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„Ich bin verwundbar. Das weiß ich jetzt.“ Dirigent Linkel ist auf sein Gehör angewiesen – vor einem Jahr hatte er einen Hörsturz. Eine Katastrophe. 

Plötzlich war die Welt still

Das Leben nach dem Hörsturz

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Das Gehör ist sein Kapital. Das war früher so, als Ingenieur für Akustik. Seit er als Dirigent vor Chören und Orchestern in ganz Deutschland steht, ist sein feines Ohr endgültig wichtigstes Werkzeug. Doch vor einem Jahr ändert sich Klaus Linkels Welt – er erleidet einen Hörsturz.

„Von vorne. Aber diesmal lächeln bitte.“ Chorleiter Klaus Linkel, 69, macht es vor, er zieht die weißen Augenbrauen nach oben. Er trägt ein extrabreites Grinsen im Gesicht, fast grimassenhaft. Doch so soll es sein, alles andere wirkt auf der Bühne nicht. Und schließlich sollen seine Frauen brillieren, die gerade im Vereinsheim der Chorgemeinschaft auf dem Brucker Volksfestplatz üben.

Linkel zappelt auf dem Stuhl, das grüne Kissen rutscht vom Sitz. Es ist eine dieser Proben, bei denen was passiert. Der Chorleiter ist voll da, er haut kraftvoll in die Klaviertasten. Dann reißt er die rechte Hand nach oben, schwingt nach links, nach rechts. „Drei, vier, und!“ Für die Ärzte ist Linkel ein Wunder. Keiner hätte ihn je wieder vor seinem Chor vermutet.

Es war die Nacht auf den 10. Dezember 2015, die alles änderte. Klaus Linkel fährt heim nach Eching im Kreis Freising, die Probe mit seinen Fürstenfeldbrucker Sängern: ein Erfolg. Endlich saß der Graf von Luxemburg. Nach Monaten. Die Bässe, Tenöre, Alts und Soprane trafen die Töne der Operette, das Wichtigste aber: Sie spürten die Musik von Franz Lehár, die Emotionen, die Liebe, die Verzweiflung. Sie werden am Konzert zu Neujahr begeistern, denkt Linkel, als er in die Einfahrt biegt.

Der Schock. Er sitzt im Bett, und die Welt um ihn herum schweigt.

Er trinkt ein Glas Wein mit Frau Lilli, die zwei spazieren durch die Nacht, bevor sie kurz nach Mitternacht zu Bett gehen. 4 Uhr: Klaus Linkel schreckt hoch. Er fühlt sich komisch. Sein linkes Ohr, es scheint wie bedeckt, als wäre eine Haube darüber. Irritiert, aber zu müde dreht er sich wieder um. Um 8 Uhr dann der Schock. Linkel sitzt im Bett, und die Welt um ihn herum schweigt. Er weckt seine Frau und sagt: „Ich hatte einen Hörsturz.“

Linkel kennt sich mit dem Gehör aus. Mit 20 verlässt er das Städtchen Erbendorf in der Oberpfalz und studiert Nachrichtentechnik und Psychoakustik an der TU in München. Gleichzeitig lernt er das Dirigieren am Richard-Strauß-Konservatorium. Seine Diplomarbeit handelt von Ruhehörschwellen – Schalldruck und Pegel, die das menschliche Ohr kaum mehr hören kann.

Endlich zurück bei seinen Sängerinnen: Klaus Linkel, 69, übt mit der Chorgemeinschaft in Fürstenfeldbruck.

Obwohl Ulrich Weder, Chefdirigent am Gärtnerplatz, ihm besonderes Talent zuschreibt, heuert Linkel als Ingenieur an. Es ist der sichere Weg, er und seine zwei Jahre jüngere Lilli haben geheiratet, Sohn Thomas ist da. Linkel entwickelt Lautsprecher für eine Ulmer Firma. Doch die Musik bleibt mehr als ein Hobby. Abends dirigiert er 85 Sänger eines Liederkranzes und einen Kirchenchor.

„Wer ist gestürzt“, fragt seine Frau schlaftrunken. Als sie versteht, eilen beide aus dem Bett und fahren zum Spezialisten nach Neufahrn. Ein Test ergibt: Nur das linke Ohr ist betroffen. Und es ist nicht vollkommen taub. Also spritzt der HNO-Arzt Cortison und befiehlt Ruhe. Die Musik soll Linkel zunächst vergessen. Der Dirigent kann den Arzt hören, begreifen tut er nicht. Noch nicht.

Linkel weiß, ein Hörsturz geht meist so schnell, wie er gekommen ist. Oft dauert die Krankheit nur wenige Tage, einige Stunden (siehe unten). Noch glaubt er, auch bei ihm werde es so sein. Keine Sekunde sorgt er sich um die zwei großen Konzerte in gut drei Wochen im Brucker Stadtsaal. Und um den Benefizabend in Freising eine Woche später. Insgesamt 1500 Karten sind bereits für die Auftritte verkauft.

