich eine antientzündliche Wirkung haben. Hierzu gebe es noch keine verlässlichen Belege, aber „gute Studienhinweise“, sagt Melchart. Im Klinikum rechts der Isar soll das Verfahren schon bald in der Strahlenklinik untersucht werden.

Was beruhigt die entzündete Mundschleimhaut?

Spülungen mit bestimmten Ölen und Aromastoffen können gegen sogenannte Aphten helfen, sagt Melchart. Das sind ringförmige, entzündete Stellen auf der Schleimhaut, die oft als Nebenwirkung von Chemotherapie oder Bestrahlung auftreten. Da Aromastoffe auch zu allergischen Reaktionen führen können, sollte man die Verträglichkeit vorher testen, etwa in der Armbeuge. Die Auswahl der Mischung sei aber sehr individuell und daher eher ein Fall für einen naturheilkundlich tätigen Arzt, sagt der Experte.

Wie können Misteln die Behandlung unterstützen?

Misteln sind Pflanzen, von denen wohl fast jeder Krebspatient im Laufe der Therapie hört – entweder von anderen Patienten oder im Internet. Das Problem: Nicht alle meinen das Gleiche. So würden Mistelpräparate oft als Therapie missverstanden, die gegen den Tumor selbst wirkt, sagt Melchart. 

Gefährlich wird es, wenn Patienten ihre Hoffnungen allein auf eine „Mistelkur“ setzen und auf übliche Therapien verzichten. 

Aber: Mistelpräparate könnten Patienten durchaus helfen, sagt Melchart. Doch geht es dabei nicht um Heilung, sondern um das seelische Befinden. Mistelpräparate können demnach eine „emotional ausgleichende Wirkung“ haben, sagt Melchart. Viele fühlten sich dadurch besser. Woran das liegt, ist noch nicht endgültig erforscht.

Helfen ergänzende Verfahren auch der Psyche?

In der Tat – und das betrifft nicht nur die Wirkung der Kräuter an sich. Selbst etwas für sich tun zu können – das gebe dem Patienten Selbstvertrauen zurück, sagt Melchart. Das sei wichtig, weil Patienten durch die Erkrankung oft das Vertrauen in ihren Körper verloren haben. „Wir wissen zwar alle, dass viele Menschen an Krebs erkranken“, sagt er. „Wenn es einen aber trifft, begreift man das erst einmal nicht.“ Ist die emotionale Belastung groß, sollten Patienten aber nicht zögern, eine psychoonkologische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Naturheilkundliche Verfahren anzuwenden kann eine solche nämlich nicht ersetzen. Im KoKoNat am Klinikum rechts der Isar legt man generell großen Wert auf eine ganzheitliche Herangehensweise. „In der Medizin wird meist nur das Kranke behandelt“, sagt Melchart. Jeder Patient habe aber auch gesunde Anteile in sich – „und die gilt es zu stärken“. Dieser Ansatz wird auch „Salutogenese“ genannt.

Was können Patienten tun, die an einer starken Erschöpfung leiden? 

Eine Nebenwirkung der Therapie und eine Folge der emotionalen Belastung sind starke Erschöpfung und Müdigkeit, auch „Fatigue“ genannt. Betroffene fühlen sich matt und kraftlos. Auch viel Schlaf hilft dagegen nicht. Im Gegenteil: Besser ist es, mehr Bewegung in den Alltag einzubauen, rät Melchart. Er empfiehlt Patienten, sich einen Schrittzähler anzuschaffen. Damit lässt sich die Belastung messen, an die eigenen Möglichkeiten anpassen – und mit einem Ziel vor Augen ist man motivierter.

Warum ist viel Bewegung generell wichtig? 

Sich mehr zu bewegen hilft nicht nur gegen die bleierne Erschöpfung. Sport hilft generell, Stress und Ängste abzubauen. Eine gute Ergänzung dazu ist die fernöstliche Technik Qi Gong. Dabei handelt es sich um konzentrative Atem- und Bewegungsmeditation. Die Übungen werden langsam ausgeführt, erfordern aber volle Aufmerksamkeit. Diese Kombination sei ideal, um Stress abzubauen, sagt Melchart.

Hilft eine bestimmte Form der Ernährung? 

„Eine Krebsdiät gibt es nicht“, sagt Melchart. Indem man sich auf eine bestimmte Weise ernährt, also etwa Zucker weglasse, könne man einen Tumor nicht behandeln oder gar „aushungern“, auch wenn manche Menschen das glauben. Wichtig ist eine gesunde Ernährung dennoch. Wer über- oder untergewichtig sei, sollte zudem versuchen, sein Gewicht zu normalisieren, rät Melchart. „Manche Krebstherapien werden mit Normalgewicht besser vertragen“, sagt er. Aber: Krebspatienten sollten das mit ihrem Arzt besprechen.

Sollten Krebspatienten Vitaminpillen schlucken?Tatsächlich brauchen Krebspatienten während der Therapie mehr Vitamine und Spurenelemente als Gesunde. Also am besten Pillen mit einem Mix aus Vitaminen in hoher Dosis schlucken? Davon rät Melchart ab. Zumal es nur wenige Stoffe seien, bei denen es häufiger zu einer Unterversorgung kommt, vor allem Selen und Vitamin D. Hier könnten entsprechende Präparate sinnvoll sein. Doch sollte man das unbedingt mit seinem Arzt besprechen. Am besten sei es zudem, untersuchen zu lassen, ob wirklich ein Mangel vorliegt.

„In der Medizin wird meist nur das Kranke im Patienten behandelt“, sagt Prof. Dieter Melchart, Direktor des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) am Klinikum rechts der Isar in München. Jeder Krebspatient habe aber auch gesunde Anteile in sich, die gelte es zu stärken. 

Immer den Arzt informieren! Was Patienten beachten sollten

Heilkräuter gelten vielen als „sanfte Medizin“. Das verleitet oft auch Krebspatienten, pflanzliche Präparate anzuwenden, ohne den behandelnden Arzt darüber zu informieren. 

„Pflanzlich bedeutet aber nicht immer nebenwirkungsarm“, warnt Prof. Dieter Melchart. Wer solche Mittel anwenden will, sollte das also immer unter „sachkundiger Anleitung“ tun – und seinen Onkologen informieren. 

Denn: Pflanzliche Mittel können die Wirkung der konventionellen Medikamente beeinflussen. So können sie zum Beispiel die Wirksamkeit der Chemotherapie mindern. Das betrifft etwa Präparate mit Ginseng, aber auch Echinacea und Johanniskraut. Letzteres kann auch die Wirkung der Antihormon-Therapie mit dem Medikament „Tamoxifen“ bei Brustkrebs-Patientinnen stören. 

Mehr Infos zu vielen ergänzenden Verfahren gibt es auch in der Broschüre „Komplementärmedizin“ der Bayerischen Krebsgesellschaft, zu finden unter www.bayerische-krebsgesellschaft.de, zum Download oder zum Bestellen.

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