+
Gerecht geteilte Hausarbeit? So harmonisch wie bei diesem Paar läuft es in der Realität meist nicht. Der Haushalt ist nach wie vor eine „Frauensache“.

Langzeitstudie über das Leben im Alter

Ohne Oma und Opa läuft’s nicht mehr

  • schließen

Deutschland ist ein Land des langen Lebens. So steht es in einer aktuellen Langzeitstudie. Doch was genau bringt dieses lange Leben mit sich? Und: Wo lauern die Gefahren? Ein Überblick in Zahlen und Fakten.

München – Wer heute zur Welt kommt, hat eine recht stattliche Lebenserwartung: 83 Jahre die Mädels, 78 die Buben. „Menschen um die 40, die also in der Mitte des Lebens stehen, haben im Schnitt noch vier Jahrzehnte in der zweiten Lebenshälfte vor sich“, heißt es in der „Deutschen Alterssurvey“ (DEAS). Es ist eine bundesweite Langzeitstudie, an der bislang rund 20 000 Menschen teilgenommen haben. Die Forscher sprechen von einem „repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zwischen 40 und 85 Jahren“. Und dieser Querschnitt verrät so einiges darüber, wie wir im Alter leben – und künftig leben werden. Eines steht schon jetzt fest: „Die zweite Lebenshälfte wandelt sich!“ Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse.

Immer mehr Rentner gehen arbeiten

Die Zahlen sprechen für sich: Waren 1996 nur 5,1 Prozent der Ruheständler im Job, hat sich ihre Zahl im Jahr 2014 mehr als verdoppelt: auf 11,6 Prozent. „Ähnlich wie bei der Erwerbsbeteiligung vor dem Ruhestand sind Männer, höher Gebildete sowie Personen aus Westdeutschland eher im Ruhestand erwerbstätig als Frauen, Personen mit niedrigerem Bildungsniveau und Personen aus Ostdeutschland“, heißt es in der Alterssurvey. Die meisten Rentner arbeiten in Teilzeit – und in seltenen Fällen für den letzten Arbeitgeber: „Häufiger ist eine selbstständige Tätigkeit – bei den 66- bis 71-Jährigen sind es beispielsweise 38,2 Prozent.“ Für den Großteil spielen finanzielle Gründe keine Rolle – man will schlichtweg aktiv bleiben. Besonders erfreulich ist auch: „Für die Altersgruppen ab 66 Jahren zeichnet sich ein positiver Wandel von verschiedenen Gesundheitsdimensionen ab“, schreiben die Forscher.

Job-Belastungen steigen weiter an

Die Arbeit stresst immer mehr Menschen. „Dabei werden zeitliche und nervliche Belastungen, etwa durch Termindruck, häufiger berichtet (47,4 Prozent) als körperliche (31,2 Prozent)“, steht in der Alterssurvey. Entscheidend sei hier vor allem der Bildungsgrad. Konkret: 52,4 Prozent der hoch Gebildeten klagten über zeitliche und nervliche Belastungen. Im Vergleich dazu täten dies aber nur 30 Prozent, die über ein niedriges Bildungsniveau verfügten. Genau umgekehrt verhalte es sich mit körperlichen Belastungen. Ebenso beunruhigend: Die Unter-65-Jährigen klagen – grundsätzlich – mehr über diverse Erkrankungen als noch im Jahr 2008; mehr Personen litten auch unter „zumindest leichten depressiven Symptomen“, heißt es. Trotz allem: 85,2 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 40 und 65 Jahren sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Und diese Werte sind bereits seit 2002 stabil.

