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Für die Kurzzeitpflege gibt es viele Anlaufstellen. Die Pflegefälle können dort „Urlaub von daheim“ machen, während sich die Angehörigen erholen

Kurzzeitpflege: Hier finden Ihre Liebsten Platz

München - Duschen, Waschen, Anziehen, Kochen, Füttern: Menschen, die ihre Liebsten daheim pflegen, schuften rund um die Uhr – und viele opfern sich auch für ihre Angehörigen auf.

Das kommt oft vor: Die meisten Pflegebedürftigen werden nämlich zu Hause versorgt. Zwei von drei leben daheim – in München also geschätzt 20 000 Menschen. Ihre pflegenden Angehörigen tun oft alles für sie und kommen dabei selbst zu kurz. „Schatz, ich kann nicht mehr. Ich brauche Urlaub“ – das zu sagen, trauen sich die wenigsten. Dabei raten Experten dringend zur Erholung! Wenn die Pfleger nicht abschalten und entspannen, brauchen sie nämlich bald selbst Hilfe.

Aber wer kümmert sich dann um die Liebsten? Und wo – zu Hause oder im Heim? Staat und Kassen haben zumindest ein Stück weit vorgesorgt. Die Stichworte lauten Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. In der tz erklärt Helma Kriegisch, Chefin der Abteilung „Pflege und Hilfsbedürftigkeit“ im Sozialreferat der Stadt, die Angebote:

Mein Liebster soll nicht ins Heim. Was kann ich tun? Hier lautet das Stichwort Verhinderungspflege: Rüstige, die sich noch zu Hause zurechtfinden, werden in ihren eigenen vier Wänden von Ersatz-Pflegern versorgt – und die Angehörigen können so beruhigt in Urlaub fahren.

Was leistet die Verhinderungspflege? Die Pflegekasse übernimmt unabhängig von der Pflegestufe einmal pro Jahr Kosten für höchstens vier Wochen und bis zu maximal 1550 Euro. Das kann ein professioneller Pflegedienst sein, der alle Hilfen übernimmt – vom Waschen und Medikamente richten bis zum ins Bett bringen. Aber auch Freunde oder Bekannte erhalten eine Entschädigung, wenn sie sich um den Hilfsbedürftigen kümmern. Verwandte leider nicht.

Wer hat Anspruch darauf? Im Prinzip jeder. Einzige Voraussetzung ist, dass die Angehörigen ihre Liebsten mindestens sechs Monate daheim gepflegt haben. Aber das Angebot scheint kaum bekannt zu sein: Im Jahr 2010 nahmen von den 1,6 Millionen pflegenden Angehörigen nur 34 000 Verhinderungspflege in Anspruch. Man kann sie übrigens auch stundenweise nutzen – es muss also nicht immer gleich ein langer Urlaub sein.

Wie komme ich an die Verhinderungspflege? Bei den Krankenkassen gibt es Antragsformulare, bei den vielen Beratungsstellen oder direkt über die Pflegedienste. Sie werden einen Kostenvoranschlag erstellen – je mehr Hilfe nötig ist, umso schneller sind die 1550 Euro aufgebraucht. Rund 220 Dienste gibt es mittlerweile in München, einfach anrufen und fragen, ob noch Kapazitäten frei sind. „In manchen Stadtvierteln gibt es gelegentlich Engpässe“, sagt Helma Kriegisch vom Sozialreferat. „Oft vermitteln ausgebuchte Dienste auch an ihre Konkurrenz. Sie denken tatsächlich an den Menschen und nicht nur ans eigene Geschäft.“

Meine Liebste kann nicht allein zu Hause bleiben! Wenn die Pflegebedürftigen nicht allein daheimbleiben können, hilft die Kurzzeitpflege weiter. Die Betroffenen kommen für einen bestimmten Zeitraum in ein Heim. „Da gibt es rund um die Uhr Sicherheit“, sagt die Pflege-Expertin. Auch hier leistet die Pflegekasse unabhängig von der Pflegestufe bis zu 1550 Euro für bis zu vier Wochen pro Kalenderjahr – aber nur für die Pflege, nicht für die Unterbringung!

Was kostet der Kurzzeit-Platz? Das ist der Haken: Die Kasse zahlt – wie bei der Verhinderungspflege – zwar für die Behandlung. Aber die Kosten für das „Hotel Pflegeheim“ sind nicht dabei. „Im Schnitt kostet ein Platz 75 bis 100 Euro am Tag“, sagt Helma Kriegisch von der Stadt. Für die Unterbringung während eines zweiwöchigen Urlaubs kommen also schnell über 1000 Euro zusätzlich zusammen! Bei Bedürftigen kann die Sozialhilfe die Kosten übernehmen.

