+
Zuschuss von der Kasse – oder nicht? Die Aufnahme zeigt die künstliche Befruchtung einer Eizelle – per Spermieninjektion am ICSI-Mikroskop, üblich bei Sterilität des Mannes.

Kassler Richter bekräftigen

Künstliche Befruchtung: Kind nur gegen Trauschein

München/Kassel – Ein gemeinsames Kind – das ist der größte Wunsch vieler Paare. Wenn es mit dem Baby auf natürlichem Weg nicht klappt, können Ärzte helfen. Doch künstliche Befruchtung ist teuer. Verheiratete Paare bekommen dafür Geld von den Krankenkassen. Ledige gehen auch künftig leer aus.

Das Paar war glücklich, aber arm. Akademiker. Und die beiden hatten einen Wunsch, der immer stärker wurde. Den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind. Als es über den „romantischen Weg“, wie manche sagen, nicht kommen wollte, ging das Paar in die Praxis eines Reproduktionsmediziners. Sie versuchten es jetzt mit künstlicher Befruchtung. Nur: Da gab es Hindernisse. „Drei bis vier Versuche konnten sie einigermaßen finanzieren“, erinnert sich Rechtsanwältin Katrin Groll von der Münchner Kanzlei Graf & Partner an den Fall. Dann hatten sie kein Geld mehr. Sie setzten alle Hoffnung auf einen letzten Versuch mit ärztlicher Hilfe – dafür musste das Paar allerdings sein Auto verkaufen.

Eine künstliche Befruchtung ist nicht nur belastend – sie ist auch teuer. Es gibt dabei verschiedene Methoden: Bei der Insemination übertragen die Ärzte Spermien in die Gebärmutter der Frau. Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) finden die Spermien in einem Reagenzglas selbst den Weg in die Eizelle. Bei der intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) werden Spermien in die Eizelle injiziert. Die Kosten liegen je nach Behandlung bei bis zu 4500 Euro. Oft bringen erst mehrere Versuche den Erfolg, allzu oft bleibt auch dann die Schwangerschaft aus.

Einen nicht ganz unwichtigen Vorteil haben dabei Paare, die ihre Liebe mit einem Ehering besiegelt haben. Sie bekommen einen Kostenzuschuss von den Kassen, wie ein Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) in Kassel gestern erneut klargestellt hat. Ledige Paare mit Kinderwunsch gehen hingegen weiterhin leer aus. Auch das hat Kassel nochmals betont. Der Deal heißt nach wie vor: Geld nur gegen Trauschein.

Im jetzt verhandelten Fall – es ging um eine 41-jährige Frau und ihren Partner – war nicht die Krankenkasse das Problem, die in Berlin angesiedelte Betriebskrankenkasse Verkehrsbau Union (VBU): Die wollte dem unverheirateten Paar die Hälfte der Kosten erstatten und dafür sogar ihre Satzung ändern – durfte das aber nicht. Dagegen legte das Bundesversicherungsamt sein Veto ein. Die Kasse klagte und scheiterte vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg. Nun unterlag sie auch in Kassel.

„Wir sind der Auffassung, dass die aktuelle Regelung realitätsfern ist und nicht den Lebenswirklichkeiten entspricht“, sagt der stellvertretende Vorstand der Kasse, Helge Neuwerk. 2012 hatte die VBU ihre Satzung geändert. Auch Paare ohne Trauschein sollten in dauerhaften Partnerschaften Geld für eine Behandlung bekommen. Jetzt befanden die Kassler Richter: Die Satzungsänderung der Kasse stehe nicht im Einklang mit höherrangigem Recht.

Professor Christian Thaler, Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist über das Urteil des BSG erschüttert: „Es ist der alte Skandal“, sagt er. Es sei schlicht grotesk, dass in einem Land mit durchschnittlich 1,3 Kindern pro Paar an einem solchen Gesetz festgehalten werde. Er verweist auf Fälle von Paaren, die sogar das Bundesverfassungsgericht angerufen hätten – jedoch ohne Erfolg.