Frau-Mann-Kluft im Haushalt bleibt

Seit 1996 sinkt die Zahl der Alleinverdiener-Haushalte. Der Mann als „Komplett-Versorger“ wird zum Auslaufmodell, da immer mehr Frauen erwerbstätig sind. In Zahlen: „In über der Hälfte (57,5 Prozent) der Paare, bei denen die Frau 40 bis 65 Jahre alt ist, sind im Jahr 2014 beide Partner erwerbstätig“, heißt es in der Alterssurvey. Aber: „Trotz steigender Erwerbsbeteiligung von Frauen, übernehmen diese weiterhin zu großen Teilen die Hauptverantwortung für die Hausarbeit.“ Zudem unterstützten sie deutlich öfter kranke Angehörige und leisteten „private“ Pflegedienste. Seit 1996 hat sich der Anteil der Frauen bei all diesen Aufgaben sogar verdoppelt – bei den Männern fällt dieser Anstieg deutlich geringer aus, schreiben die Forscher. Es seien immer noch Frauen, die – trotz steigender Erwerbstätigkeit – die Hauptlast der Haushaltsaufgaben und Sorgetätigkeiten tragen würden. „Unsere Daten bilden die vergangenen 20 Jahre ab. Wir sehen, dass die Geschlechterunterschiede sehr beharrlich sind“, sagt dazu Dr. Katharina Mahne vom Deutschen Zentrum für Altersfragen: Manche sozialen Prozesse seien eben „sehr langsam“.

Oma und Opa müssen häufiger einspringen

Großeltern betreuen ihre Enkel heute viel häufiger als früher. „Eine mögliche Erklärung für den Anstieg könnte darin liegen, dass der Anteil erwerbstätiger Mütter schneller gewachsen ist als der Ausbau öffentlicher Betreuungseinrichtungen“, steht in der Alterssurvey. Insgesamt kombiniere fast ein Viertel der unter 66-jährigen Großeltern Erwerbsarbeit und Enkelkinderbetreuung. Dieser Anteil habe 1996 nur 15 Prozent betragen. Es sind vor allem die jüngeren Omas, die als „Enkelbetreuer“ eingespannt werden – was natürlich auch damit zusammenhängt, dass deren Enkel betreuungsbedürftiger sind als jene von älteren Großeltern.

Die Ehe wird unpopulärer

Man kann es beklagen, aber nicht wegdiskutieren: „Der Anteil der Menschen, die in der Lebensform der Ehe ins Alter kommen, sinkt“, heißt es in der Alterssurvey: Bei Personen zwischen 40 und 54 Jahren sei der Anteil Verheirateter von 82,6 Prozent im Jahr 1996 auf 67,4 Prozent im Jahr 2014 gesunken. Hingegen habe sich der Anteil lediger Personen im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. „Bei den 55- bis 69-Jährigen zeigt sich eine ähnliche Entwicklung mit Blick auf den Anteil Verheirateter – wenngleich weniger stark ausgeprägt“, schreiben die Forscher. Hier gebe es vor allem mehr Geschiedene und Getrenntlebende.

Die Kinder sind öfter weit weg

Kurze Stippvisite bei den erwachsenen Kindern? Das wird für Eltern zunehmend schwierig. Denn: „Während im Jahr 1996 noch 38,4 Prozent der Eltern angaben, dass ihre erwachsenen Kinder in der Nachbarschaft oder im gleichen Ort lebten, trifft dies im Jahr 2014 nur noch auf etwa ein Viertel zu“, steht in der Alterssurvey. Dabei seien „insbesondere jüngere sowie höher gebildete Eltern von diesen wachsenden Wohnentfernungen betroffen“. Aber: Der emotionalen Nähe tut dies offenbar keinen Abbruch. „Mehr als 88 Prozent der Eltern berichten von einer engen Verbundenheit mit ihren Kindern außerhalb des Haushalts.“ Und nur vier Prozent pflegten „keine engen Beziehungen“.

„Die Risiken, im Alter arm zu sein, steigen“

Leben im Alter – was heißt das heute? Ein Interview mit Dr. Katharina Mahne vom Deutschen Zentrum für Altersfragen.