Als Klaus Linkel am nächsten Morgen für eine zweite Ladung Cortison beim Spezialisten in Neufahrn sitzt, hält der plötzlich inne. Mehrmals wiederholt der Arzt den Hörtest. Dann lässt er die Hände sinken und sagt: „Ich mache da nichts mehr.“ Das Ehepaar soll sofort ins Klinikum rechts der Isar fahren. Linkel ist auf dem linken Ohr völlig taub.

1975 wird Linkel Chefredakteur der Zeitschrift „Hifi Exklusiv“. Er schreibt Testberichte über Lautsprecher und reist nach Amerika und Japan, um zu hören, was die neueste Technik kann. Zehn Jahre später nennt man ihn in der Branche den Hifi-Papst. Am Theater Haar vergöttert man ihn am Taktstock. Mit großen Chören und Orchestern studiert er Opern und Operetten ein. Ebenso am oberbayerischen Städtetheater. Und als die Chorgemeinschaft Fürstenfeldbruck nach einem Profi am Pult sucht, nimmt Linkel an. Mit der Aufführung „My Fair Lady“ setzt sich die Gruppe prompt von anderen Chören der Stadt ab und überfüllt die Sporthalle mit Zuhörern.

Das gute Gehör? Eine Selbstverständlichkeit. Dachte Klaus Linkel.

In der Klinik rechts der Isar ist die Diagnose nicht besser, die Behandlung kaum anders. Mit Cortison in den Adern kehrt Klaus Linkel heim, keine Geräusche, nur Ruhe. Im Nebenzimmer greift seine Lilli zum Hörer. Es ist Zeit, die Hiobsbotschaft zu überbringen. Am anderen Ende der Leitung: Helga Lindner, Vorsitzende des Chores. Die Frauen entscheiden, abzuwarten. Doch am nächsten Tag bricht Klaus Linkel zusammen. Ein Krankenwagen kommt.

Die ganze Woche liegt der Dirigent auf Station. Tage, in denen er mit Chor und Profi-Solisten proben wollte. Stattdessen schaut er ins weiße Zimmer, lauscht ins Nichts. Währenddessen treffen sich die Sänger zur Krisensitzung. Lindner hat keinen Ersatz-Dirigenten auftreiben können. Die Chorgemeinschaft muss alle drei Konzerte absagen.

Der Auftritt zu Neujahr ist Mitte der 1990er-Jahre Lilli Linkels Idee. Schnell etabliert sich das Konzert. Es läuft gut. Im Beruf wechselt er als Export-Leiter zurück zur Lautsprecherfirma. Parallel steht er vor den Münchner Symphonikern, geht auf Tournee, dirigiert in Kiel und Hamburg.

Linkel ist kaum daheim. Seine Frau scherzt, ihr Mann führe ein Doppelleben. Als er sich als Berater für Hifi selbstständig macht, wird es noch anstrengender. Bis zu 40 Mal steht der Dirigent pro Jahr vor Chören und Orchestern in den ganz großen Häusern der Republik, in Brüssel und in Graz. Nächtelang sitzt er daheim am Schreibtisch und arrangiert Stücke, schreibt für jedes Instrument, jede Singstimme die Noten einzeln nieder. Und mehrmals gibt er Kurse mit dem Titel „Wie hört ein Dirigent?“.

Als Linkel im stillen, weißen Zimmer liegt, wird ihm plötzlich klar, dass der Leistungs- und vor allem der Zeitdruck ihn hierhergebracht haben. Der Hörsturz, er ist die Antwort seines Körpers auf den immensen Stress, den er ihm seit Jahren angetan hat. Die Reaktion hätte noch schlimmer sein können. Bei einem Herzinfarkt wäre jetzt alles aus. Linkel schluckt. In dieser Nacht schläft er zum ersten Mal seit 40 Jahren durch.

Das Ohr bleibt taub. Und das, obwohl sich Linkel daheim in Eching verbarrikadiert, kein Besuch, kein Telefon, nur Ruhe. Selten traut er sich nachts mit seiner Frau vor die Tür – dann, wenn es ganz still ist. Anfang Januar stehen die Chancen auf eine Spontanheilung gegen Null. Die Ärzte sagen, sie können nichts mehr tun.

Doch Linkel will nicht aufgeben. Er versucht es mit Akupunktur und mit Neurologischer Integration, die das Nervensystem stimulieren soll. Außerdem geht er täglich stundenlang mit seiner Lilli an der Amper spazieren. Es ist Mai. Immer wieder verlangt er, dass sie ihm am Fluss ins linke Ohr brüllt, während er sich das rechte zuhält. Und eines Tages glaubt er, etwas zu hören. Ein Hörtest bestätigt: Das Ohr kann ein paar sehr leise Töne wahrnehmen. Vier Wochen später sind sie lauter. Ein Phänomen. Die Ärzte haben keine Erklärung.