Das liegt am Gesundheitsmodernisierungsgesetz – es legt fest, dass unverheiratete Paare bei künstlichen Befruchtungen keine Zuschüsse bekommen. Die Folgen waren direkt zu spüren. Als das Gesetz 2004 in Kraft trat, brach die Zahl der Geburten nach Kinderwunschbehandlungen laut Thaler um rund die Hälfte ein. „Im Vergleich zum Vorjahr wurden 10.000 weniger Babys geboren“, sagt der Arzt. „Von der Größenordnung ist das so, als würde man einer Großstadt wie Köln sagen, ihr bekommt jetzt zwangsweise die Pille verabreicht.“

"Das Gesetz ist in vielen Punkten kontraproduktiv"

Nach dem Gesetzeserlass haben die Zahlen der Geburten nie wieder den Stand von 2004 erreicht. Dafür gibt es auch andere Gründe, die ebenfalls mit dem Gesetz zusammenhängen. „Wer Zuschüsse möchte, darf als Frau nicht über 40 und als Mann nicht über 50 Jahre alt sein“, erklärt Thaler.

Nur: Es gebe einen Unterschied zwischen dem chronologischen und dem reproduktiven Alter, sprich dem Alter der Eierstöcke. Auch eine Frau jenseits der 40 kann verhältnismäßig „junge“ Eierstöcke haben. Für Männer stellt sich in der Medizin diese Frage nicht – sie sind immer zeugungsfähig. Christian Thaler atmet tief ein. „Ich frage mich manchmal, ob es mangelndes Interesse oder mangelnde Kompetenz der Parlamentarier ist, die zu solchen Gesetzen führt“, sagt er. „Das ganze Gesetz ist in vielen Punkten absolut kontraproduktiv, bleibt aber seit zehn Jahren unverändert.“

Auch die Regelung, dass nur Frauen ab 25 Jahren Unterstützung von der Kasse bekommen, sei untragbar. Man solle sich über jedes Paar freuen, das in Deutschland Kinder bekommen möchte. Und man sollte die Paare unterstützen, anstatt ihnen mit unsinnigen Gesetzen Prügel in den Weg zu legen.

Erst einmal wird sich daran jedoch nichts ändern. Helge Neuwerk, 45, von der klagenden Kasse VBU hat bei der Verhandlung vor Gericht erklärt: „Ein Trauschein soll nicht Bedingung dafür sein, eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung in Anspruch zu nehmen.“ Unverheiratete zahlten ebenso wie Ehepaare Beiträge – warum sollten sie dann nicht auch gleich behandelt werden? Und schließlich: Immer mehr Eltern ziehen ihren Nachwuchs auch ohne Trauschein groß. Die klassische Familie aus Ehepaar und einem oder mehreren Kindern dominiert zwar weiterhin in Deutschland: 70 Prozent der Eltern sind nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes verheiratet. 1996 waren es mit 81 Prozent noch deutlich mehr. Nichteheliche oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften legten im gleichen Zeitraum von fünf auf zehn Prozent zu. Bevölkerungsforscher sehen denn auch einen Bedeutungsverlust der Ehe.

Der Gesetzgeber hat das bisher kaum beachtet. Neuwerk sagt: „Wir waren eigentlich optimistisch. Das entspricht einfach nicht mehr der Lebenswirklichkeit unserer Gesellschaft.“ Knapp 1000 Anträge von ledigen Eltern sind bei der VBU eingegangen – alle wollten sie Zuschüsse, alle sehnten sich nach einem Kind. Jeder einzelne wurde abgelehnt.