Altersarmut ist „das“ Thema unserer Zeit – lässt sie sich noch aufhalten? 

Dr. Katharina Mahne: Die Armutsquoten der Älteren sind – aktuell – nicht höher als die der Jüngeren. Aber: Die soziale Spreizung zwischen Arm und Reich wird immer größer. Und: Die Risiken, im Alter arm zu sein, steigen ebenfalls. Doch das hat nicht die eine Ursache, sondern viele. Besonders gefährdet sind zum Beispiel Migranten, Langzeitarbeitslose, geschiedene Frauen ...

Apropos: Die Ehe wird seltener – müssen wir damit rechnen, dass es künftig mehr arme Frauen gibt?

Dr. Katharina Mahne: Nein – und ja. Einerseits sind immer mehr Frauen erwerbstätig, und eine kontinuierliche Berufsbiografie ist die beste Absicherung gegen Altersarmut. Allerdings ist Arbeit nicht gleich Arbeit: Jemand mit einem höheren Bildungsabschluss verdient mehr und kann somit mehr für den Ruhestand zurücklegen. Zudem gibt es nach wie vor starke Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen, selbst in der gleichen Position.

Immer mehr Rentner gehen arbeiten ...

Dr. Katharina Mahne: Aber die meisten machen das nicht aus einer finanziellen Notlage heraus! Sie machen ihre Arbeit – reduziert – weiter, weil sie schlichtweg Spaß daran haben.

Dabei sind doch die Belastungen im Job größer geworden. Ist das nicht ein Widerspruch?

Dr. Katharina Mahne: Nur auf den ersten Blick. Viele, die noch voll im Arbeitsleben stehen, sind froh, eine Stelle zu haben – wir beobachten eine gewisse Anpassung an die Umstände. Und diejenigen, die im Ruhestand weiter arbeiten, machen das in der Regel nicht in Vollzeit.

Nimmt man die Enkelbetreuung dazu, könnte es schon eine 40-Stundenwoche werden - oder?

Dr. Katharina Mahne: Derzeit sind die Großeltern – vor allem die Großmütter – tatsächlich sehr aktiv. Das wird sich aber ändern, insbesondere auch deshalb, weil die Zahl der Kitas steigt und Großmütter häufiger selbst erwerbstätig sind. Bildungspolitisch macht eine Fremdbetreuung durchaus Sinn: Kindergärten sind schließlich Lernorte. Und man muss auch sagen, dass Großeltern meist flankierend einspringen, etwa wenn Eltern in der Arbeit sind und das Kind nicht rechtzeitig abholen können.

Von Barbara Nazarewska

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Krätze ist wieder da - und sie gilt als hochansteckend
Die Krätze ist auf dem Vormarsch, behaupten Dermatologen. Die juckende Hauterkrankung ist nicht nur nervig – sondern auch gefährlich.
Die Krätze ist wieder da - und sie gilt als hochansteckend
Hat Wodka Red Bull etwa dieselbe Wirkung wie Kokain?
Für viele Partylöwen gehört Alkohol einfach dazu. Wodka mit Wachmacher Red Bull gemischt, zählt hier zu den beliebtesten Longdrinks - mit bösen Langzeit-Folgen.
Hat Wodka Red Bull etwa dieselbe Wirkung wie Kokain?
Neue Stotter-Therapien online: Sprechübungen weltweit
Geschätzt gibt es in Deutschland mehr als 800 000 Menschen, die stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Einer der Auswege: …
Neue Stotter-Therapien online: Sprechübungen weltweit
Nach Lipödem-Drama: Warum zahlt die Krankenkasse keine OP?
Viele Frauen leiden unter den Folgen eines Lipödems. Doch Krankenkassen wollen eine Fettabsaugung nicht bezahlen. Was Betroffene tun können, erfahren Sie hier.
Nach Lipödem-Drama: Warum zahlt die Krankenkasse keine OP?

Kommentare