Linkel traut sich, seinen Chor zu besuchen. Es ist die Generalprobe für die von ihm bereits im Vorjahr geplante Opern-Gala im Sommer. Kollege Julio Miròn hat für Linkel übernommen. Aber nur für dieses eine Konzert.

Endlich zurück

Nun ist Linkel zurück. Sein Gehör hat sich längere Zeit nicht verbessert. Es bleibt wohl dabei, dass er links kaum hören kann. Doch Linkel will nicht mehr daheim herumsitzen und der Stille lauschen. Er will es probieren, er steht wieder vor seinem Chor. Auch, wenn er jetzt ein anderer ist.

„Ich bin verwundbar. Das weiß ich jetzt.“ Nie mehr will Linkel es soweit kommen lassen, er hört täglich in sich hinein, will jedes noch so leise Warnsignal seines Körpers vernehmen. Anders, als im vergangenen Winter: „Ich habe gewusst, ich bin am Ende. Ich hätte aufpassen müssen.“ Der eine Spaziergang durch den Steinwald, daheim in der Oberpfalz, hatte als Ausgleich nicht gereicht. An einen Hörsturz habe er dennoch nie gedacht. „Ich habe mein gutes Gehör als selbstverständlich hingenommen. Das war falsch“, sagt er. Seine Lilli streichelt ihm die Hand.

„Nicht nervös werden, einfach drauflos“, appelliert Klaus Linkel an seine Sängerinnen im Vereinsheim der Chorgemeinschaft und fährt hoch. Das grüne Sitzkissen landet endgültig auf dem Teppichboden. „Ihr singt, als hättet ihr Angst vor dem höchsten Ton“, ruft der weißhaarige Mann in Jeans und blauem Pulli. In wenigen Wochen ist Neujahrskonzert. Sein Neujahrskonzert 2017. Schnell hechtet er zurück ans Klavier, schlägt in die Tasten. „Noch mal. Drei, vier!“

Und dann, gegen Ende der Probe, holt er ihn aus dem Notenhefter: den Graf von Luxemburg. Er sitzt noch immer. Dieses Mal kommt er auf die Bühne.

Das passiert bei einen Hörsturz 

Auf einmal streikt das Ohr, von einem Tag auf den anderen. Hörsturz. Der kann unterschiedlich ausfallen. Manche Patienten können hinterher hohe, andere tiefe Töne schlechter oder gar nicht mehr wahrnehmen. Andere Betroffene sind nach einem Hörsturz sogar taub. Aber nur einseitig, ein Hörsturz auf beiden Ohren tritt äußerst selten auf. Oft geht damit ein nervtötender Tinnitus einher.

Vergeht ein Hörsturz wieder?

Bis zu 400 von 100.000 Menschen sind jährlich betroffen, sagt Professor Hans Niedermeyer, Leiter des Hörzentrums München. Doch die Krankheit bleibt ein Mysterium, die Medizin ist ratlos. Arzt und Patient müssen auf Spontanheilung hoffen. Oft mit Erfolg, erklärt Niedermeyer: „Ein Hörsturz geht meist so schnell, wie er gekommen ist.“ In vielen Fällen passiert das über Nacht. „Vor allem bei Ersterkrankungen.“ Eine überraschende Genesung ist bis zu einem halben Jahr nach dem Hörsturz möglich. Sie funktioniert allein durch die Kraft des Körpers.

Was hilft bei einem Hörsturz?

„Denn wir können nicht viel machen“, sagt Niedermeyer. Außer Ruhe verschreiben und entzündungshemmendes Cortison spritzen. „Das hilft nicht gegen den Hörsturz, es kann den Körper aber bei der Selbstheilung unterstützen“, erklärt Niedermeyer. „Wirksame Medikamente gibt es nicht.“ 

Was sind die Ursachen für einen Hörsturz?

Schauplatz eines Hörsturzes ist das Innenohr. Mögliche Ursachen gibt es viele. „Die Hörsinneszellen, das sind kleine Haarzellen, die den Schall transportieren sollen, können ausfallen“, erklärt Niedermeyer. 

Durchblutungsstörungen durch verklumpte Gefäße, Entzündungen und Virusinfektionen können wiederum Grund dafür sein. Stress ist der Auslöser, glauben die Ärzte. Deshalb hat der Hörsturz auch den Spitznamen „Manager-Krankheit“. Wer sich über Jahre heftigem Leistungsdruck aussetzt, erhöht das Risiko für einen Hörsturz. Der tritt aber oft erst dann auf, wenn die Anspannung nachlässt. Wer einen ersten, leichten Hörsturz nicht ernst nimmt, riskiert einen zweiten, heftigen, der zum kompletten Hörverlust führen kann.

Von Carolin Nuscheler

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