"Manche kaufen sich die nötig Medizin bei Ebay zusammen"

Wie es weitergeht? Neuwerk kann es noch nicht sagen. Vielleicht geht es zur nächsten Instanz – dem Bundesverfassungsgericht. Mehr Hoffnung hat er jedoch in die Politik. „Die Familienministerin Manuela Schwesig von der SPD scheint ja recht aufgeschlossen zu sein.“

Derweil verzweifeln viele Paare am unerfüllten Kinderwunsch – und der nicht immer sachlichen Diskussion. „Man hat das Gefühl, bei der Debatte geht es um irgendeine Lifestyle-Behandlung“, sagt Professor Thaler. Dabei wird ungewollte Kinderlosigkeit laut der Weltgesundheitsorganistion als Krankheit eingestuft. Das Leid ist oft groß. So groß, dass man sich seinen Freundeskreis aus kinderlosen Paaren bastelt. Diese Männer und Frauen können es nicht aushalten, wenn kleine Buben und Mädchen um sie herumspringen. Oft wird auch der Weg ins Ausland gesucht, wo Kinderwunschbehandlungen manchmal günstiger sind. „Oder sie kaufen sich die entsprechende Medizin bei Ebay zusammen“, sagt Thaler.

Er hat schon viel erlebt. Und findet: „Wir sollten unsere Kinderwunsch-Paare nicht in eine Dumping-Medizin mit unklaren Qualitäts-Standards drängen, sondern ihnen durch eine vernünftige Regelung durch eine Kostenübernahme die hohe und gesicherte Medizin zu Haus ermöglichen.“

Das zahlen die Kassen

Manche Paare, die Probleme bei der Fortpflanzung haben, setzen große Hoffnungen auf eine Fruchtbarkeitsbehandlung. In Deutschland sind nach Expertenangaben sechs Millionen Frauen und Männer ungewollt kinderlos. Im Jahr 2012 gab es mehr als 65.000 Behandlungen zur künstlichen Befruchtung.

In den meisten Fällen entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss im Gesundheitswesen, welche Leistungen dabei genau von den Krankenkassen finanziert werden dürfen oder müssen. Die künstliche Befruchtung ist eine der ganz wenigen Ausnahmen. Hier gibt es eine eindeutige gesetzliche Regelung: Grundlage ist der Paragraf 27a des Sozialgesetzbuches, fünftes Buch (SGB V).

Die gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich demnach an den Kosten für künstliche Befruchtungen. Sie zahlen die Hälfte der Behandlungskosten der ersten drei Versuche. Anspruch auf Kassenleistungen können Versicherte ab 25 Jahren haben. Frauen dürfen nicht das 40., Männer nicht das 50. Lebensjahr vollendet haben. Gezahlt wird nur an Ehepaare.

Darüber hinaus dürfen die Kassen seit 2012 bei der künstlichen Befruchtung zusätzliche Leistungen anbieten. So gibt es auch Krankenkassen, die mehr als 50 Prozent der Kosten übernehmen.

von Maria Gerhard (mit Material von dpa)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schock: Junge Fitness-Mama stirbt nach Proteinüberdosis
Sie wurde nur 25 Jahre alt: Nun hinterlässt die Australierin Meegan Hefford zwei kleine Kinder. Die Bodybuilderin starb auf skurrile Weise.
Schock: Junge Fitness-Mama stirbt nach Proteinüberdosis
Darf ich einen Mückenstich mit Spucke einreiben?
Mückenstiche können ganz schön fies jucken. Doch wer kein kühlendes Gel in der Nähe hat, soll auf den Stich spucken. Doch ist Großmutters Tipp wirklich gut?
Darf ich einen Mückenstich mit Spucke einreiben?
Das hilft Ihnen wirklich bei Haarausfall
Von Tabletten und Mikro-Injektionen über Botox bis zur Transplantation: Ein Münchner Dermatologe erklärt im großen Gesundheitsreport Diagnose und Therapien.
Das hilft Ihnen wirklich bei Haarausfall
Ängste durch Hypnose hinter sich lassen
Schlafstörungen, Burn-out oder Flugangst: Das sind nur drei Anwendungsgebiete für eine Hypnose. Wie die Behandlung bei letzterem erfolgt, schildert ein Experte anhand …
Ängste durch Hypnose hinter sich lassen

Kommentare