Wie bekommt man einen Platz? In München gibt es drei Einrichtungen, die 59 Plätze ausschließlich für Kurzzeitpflege anbieten. Darüber hinaus stellen 50 der 53 Pflegeheime sogenannte eingestreute Plätze zur Verfügung – dort werden freie Heimplätze auch kurzfristig belegt. Auch hier gibt es Anträge bei den Kassen, bei den Beratungsstellen oder direkt bei den Heimen. Wo gerade ein Platz frei ist, erfährt man bei der Münchner Pflegebörse.

Was leistet die Pflegebörse? Das ist im Prinzip eine Zimmervermittlung, die Stadt und Landkreis München finanzieren: Alle, auch private Heime, melden freie Plätze an die Pflegebörse, jeden Werktag gegen 13 Uhr steht so eine aktuelle Übersicht auf der Internet-Seite www. muenchnerpflegeboerse.de. Und zwar getrennt nach verschiedenen Leistungen: für stationäre Pflege, Kurzzeitpflege und sogar spezielle Plätze in geschlossenen Stationen etwa für schwer Demente. Auch die Stadtteile und Gemeinden lassen sich auswählen. Drei Klicks führen zum Heimplatz!

Bekommt man noch Plätze? Am Freitag zum Beispiel gab es in sieben Heimen in Stadt und Landkreis freie Kurzzeitplätze. „Je nach Jahreszeit kann es auch knapp werden“, sagt Helma Kriegisch vom Sozialreferat. Natürlich fahren im Sommer viele Angehörige in Urlaub.

Kann ich das meinem Liebsten überhaupt antun? Die Frage quält viele Angehörige. Pflege-Expertin Helma Kriegisch rät zu Gelassenheit: „Die Erfahrungen sind ganz unterschiedlich.“ Natürlich gebe es Pflegebedürftige, denen zu Hause jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird und die im Heim unglücklich sind. Pfleger können keine liebenden Angehörigen ersetzen – auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen. Aber: „Manche haben in der Kurzzeitpflege ein Aha-Erlebnis“, sagt Kriegisch. Da ist immer was los, da gibt es viele in einer ähnlichen Situation, da gibt es Unterhaltung – und die Pflegebedürftigen wissen, dass ihr Aufenthalt begrenzt ist. Stichwort: Urlaub von daheim! Kriegisch empfiehlt dafür, das Sozialleben ins Heim zu verlagern. Die Nachbarn könnten auch dorthin zu Besuch kommen. „Und wenn die Enkel da sind, geht allen das Herz auf.“ Wenn die Profis die Arbeit machen, sind die Angehörigen viel entspannter und können sich viel besser um ihre Liebsten kümmern. Helma Kriegisch weiß: „Manchen gefällt es in der Kurzzeitpflege so gut, dass sie gleich im Heim bleiben."

David Costanzo

Hier gibt es Beratung:

An Beratung fehlt es nicht. Neben diesen vier Anlaufstellen der Wohlfahrtsverbände helfen die mehr als ein Dutzend Fachstellen des Bayerischen Netzwerks Pflege in Stadt und Umland, alle 32 Alten- und Servicezentren der Stadt sowie die Fachstellen für häusliche Versorgung in allen 13 Sozialbürgerhäusern.

Arbeiterwohlfahrt München: Beratungsstelle für pflegende Angehörige und ältere Menschen

Gravelottestraße 16

81667 München

Tel.: 089/66 61 63 3-0

Fax: 089/66 61 63 3-20

www.awo-muenchen.de

beratungsstelle@awo-muechen.de

Dahoam e.V.: Beratungsstelle für alte Menschen und ihre Angehörigen

Auenstraße 60

80469 München

Tel.: 089/62 42 03 21

Fax: 089/62 50 06 73

www.dahoam-muenchen.de

beratung@dahoam-muenchen.de

Hilfe im Alter – gemeinnützige GmbH der Inneren Mission München: Beratungsstelle für alte Menschen und ihre Angehörigen

Magdalenenstraße 7

80638 München

Tel.: 089/15 91 35-20 oder -21

Fax: 089/15 91 35-12

www.hilfe-im-alter.de

altenberatung@im-muenchen.de

Paritätischer Wohlfahrtsverband Bayern: Beratungsstelle für ältere Menschen

Winzererstr. 47

80797 München

Tel.: 089/242 07 78-208 oder -104 Fax: 089/242 07 78-158

www.muenchen.paritaet-bayern.de

beratungsstelle@paritaet-bayern.de

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